Darf Wissenschaft autobiografisch sein?
Essay & Memoir kommen an die Uni

Von Judith Wolfsberger

 

Ich sitze in einem 100m2 großen lichtdurchfluteten Schlosssaal mit Blick auf die Tiroler Berge. An den lose verteilten Tischen, auf bequemen Bänken und auf Pölstern am Boden sitzen Studierende, die schreiben. Es sind DoktorandInnen der Uni Innsbruck, die mich eingeladen haben, für sie ein mehrtägiges Writers Retreat zu moderieren. Jetzt schreiben sie, tippen auf ihren Laptops und kritzeln am Papier. Es ist der erste Vormittag und sie brauchen sichtlich noch, bis sie warm werden, in Flow kommen, die Angst verlieren. Die Vorgaben für wissenschaftliches Schreiben sind eng und hoch, der Druck ist groß.

 

Schreibfluss und eigenes Denken

In meiner Mini-Lecture vor der Schreibeinheit sage ich ihnen, dass es kein wissenschaftliches Denken und Schreiben ohne Flow gibt. Denken passiert am besten im Schreibfluss, da kann es eigenständig und innovativ werden. Das freie Schreiben bringt implizites Wissen hervor, erlaubt es, Daten ausführlich vorzustellen und mit eigenen Fragen, der eigenen Denkweise und Sprache zu einem authentischen Text zu verschmelzen. Es gibt kein gutes Schreiben ohne selbstständiges Denken, keine Innovation ohne Flow, keinen guten wissenschaftlichen Text ohne „Ich“. Das sage ich und weiß, wie provokant ich damit bin. Denn an unseren Universitäten herrscht zumeist immer noch das ominöse Ich-Verbot.

 

Expressive Turn in der Schreibdidaktik

Meine Erkenntnis über die Notwendigkeit des Ichs im Text entspringt meiner über 15-jährigen Arbeit mit Schreibenden innerhalb und außerhalb der Wissenschaften. In der angloamerikanischen Schreibdidaktik, die etwa 100 Jahre alt ist, sprach man schon in den 1970er Jahren vom „Expressive Turn“. Das eigene Erleben und Leben gilt dort als die Quelle schlechthin. Textvorgaben und Zwänge, die vom eigenen Leben abschneiden, dies verbieten, ins peinliche Eck stellen, hemmen Innovation und Kreativität.

 

Wieviel „Ich“ verträgt nun die Wissenschaft?

Dazu habe ich in meinem Buch „Frei geschrieben“ (UTB) ausführlich Stellung bezogen. Kurz: Erstfassungen am besten locker und schnell schreiben, das Ich zulassen. Nötigenfalls später bei der Textüberarbeitung Ichs „verbergen“. Aber authentisch bleiben. Eigene Fragenstellungen und Thesen selbstbewusst für sich reklamieren.

 

Essays schreiben im Studium

Nun denn, ich denke, wir dürfen darüber hinausdenken. Wir brauchen viel mehr „Ich“ in wissenschaftlichen Texten und nicht nur dieses verschriene kleine Wort der Selbstmarkierung, das ja in ersten studentischen Arbeiten tatsächlich oft unpassend (und sehr unsicher) hineinstolpert in die strenge Textform. In meiner eigenen famosen Studienzeit an der Universität Berkeley habe ich unzählige Essays geschrieben. Kurze, fokussierte Arbeiten zu expliziten Fragestellungen, in denen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht, ja gefordert war, z.B. zu im Seminar gelesenen Texten Stellung zu beziehen. Eine eigene Position zu finden und gut zu argumentieren. Gelesenes und Gedachtes mit eigenen Erfahrungen und Lebenswelten in Verbindung zu bringen. Heute weiß ich, dass solche „Reader Response Essays“ eine wichtige didaktische Methode im gesamten angloamerikanischen Raum sind. Sie fördern Lernprozesse beim Lesen, Denken und Schreiben. Sie bauen Selbstbewusstsein auf und machen Wissenschaft spannend. Es geht darum, sich ganz eigene Zugänge zu komplexen Inhalten und Texten zu erschreiben. So weit, so gut, so gut beforscht.

 

Memoir in den Wissenschaften?

Auch unter etablierten und sich gerade etablierenden WissenschaftlerInnen regen sich seit einiger Zeit Stimmen, vor allem von Frauen, endlich auch „die Geschichten hinter den Geschichten“[i] zu erzählen. Eigene Erfahrungswelten als Wissensquelle und Boden für Fragen und Interessen offenzulegen. Den eigenen individuellen Blickwinkel  zu thematisieren und reflektieren, das sollte heutzutage zur wissenschaftlichen Lauterkeit gehören. Doch der Wunsch ist da, in wissenschaftlichen Publikationen die alte Norm des entsubjektivierten, entkörperten, ich-losen, scheinobjektiven Schreibens aufzubrechen.

 

 Manifeste

In meinem eigenen Memoir „Schafft euch Schreibräume!“ sind im letzten Kapitel Texte von jungen deutschen Wissenschaftlerinnen abgedruckt. In ihren „Manifesten zur feministischen Schreibpraxis“, die sie in einem Workshop mit mir verfasst haben, fordern sie ein ganz anderes, befreites, selbstbestimmtes, erzählerisches wissenschaftliches Schreiben. Die Medienwissenschafterin Lisa Conrad schreibt etwa ihrem Manifest: 

„Lasst uns aufhören Texte zu schreiben, die überall gleichzeitig sein wollen, alles gleichzeitig tun wollen und ALLES erzählen wollen. Lasst uns Texte schreiben, die immer an einem Ort sind, an einem ORT und an EINEM Ort. (…)Wir schauen von ihm aus auf einen anderen konkreten Ort (auch wenn das ein anderer Text ist). Wir benennen beides.“

Ich schlage für so eine VerORTung des wissenschaftlichen Schreibens eine Verschmelzung der Wissenschaft mit dem Genre des Memoir vor. Das hieße die eigene biographische Bezogenheit nicht nur offenzulegen,  sondern zum integralen Teil des wissenschaftlichen Projekts zu machen. Memoir goes science, sozusagen. Memoir?

Was ist eigentlich ein „Memoir“?

Memoir ist ein im englischsprachigen Raum sehr populäres Genre. Es handelt sich um literarische Darstellungen eines engen Ausschnitts, beschränkten Zeitraums bzw. fokussierten Themas aus dem eigenen Leben. Ohne Fiktionalisierung. Memoir gehört zu der großen Buchgruppe „Non-Fiction“, liest sich aber so gut wie Romane und verkauft sich zur Zeit viel besser als diese. Das Genre ist in den USA auch längst aus dem Schmuddeleck, bringt namhafte AuotorInnen hervor, wird von der  Literaturkritik anerkannt und international übersetzt. Bei uns berühmt wurde die Übersetzung von Frank McCourts „Angelas Ashes“ („Die Asche meiner Mutter“), fälschlich verkauft als „Roman“. Andere wichtige amerikanische AutorInnen sind, um nur wenige zu nennen, Maya Angelou, Patti Smith, Joan Didion, David Sedaris, Mary Karr, Cheryl Strayed, Gloria Steinem etc. Aber auch so wichtige europäische biographische Erzählungen wie die von Primo Levi, Marguerite Duras und Natalia Ginzburg können dem Genre Memoir zugeordnet werden.

 

Befreiungsgeschichten

Das Motto des Memoir ist „Life is stranger than fiction“. Das Leben liefert bemerkenswerte Geschichten, die dazu drängen, beschrieben zu werden und einer fiktionalen Erweiterung gar nicht bedürfen.  Authentizität geht vor. Wesentlich in einem Memoir sind befreiende Strategien und wichtige Erkenntnisse, die die AutorIn in einer herausfordernden Lebenssituation gewonnen hat. Den Lebens- und Erkenntnisweg der AutorIn beim Lesen eines Memoirs mitzuerleben, bereichert und inspiriert das eigene Leben und Handeln. Die ersten amerikanischen Memoirs wurden übrigens von Schwarzen, die von der Sklaverei des Südstaaten in den Norden geflohenen sind, verfasst. Flucht- und Befreiungsgeschichten, real erlebt, authentisch und inspirierend geschrieben. Z.B. „Twelve years a slave“ von Solomon Northup. Ein modernes emanzipatorisches Memoir wäre etwa „Lolita lesen in Teheran“. Die iranische Literaturwissenschaftlerin Azar Nafisi erzählt darin von ihren geheimen Lesezirkeln mit Studentinnen, in denen verbotene Klassiker Freiräume im Denken schufen.

 

Virginia Woolf sprengt Genre-Grenzen

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Memoir, habe Dutzende Memoir-Bücher gelesen, aus allen Gegenden der Welt, Memoir-Schreibseminare besucht und gehalten und selbst ein Memoir über meine Reisen auf Virginia Woolfs Spuren und ihrer Vision für schreibende Frauen der Zukunft geschrieben. Virginia Woolf ist nicht nur bis heute eine große Inspiratorin für weibliches Schreiben, sondern auch eine Autorin, die Genregrenzen in Frage gestellt und andere dazu ermutigt hat, dies zu tun.  Mein zweites Buch ist eine Wanderung zwischen Sachbuch, Memoir und Reiseessay.

 

Das eigene Leben mit der Forschung verbinden

Während des Schreibens dieses Buches bin ich schließlich auch auf Beispiele in der jüngeren amerikanischen Wissenschaftspublizistik gestoßen, in der universitäre Forschung mit Memoir verschmolzen wird. Etwa Ruth Behar[ii], die in ihrer Dissertation und dem Essay „Death and Memory“ ihre ethnologische Feldforschung über Todesrituale in Spanien mit ihrer zufällig zeitgleichen Erfahrung des Todes ihres Großvaters in den USA verflechtet. Sie erlebt und reflektiert schmerzhaft aus der Ferne sein Sterben, seinen Tod und den familiär-kulturellen Umgang damit, vermischt mit ihrem wissenschaftlichen Blick auf den spanischen Tod. Wie informiert das eigene Leben die wissenschaftliche Arbeit und, umgekehrt, wie prägt die wissenschaftliche Arbeit das eigene Leben? Das wären spannende Erzählungen!

Die Dissertandinnen und Dissertanden rund um mich schreiben nun schon den zweiten Tag, die Sonne scheint durch die geschwungenen alten Schlossfenster. Mittlerweile kenne ich aus den Pausen einige der Geschichten hinter den Dissertationsprojekten bzw. erahne sie. Sie schreiben engagierte und theoriegetränkte Arbeiten z.B. über Flüchtlinge, Disablity, Migrationserfahrungen und politische Konfliktzonen der Gegenwart. Die autobiographischen Aspekte ihrer Forschungen interessieren mich brennend und würden ihre Texte zudem auch erzählerisch enorm bereichern. Werden sie den Mut und Wege finden, diese in ihre Dissertationen einzubauen?  Und dafür Anerkennung finden?

„Ich würde gerne so schreiben. Die objektivierende Wissenschaftssprache hat ja auch mit Machterhalt zu tun. Warum führst du nicht die Machtverhältnisse an den Universitäten an, die es erschweren, auszuscheren?“, fragt mich die Dissertantin Frauke bei der Feedbackrunde am Ende des zweiten Tages des Retreats. Und der Dissertant Florian schreibt mir nach dem Retreat in einem Mail, dass Stuart Hall immer wieder seine Migrationsgeschichte aus Jamaika nach England in seinen wissenschaftlichen Werken thematisiert hat, als Wissensressource über soziale Strukturen und Prozesse. Auch Gayatri C. Spivaks machte ihre soziale Position als Frau aus dem globalen Süden in der westlichen akademischen Welt, ihre Privilegien und Verwundbarkeiten in ihren postkolonialen Theorien sichtbar.

Vorbilder gäbe es also einige. Den Mut zu neuen Textsorten finden wir am besten in geteilten Schreib-Zeiträumen, im bestärkenden Feedback, im partnerschaftlichen Austausch. Eben: „Schafft euch Schreibräume!“, in denen innovatives Schreiben entstehen kann. 

 


[i] Lisa Conrad in: Judith Wolfsberger, Schafft euch Schreibräume! Weibliches Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs. Ein Memoir, Wien 2018,  S. 244.

[ii] Vgl. Diane P. Freedman and Olivia Frey (ed.), Autobiographical Writing Across the Disciplines. A Reader, Durham: Duke University Press 2003.

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