Mord im Parlament - Ein vergessenes Gemälde von Joseph Nicolas Robert-Fleury Oder: Wie Geschichtsbilder entstehen

Ein blutrünstiges Gemälde in Schloss Sayn

Was sich vor unseren Augen abspielt, ist ein veritabler Krimi.

Zunächst der merkwürdige Fund auf Schloss Sayn bei Bendorf am Rhein: Dort, in der Kunstsammlung des Fürsten Alexander zu Sayn-Wittgenstein, findet sich ein erstaunlich blutrünstiges Werk. Unvermittelt und etwas verloren hängt es unter lauter höfischen Porträts und inmitten einer hochkarätigen Gemäldesammlung vorrangig von Meistern der französischen Romantik des 19. Jahrhunderts.

Das Bild zeigt, wie eine Masse aufgebrachter französischer Revolutionäre und aufständischer Frauen mit Jakobinermützen ein Parlament stürmen, um dem verdutzten Sitzungspräsidenten ihre schauerliche Trophäe entgegen zu strecken: ein abgeschlagener Kopf auf einer Pike.

1795: Die furchtbare Tat. Der Mord im Nationalkonvent

Was sich auf diesem Bild vor unseren Augen abspielt, ist eine mörderische Geschichte: Dargestellt ist der dramatische Höhepunkt der Hunger-Revolte am 20. Mai 1795. Am Ende wird der Aufstand brutal niedergeschlagen, die Sansculotten verfolgt, die Linken im Parlament ausgeschaltet. Der Spuk der Revolution ist vorüber – bis 1830 wird sie sich nicht mehr erheben. Nun herrscht die Bourgeoisie.

Es war das einzige Mal in der Geschichte, dass es im französischen Parlament zum Mord an einem Abgeordneten kam. Der Ermordete – Jean-Bertrand Féraud – ist bald vergessen. Zum Nationalhelden stilisiert wird dagegen der Sitzungspräsident François-Antoine Boissy d’Anglas, weil er vermeintlich der Revolte stoisch standgehalten hat.

1830: Die Geschichtswerkstatt. Ein Wettbewerb für die Ausgestaltung des französischen Parlaments

Das Gemälde aus Schloss Sayn entpuppt sich als Werk des in Köln geborenen Joseph Nicolas Robert-Fleury. Es ist ein Entwurf für einen Wettbewerb, der 1830 entsteht. Im höchsten Auftrag: die Aufgaben für diesen Wettbewerb formuliert Innenminister François Guizot, der selbst Historiker ist, im Namen des Bürgerkönigs Louis-Philippe, der durch die Julirevolution 1830 zur Macht gelangt.

Ein großes Gemälde soll in der Mitte über dem Sitzungspräsidenten platziert werden und den Eid des Bürgerkönigs auf die Verfassung zeigen. Ihm zur Seite sollen zwei etwas kleinere – immer noch monumentale – Gemälde gezeigt werden: auf der einen Seite mit dem Motiv des mutigen Grafen Mirabeau, der 1789 im Namen des Dritten Standes nicht weichen will. Dies steht für die Freiheit. Auf der anderen Seite die blutrünstige Szene von 1795 und dessen Held Boissy d’Anglas, der die öffentliche Ordnung verkörpert. »Liberté« und »Ordre public« sind die Leitmotive der Julimonarchie.

Insgesamt 117 teils sehr junge Künstler konkurrieren somit um nichts Geringeres als um die Ausgestaltung der Stirnwand der Pariser Nationalversammlung. Die weitaus meisten nehmen am Wettbewerb für das Gemälde teil, das die dramatische Szene von 1795 zeigt. Das Bürgerkönigtum versucht damit, die Historienmalerei für politische Zwecke einzuspannen: Die blutrünstige Szene soll die Abgeordneten ermahnen, die politische Ordnung aufrecht zu erhalten und nicht dem Druck der Straße nachzugeben.

Grandios gescheitert

Vergebens: keines der Gemälde findet jemals Eingang in den Plenarsaal...

Zum einen aus politischen Gründen: ein Bild von aufständischen Massen ist nicht dazu angetan, pädagogisch zu wirken. Und es erinnert nur allzu schmerzhaft an aktuelle soziale Proteste gegen das Bürgerkönigtum.

Dann auch ästhetisch: Es ist umstritten, dass ein derart eng gefasster Wettbewerb mit politischen und moralischen Zielsetzungen wirklich große Kunst hervorbringen kann. Eugène Delacroix, der auch am Wettbewerb teilnimmt, kritisiert dies radikal und zu Recht. Sein Entwurf wird ebenso aussortiert wie der von Joseph Nicolas Robert-Fleury. Guizot ist mit seinem Projekt grandios gescheitert.

Was bleibt?

Diese Episode steht am Anfang der Herausbildung europäischer Parlamente. Die französische Nationalversammlung dient auf dem europäischen Kontinent als Vorbild – auch später für den Berliner Reichstag. Denn hier wiederholt sich am Ende des 19. Jahrhunderts eine ähnliche Geschichte: Drei Gemälde sollen die Stirnwand zieren, man schreibt einen Wettbewerb aus, der aber scheitert – und die Wände bleiben auch in Berlin leer.

Wie finden Parlamente ihre Sitzordnung? Wann und wo entsteht das, was wir heute im Bundestag und vielen andern Plenarsälen als »Rechts« und »Links« bezeichnen? Wie ist die Schauseite, auf die der Blick aller Abgeordneten gerichtet ist, gestaltet? Auch diese Fragen gehen zurück bis in die Zeit der »furchtbaren Tat« von 1795 und in die Zeit der Julimonarchie um 1830.

Und so versteht man am Ende auch, wieso die französischen Parlamentarier auf einen Gobelin und Wandbespannungen blicken – und ihre Kollegen im Deutschen Bundestag auf den Adler…

Hinter der spannend erzählten und packenden Reportage der Ereignisse von 1795 und 1830 auf der Basis zahlreicher französischer und deutscher Quellen verbergen sich tieferliegende und grundlegende Fragen der politischen Ikonografie und des Verständnisses von Demokratie in den Plenarsälen der Volksvertreter.


Mario Kramp, Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, ist promovierter Historiker und Kunsthistoriker. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur rheinischen und französischen Geschichte und Kulturgeschichte mit dem Schwerpunkt des deutsch-französischen Kulturtransfers im 19. Jahrhundert. Sein aktuelles Buch "Mord im Parlamenterzählt die Geschichte eines vergessenen Revolutionsgemäldes des Kölner Künstlers Nicolas Robert-Fleury.

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