Wenn Emil seine Erzieherin an ihre Grenzen bringt

Montagmorgen, 6:45 Uhr. Aus der Garderobe des Kindergartens hört man lautes Schreien. Es ist der fünfjährige Emil, die Erzieherin erkennt das schon. Jeden Morgen geht das so. Emil schreit und wirft sich auf den Boden. Seine Mutter redet leise und liebevoll, aber auch spürbar gestresst auf ihn ein. Dabei versucht sie, ihm die dicke Jacke und die Straßenschuhe auszuziehen.

Die anderen Kinder, die auch zu dieser Zeit von ihren Eltern gebracht werden, müssen über ihn steigen, um an ihren Garderobenhaken zu gelangen. Manche Mütter werfen mitleidige, andere genervte Blicke auf die Situation. »Warum macht dieses Kind so ein Theater? Hat die Mutter es nicht im Griff?«

Nach endlos scheinenden Minuten gelingt es Emils Mutter, ihren Sohn umgezogen auf den Arm zu nehmen. Er wehrt sich und strampelt und tritt, versucht sich aus ihrer Umarmung zu winden. Das kleine Gesichtchen ist rot und tränennass. So übergibt sie ihn der Erzieherin. Sie zuckt verlegen und entschuldigend mit den Achseln: »Zu Hause war noch alles gut…«

»Das wird schon«, antwortet die Erzieherin gespielt zuversichtlich und übernimmt das kleine, schreiende Bündelchen. Sie bemüht sich um ein Lächeln und nickt der Mutter zum Abschied zu. Die hetzt zur Arbeit. Nur nicht schon wieder zu spät kommen!

Emil kann sich gar nicht beruhigen. Er möchte vom Arm! Doch heruntergelassen, liegt er auf dem Bauch auf dem Boden, schluchzt und leckt Tränen und Schnodder von der Erde. Die Erzieherin ist unschlüssig: Das ist unhygienisch! Und eklig! Aber sie unternimmt nichts, denn er scheint ruhiger zu werden. Andere Kinder kommen nun in den Gruppenraum und verlangen ihre Aufmerksamkeit. Sie kann sich nicht nur um Emil kümmern.

Emil spielt seltsam

Als sie das nächste Mal nach ihm sieht, sitzt Emil allein und still am Fenster. Er hat sich beruhigt. In einer Hand hat er ein kleines Auto. Er hält es schräg vor die Augen und dreht hingebungsvoll und sehr konzentriert mit der anderen Hand an einem Rad.
Ein anderes Kind nähert sich ihm und greift auch interessiert nach Emils Auto. Emil knurrt empört, dreht sich weg und entzieht es so dem Zugriff. Sprechen kann er noch nicht. Das Kind soll verschwinden! Hier hat er doch seine Ruhe! Doch das andere Kind lässt sich so schnell nicht entmutigen. »Auto«, sagt es erwartungsvoll mit Blick auf das Spielzeug. Emil stößt es vor der Brust. Das Kind beginnt mehr vor Empörung als vor Schmerz laut zu schreien.

Die Erzieherin ist ratlos

Die Erzieherin kommt angelaufen. »Emil schubst!«, ruft das Kind schluchzend. Die Erzieherin nimmt es tröstend auf den Arm. »Emil!«, sagt sie tadelnd. Doch der sieht nicht einmal zu ihr auf.
»Was ist das nur für ein Kind«, denkt die Erzieherin. »Ich werde aus ihm nicht schlau«. Er scheint pfiffig zu sein. Manchmal schaut er, als würde er alles genau verstehen. Aber er schreit viel: wenn die Mama ihn bringt, wenn er sich zum Essen an den Tisch setzen soll oder wenn alle in die Garderobe gehen, um sich für den Garten umzuziehen. Er redet nicht und verwendet keine Gesten. Einmal hat er allerdings die Hand einer Erzieherin genommen und sie zum Regal gezogen, damit sie ihm das Auto herunterreicht. Sonst scheint er an anderen Menschen kaum interessiert. Wenn man ihn lässt, sitzt er stundenlang in der Ecke des Spielzimmers und dreht am Rad seines kleinen Autos. So ein Kind hat sie in ihrer ganzen Dienstzeit noch nicht in der Gruppe gehabt.

Emil ist im Autismus-Spektrum

Emils Verhalten unterscheidet sich in vielen Situationen von dem der meisten anderen Kinder seines Alters. Emil ist im Autismus-Spektrum. Seine Mutter hatte gerade gestern vom Kinder- und Jugendpsychiater die Diagnose erhalten.

Der Oma war bei ihren Besuchen das Verhalten von Emil aufgefallen und sie hatte der Mutter geraten, das beim nächsten Besuch beim Kinderarzt anzusprechen. Die Mutter hatte ja im Kindergarten auch selbst gesehen, dass sich Emil so ganz anders verhält als die anderen Kinder. Sie war eine Zeitlang hin- und hergerissen zwischen der Befürchtung, Emils Verhalten könnte Ausdruck einer Entwicklungsstörung sein und der Zuversicht, dieses kleine, im Familienalltag oft unauffällige Kerlchen, das sich stundenlang allein beschäftigen kann, würde schon bald zu sprechen beginnen und alle Sorgen wären verflogen. Doch die Bemerkung ihrer Mutter gab den Ausschlag. Sie nahm all ihren Mut zusammen und schilderte dem Kinderarzt ihre Beobachtungen.

Der Kinderarzt fand Emils Kontaktverhalten auch ungewöhnlich. Er überwies ihn zum Kinder- und Jugendpsychiater. Es war nicht einfach, dort einen Termin zu bekommen. Emil und seine Eltern mussten drei Monate darauf warten. Drei Monate der Sorge und Hoffnung, der Verzweiflung und Hilflosigkeit.

Dann mussten die Eltern Fragebögen ausfüllen und über seine Entwicklung Auskunft geben. Eine Psychologin nahm Emil mit in ein Spielzimmer und sich mit beschäftigte such mit ihm. Vier solche Termine gab es. Dann stand die Diagnose fest: Autismus-Spektrum-Störung.
Emils Eltern sind unglücklich. Sie haben auch nur eine vage Ahnung, was das für Emil und sie bedeutet. Zum Glück fand die Mutter bereits eine Selbsthilfegruppe ganz in der Nähe. Dort wird sie bald an einem Treffen teilnehmen. Das Gespräch mit anderen Müttern und Vätern, die ganz ähnliche Kinder haben wie ihr Emil, wird ihr guttun, hofft sie. Sie hat auch so viele Fragen!

Wie Emil den Kindergarten erlebt

Aufgrund seines Autismus ist Emil umstellungserschwert. Veränderungen bereiten ihm großen Stress. Das ist weder Machtkampf noch kindliche Laune. Es hat etwas damit zu tun, dass Emils Gehirn etwas anderes strukturiert ist als die Gehirne der anderen Kinder in seiner Gruppe. Daran hat niemand Schuld. Emils Eltern haben nichts falsch gemacht und sie machen auch nichts falsch. Autismus wird nicht durch schlechte Erziehung hervorgerufen.

Aber deshalb ist Emils Ankommen im Kindergarten so schwierig und deshalb kann er sich auch im Tagesablauf schlecht auf neue Situationen einstellen. Emil kann auch Eindrücke weniger gut sortieren und filtern. Er wird im Kindergarten förmlich erschlagen von den vielen Geräuschen der lachenden und spielenden Kinder, von dem bunten Chaos der durcheinanderlaufenden Mädchen und Jungen, von den Gerüchen nach Mittagessen und Gummibällen. Die Kindergartenwelt ist für ihn zu schnell, zu laut, zu voll, zu durcheinander. Schon wenn er in die Garderobe kommt, den Geruch der regennassen Kinderjacken in die Nase bekommt, wenn er das laute Treiben aus dem Gruppenraum hört, bekommt er Panik. Dann möchte er weg, schnell weg. Darum weint er und klammert sich an der Mama fest, macht sich steif und schwer, damit sie ihn nicht dort hineinschieben kann.

Darum zieht er sich gern in eine ruhige Ecke zurück, sobald er doch im Gruppenraum ist. Das Drehen am Rad beruhigt ihn. Das leise Schwirren ist ihm ein vertrautes Geräusch, das schnelle Vorbeihuschen der Speichen bekannt. Alles gleich, alles gut, alles gleich, alles gut…

Emil ist nicht neugierig wie die anderen Kinder. Er hat nicht das Bedürfnis, sich mit immer neuen Spielmaterialien zu beschäftigen. Er möchte nicht die Welt entdecken. Sie überfordert ihn und macht ihm Angst. Sein kleines, drehendes Autorad ist für ihn eine Insel der Geborgenheit.

Die anderen Kinder nimmt er manchmal wahr. Emil hat aber nur selten das Bedürfnis, ihnen näher zu kommen. Meist machen sie viel Lärm. Sie kommen ihm zu nahe, ihre Berührungen sind schmerzhaft und manchmal nehmen sie auch sein Auto. Seine Geborgenheitsinsel ist dann zerstört.

Emil hat auch keine Lust, den anderen etwas mitzuteilen. Wenn er nur sein Auto hat! Wenn er nur seine Ruhe hat!

Er kann nicht einschätzen, ob und wann Mama oder Papa ihn wieder nach Hause holen. Seinen Platz am Fenster hat er so gewählt, dass er die Tür im Auge behalten kann. Dann sieht er gleich, wenn Mama oder Papa da sind. Dann kann er gehen. Zu Hause ist es ruhiger als im Kindergarten.

Aber manchmal darf er dort nicht bleiben, an seinem guten Ort am Fenster. Die Erzieherin bringt ihn dann woanders hin. Setzt ihn an einen Tisch oder begleitet ihn zu einem Sandkasten. Emil weiß nicht, ob Mama und Papa diese Plätze kennen. Werden sie ihn dort finden? Emil hat Angst. Und wenn er Angst hat, muss er schreien.

Wie kann man Emil helfen?

Im Augenblick ist der Kindergarten kein guter Ort für Emil, an dem er sich wohlfühlen und an dem er lernen kann. Emil versucht im Moment nur, die Zeit dort zu überleben. Das ist schade. Zum einen, weil es Emil nicht gut geht aber auch, weil eine wichtige Chance für seine Entwicklung so nicht genutzt wird.

Man kann Emil helfen, von seiner Kindergartenzeit zu profitieren, wenn man versteht, wie er seine Welt wahrnimmt, wie er lernt und was er braucht.

 

Dr. Brita Schirmer ist ausgebildete Dipl.-Lehrerin an Sonderschulen und war 20 Jahre in der Schule tätig. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Fachbuchautorin und Dozentin mit dem Lieblingsthema Autismus. In ihrem Buch »Zappelphilipp, Trotzkopf & Co. Herausforderndem Verhalten von Kindern begegnen« gibt sie zahlreiche Anregungen für den Umgang mit Kindern wie Emil, Kindern, die uns im Erziehungsalltag herausfordern. Das Buch ist bereits in der 3., überarbeiteten Auflage erschienen.

 

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