Leben und arbeiten in zwei Welten – eine gesellschaftliche Realität für die 24-Stunden-Betreuer*innen aus Osteuropa

Auf den ersten Blick scheint das Pflegearrangement sehr attraktiv für alle Beteiligten zu sein, sowohl für die Pflegebedürftigen und ihre Familien als auch für die sogenannten Live-in-Betreuungskräfte und die Vermittlungsagenturen, vorausgesetzt sie sind in das Arrangement involviert.

Während für die deutschen Familien die Dienstleistung einer Live-in-Kraft eine gute Alternative zum Pflegeheim ist, da sie rundum Präsenz, Verlässlichkeit und Kontinuität im Pflegealltag bietet, vor allem aber weil sie bezahlbar ist, ermöglicht sie den Live-in-Betreuungskräften relativ schnell und – insbesondere für irregulär Tätige – unbürokratisch mehr Geld im Vergleich zum Heimatland zu verdienen und damit ihre ökonomische Situation und ihren Lebensstandard deutlich zu verbessern.

Sie gewinnen dadurch eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit, werten ihren materiellen Status auf, gewinnen an pflegerischer und betreuerischer Erfahrung, erwerben oder vertiefen Deutschkenntnisse, lernen ein neues Land, seine Kultur und seine Menschen kennen, stärken ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl und können letztlich auch ihre Wünsche verwirklichen.¹

Für die Agenturen ist die Vermittlung von Live-in-Betreuungskräften an deutsche Familien ihre Hauptaufgabe bzw. ihr Geschäftszweig. Sie arbeiten gewinnorientiert.

Schaut man aber etwas genauer hin, so wird relativ schnell deutlich, dass diese Pflegearrangements neben den vermeintlichen Gewinnen eine Reihe von Herausforderungen, Risiken und Verlusten, vor allem für die Live-in- Betreuungskräfte, mit sich bringen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Betreuungskräfte mit den Herausforderungen und Verlusten umgehen und wie sich diese auf ihre Lebenszufriedenheit auswirken.

Trennung von der eigenen Familie und Heimweh

Für Frauen und Männer aus Ländern mit einem niedrigen Lohnniveau bedeutet das Leben in zwei Welten ein ständiges Pendeln zwischen ihrem Heimatland und Deutschland. Während sie für z.B. sechs Wochen oder drei Monate ihrer Beschäftigung in Deutschland nachgehen, bleiben ihre Partner*innen, Kinder, Enkelkinder, (pflegebedürftige) Eltern und Schwiegereltern zurück im Heimatland. Die wochen- oder monatelange Trennung wird vielfach begleitet von Heimweh nach dem Zuhause, ihren Angehörigen und Freunden.

Die Folgen sind: familiäre Konflikte, Scheidung, Erkrankungen oder auch Rückzug der Live-in-Kräfte in die Einsamkeit in einem für sie fremden Land. Vor allem kann aber die Beziehung zum Partner/zur Partnerin unter dem Pendeln leiden, weil auf Entfernung die Aussprache erschwert wird, vorschnelle Entscheidungen getroffen werden, die im Nachhinein nur schwer revidierbar sind, oder das Vertrauen missbraucht wird, indem neue Partner*innen gefunden werden mit denen ein neues Leben begonnen wird.² Aufgrund der Trennung überwiegen daher häufig Gefühle wie Unmut und Unglücklichsein.

Des Weiteren kann das Zuhause der pflegebedürftigen Person ein eigenes Zuhause nicht ersetzen, eher schränkt das Wohnen unter einem Dach die persönliche Freiheit ein, da die Betreuungskräfte immer präsent und abrufbar sein müssen.

Überlastung und Überforderung im Betreuungsalltag

Schlechte Arbeits- und Wohnbedingungen, schwere psychische Belastung durch herausforderndes Verhalten der Pflegebedürftigen, fehlende oder unzureichende Unterstützung der Angehörigen, Nachtarbeit, fehlende oder zu kurze Erholungsphasen, Dauerpräsenz, unklarer Arbeitsauftrag, fehlende Hilfsmittel, vor allem aber unzureichende Deutschkenntnisse und fehlende Fachkompetenz führen häufig zu körperlicher und physischer Überlastung und Überforderung der Live-in-Kräfte. Bei längeren Aufenthalten in Deutschland, ohne Erholungspausen im Heimatland, kann es sogar zur körperlichen und seelischen Erschöpfung kommen.³

Wie steht es um ihre Lebenszufriedenheit und -perspektive?

Wie die bisherigen qualitativen Studien zeigen, haben sich die Live-in-Betreuungskräfte mit ihrer Lebenssituation einigermaßen arrangiert. Ein Großteil von ihnen bestätigt sogar, mit dem Leben »zwischen den zwei Welten« zufrieden zu sein. Vor allem, weil sie durch die Tätigkeit ihre eigene finanzielle Situation und die ihrer Familie verbessern können, aber auch, weil sie Wertschätzung von den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen für ihr Engagement erfahren.

Die Entscheidung für die Beendigung bzw. Fortsetzung der Betreuungstätigkeit orientiert sich am individuellen Gewinn aus der Pflegemigration und an ihrer Lebenszufriedenheit. Die Meisten entscheiden sich für die Fortsetzung der Tätigkeit, solange ihr gesundheitlicher Zustand es zulässt und die Arbeitsbedingungen zufriedenstellend sind. Nur Wenige ziehen eine Befristung bzw. Beendigung der Tätigkeit in Betracht. Meist sind es diejenigen, die schlechte Erfahrungen mit deutschen Familien gemacht haben oder ihr weiteres Leben an ihren eigenen Familien ausgerichtet planen, um ihre Beziehungen wieder aufleben zu lassen und zu stabilisieren.⁴

Forderungen, Erwartungen und Wünsche im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Live-in-Pflege

Die Forderung nach Legalisierung der prekären häuslichen Pflegearrangements wird vor allem auf Ebene der Fachexpert*innen immer stärker.

Aber auch die osteuropäischen Betreuungskräfte, auch wenn es hierzu nur punktuelle signifikante Befunde gibt, plädieren für die Legalisierung der 24-Stunden-Betreuung. Sie erhoffen sich dadurch den Erwerb des gesetzlichen Leistungsanspruchs aus der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im Falle von Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit, Pflegebedürftigkeit und im Ruhestand. Ein weiterer Vorteil der Legalisierung wäre der Wegfall des »Schwarzarbeiterstatus« samt der rechtlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den deutschen Familien.

Aus Sicht der polnischen Live-in-Betreuungskräfte bieten die Pflegearrangements eine Chance zur gegenseitigen Annäherung und Verständigung zwischen Pol*innen und Deutschen. Die direkte Begegnung wirkt sich positiv auf die Beziehung aus und korrigiert Vorbehalte sowie die teilweise noch existierenden negativen Bilder auf beiden Seiten.⁵

 

Helene Ignatzi (*1960) Dipl. Sozialgerontologin und Dipl. Sozialarbeiterin ist seit 2015 Professorin für Handlungslehre und Methoden der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Sie ist Mitbegründerin des Forschungsnetzwerks »Osteuropäische Betreuungskräfte« und Sprecherin der Fachgruppe »Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA). Gemeinsam mit Barbara Städtler-Mach hat sie das Buch »Grauer Markt Pflege.
24-Stunden-Unterstützung durch osteuropäische Betreuungskräfte« herausgegeben, das der Problemsituation der ungeregelten Normalität dieser Versorgungsform aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven mit Blick auf die Alltagspraxis nachgeht.

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¹ Ignatzi, H. (2014). Häusliche Altenpflege zwischen Legalität und Illegalität, dargestellt am Beispiel polnischer Arbeitskräfte in deutschen Privathaushalten. Soziologie. Band 85. Berlin: LIT VERLAG Dr. W. Hopf. S. 406-411

² Ebenda S. 432-434

³ Ebenda S. 435-437

⁴ Ebenda S. 438-442

⁵ Ebenda S. 444-456

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