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Aventiuren.

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Die Aventiure ist ein Ereignis, immer eine Suche und ein Wagnis. Sie zeigt den Protagonisten im...mehr

Die Aventiure ist ein Ereignis, immer eine Suche und ein Wagnis. Sie zeigt den Protagonisten im Zustand des Unterwegsseins und ist häufig grenzüberschreitend. Die Aventiure konfrontiert ihn mit einer Welt, in der das Vertraute und das Fremde sich auf unvorhergesehene Weise neu konfigurieren. Will man der Aventiure gerecht werden, so muss man auf Spuren und Zeichen neugierig und sorgsam reagieren und sich leiten lassen von einem System geltender Normen. Zugleich gilt es, sich auf das Unbekannte einzulassen und sich ihm gelegentlich auch anzuverwandeln. Die Aventiure gilt als Episode gesteigerten Sinns, der in keiner Allegorese zu fassen wäre. Sie ist immer auf den einen Protagonisten bezogen; ihre Überwindung erhöht seinen Status und verschafft ihm Anerkennung. Eine Aventiure zu bestehen, heißt aber auch, die gestörte Ordnung zu restituieren – und diese zu erneuern. In diesem Sinne lädt die mediävistische Reihe »Aventiuren« zu literaturwissenschaftlichen Aventiuren ein.


Auch Literaturgeschichte und Literaturgeschichtsschreibung sind mit dem Begriff der Aventiure beschreibbar: Gebunden an Konventionen und Traditionen, muss sich das Erzählen immer wieder befreien und neu verorten, muss Literaturgeschichtsschreibung immer neu aufbrechen, um Neues zu erkunden und Bekanntes wieder als fremd zu erfahren. Gerade am Umgang mit dem Konzept der Aventiure zeigt sich dies besonders prägnant. Man kann in der Geschichte des literarischen Erzählens ebenso ein Weiterführen des Aventiuren-Erzählens finden wie den Rückgriff auf Modelle vorhöfischen Erzählens. Man trifft auf Versuche der Umbesetzung des adlig-höfischen Modells hinsichtlich sozialer, kultureller und räumlich-zeitlicher Zuordnungen und schließlich auf die Transformation der mittelalterlichen aventiure zum frühneuzeitlichen abentheuer – mit all ihren Implikationen für das Erzählen. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Literatur zeigt sich so als experimentierfreudig und traditionsgebunden zugleich; ihr sollte seitens der literaturwissenschaftlichen Forschung in ebensolcher Weise begegnet werden.


Die Reihe »Aventiuren« möchte Raum bieten für neue Zugänge, die kalkulierte Wagnisse in fachlicher, historischer und methodologischer Hinsicht eingehen. Weniger bekannte oder vergessene Texte und Autoren sollen in den Blick geraten, ihr Status im etablierten System literaturhistorischer Darstellung überdacht werden. Und es gibt Texte und Themen, die darauf warten, ›erlöst‹ zu werden! Die Erprobung neuer methodischer Zugangsweisen mag manche als selbstverständlich hingenommene Ordnung stören oder als gestört erweisen, um dann produktive Vorschläge zu ihrer Neuformulierung anzubieten. Insofern hat die Reihe einen gewissen Experimentcharakter, und es sollte den Herausgeber*innen, Beiträger*innen und Rezipient*innen dabei eine der wesentlichsten Eigenschaften der âventiure im Gedächtnis bleiben: bestehen kann sie nur, wer das Risiko des Scheiterns auf sich nimmt.

Aventiuren.