Österreichs Kreuzzüge. Die Babenberger und der Glaubenskrieg 1096–1230 – Teil 2: Der Autor im Gespräch

Interview Teil 1

Das klingt in der Tat ungewöhnlich. Wer war diese Frau?

Es handelte sich um Markgräfin Ida, Witwe Leopolds II. und Mutter von einem der berühmtesten Babenberger, Markgraf Leopold III., den man später „der Heilige“ nannte.

Ida hatte 1096 den Durchmarsch mehrerer Armeen des Ersten Kreuzzuges durch Österreich miterlebt und drei Jahre später von der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter erfahren. Im Frühjahr 1101 zogen abermals mehrere Armeen aus den unterschiedlichsten europäischen Regionen gen Orient, um die Gebietsgewinne der westlichen Christen im Heiligen Land abzusichern und auszubauen. An diesem Kreuzzug wollte Markgräfin Ida teilnehmen. Dass sie keinen Gemahl mehr hatte, an dessen Seite sie hätte losziehen können, hielt sie von ihrer Entscheidung nicht ab.

 

Die Selbstermächtigung einer Frau vor weit mehr als 900 Jahren gewissermaßen?

Markgräfin Ida setzte, als sie im Frühjahr 1101 in der Kreuzzugsbewegung aktiv wurde, natürlich keine feministische Tat im heutigen Sinn. Zweifelsohne jedoch war ihr Handeln für eine Frau des frühen 12. Jahrhunderts höchst ungewöhnlich. Denn dass sich eine Fürstin einem Kreuzzug anschloss, kam im Hochmittelalter schon selten vor. Dass eine Fürstin aber nicht an der Seite eines Mannes – ihres Gemahls oder eines engen männlichen Verwandten – nach Jerusalem aufbrach, war in der gesamten, immerhin fast zwei Jahrhunderte dauernden Ära der Orientkreuzzüge ein Ausnahmefall.

Dazu gehörten Selbstbewusstsein und vor allem Mut, denn allein schon die im Hochmittelalter gegebenen Reisebedingungen erforderten eine ungeheure Leidensfähigkeit, dies vor allem, wenn man vorhatte, mehrere tausend Kilometer bis ans Ende der damals bekannten Welt zurückzulegen.

 

Was brachte die Babenbergerin zu diesem ungewöhnlichen Entschluss?

Die damals alles dominierenden Glaubensgründe werden auch bei ihrer Entscheidung eine starke Rolle gespielt haben, der Wunsch, das Heilige Land, wo sich das Leben und Leiden Jesu Christi abgespielt hatten, mit eigenen Augen zu sehen.

Es ist aber nicht auszuschließen, dass dabei auch ein im weiteren Sinn politischer Grund mitschwang, nämlich die Überlegung, dass das Haus Babenberg in der neuen, gewaltig hochlodernden Kreuzzugsbewegung Flagge zeigen musste, und dass es an Ida lag, dies zu tun. Ihr Sohn Leopold III. herrschte bereits seit einigen Jahren über die kleine Markgrafschaft Österreich, aber er war Idas einziger Sohn. Die Personaldecke im Haus Babenberg war um 1100 sehr dünn. Das Risiko, dass Leopold III. bei so einem gefährlichen Unterfangen wie einem Kreuzzug ums Leben kam, mag aus Idas Sicht zu hoch gewesen sein.

 

Wie spielte sich der Kreuzzug der Babenbergerin ab?

Eine der Armeen, die 1101 in Richtung Orient zogen, kam aus dem Herzogtum Bayern, dem die Markgrafschaft Österreich damals noch angehörte. Dieser Streitmacht schloss sich Ida von Babenberg an. Es war ein ziemlich großes Unternehmen, denn Herzog Welf IV. von Bayern beschloss, gemeinsam mit der Streitmacht des Herzogs von Aquitanien nach Südosten zu ziehen. Ida zog also mit einer, wenn man so will, Doppelkreuzarmee nach Südosten.

Zeitgenössische Indizien legen den Schluss nahe, dass sie beim Kreuzzug des Jahres 1101 eine gewichtigere Rolle spielte, als man es einer Frau im Hochmittelalter heute zutrauen würde.

Fortsetzung folgt…

 

Robert-Tarek Fischer ist promovierter Historiker. Er verfasste mehrere Publikationen zur Geschichte des Mittelalters sowie zur Geschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie zur Geschichte des 12. Jahrhunderts – darunter »Richard I. Löwenherz. Ikone des Mittelalters« und »Wilhelm I. Vom preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser«.

Sein neues Buch »Österreichs Kreuzzüge. Die Babenberger und der Glaubenskrieg 1096–1230« war auf der Longlist zum »Wissenschaftsbuch des Jahres 2022«. Weitere Infos dazu hier.

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