Grauer Pflegemarkt: Wer ist hier tätig und wie sprechen wir von diesen „Tätigen“?

Wer sich mit dem Grauen Pflegemarkt beschäftigt und wer vor allem auf der Suche nach einer entsprechenden Unterstützung für einen Angehörigen ist, hat eine ziemlich klare Vorstellung davon, wovon hier eigentlich die Rede ist. Gesucht wird – so viel ist in der Regel klar – eine Frau aus Osteuropa, die in der Häuslichkeit des oder der älteren Pflegebedürftigen mit wohnt und die häusliche Versorgung, eventuell auch Pflege übernimmt. Diese Versorgung geschieht für einen bestimmten Zeitraum, in der Regel zwischen sechs Wochen und drei Monaten. Dann fährt diese Frau wieder in ihr eigenes Zuhause zurück und eine andere übernimmt die Versorgung in Deutschland.

Ein Phänomen ohne Namen

Die allermeisten Menschen in Deutschland wissen, wovon wir hier reden: eine Versorgungsform für alte Pflegebedürftige, die aber keinen »richtigen« Namen hat. Das allein ist schon der Rede wert: Es gibt dieses Phänomen der Versorgung, genauer gesagt, es gibt die Frauen, die diese Versorgung ausüben, ohne dass dafür ein offizieller Name existiert. In dieser »Namenlosigkeit« liegt bereits ein Hinweis auf die Situation, die eben nicht offiziell ist, sondern im »grauen Bereich«. Für alle betroffenen Beteiligten liegt darin eine Problemanzeige – wie kann es eine so wichtige Tätigkeit wie die spezielle Fürsorge für alte und pflegebedürftige Menschen geben, die keinen Namen hat? Die vor allem deshalb keinen Namen hat, weil sie eigentlich gar nicht existiert und – noch schlimmer – vielleicht gar nicht existieren dürfte?

Kann schon die Versorgungsform nicht unmissverständlich benannt werden, so gilt das noch viel mehr für die betroffenen Personen, die in dieser Form »Tätigen«. Was ist ihre Arbeit und wie sind sie dabei zu nennen? Kurz gefragt: Was ist der »Name der Rolle«?

Es handelt sich nicht um eine ambulante Pflege, denn ein professioneller Pflegedienst steht nicht dahinter. Es handelt sich nicht um Angehörige oder Freundinnen, auch wenn häufig eine große Nähe und vielfach auch eine lang anhaltende menschliche Beziehung entstehen. Es handelt sich auch nicht um Haushaltshilfen, die für eine bestimmte Zeit zur Unterstützung kommen, denn die wohnen üblicherweise in ihrer eigenen Häuslichkeit und kommen für eine bestimmte Anzahl von Stunden in den Haushalt einer anderen Person oder Familie.

Üblich sind verschiedene Bezeichnungen, die – so viel sei vorweg schon gesagt – allesamt nicht treffsicher sind.

»Dann holen wir eben eine Polin«

Sehr häufig gebraucht ist »die Polin«, was sich im allgemeinen Sprachgebrauch sehr durchgesetzt hat. Es wird damit aber nichts anderes ausgesagt, als dass es häufig eine Frau aus Polen ist, die zu dieser Tätigkeit nach Deutschland kommt. Natürlich kommen Frauen zu dieser Versorgungsform auch aus vielen anderen (süd)osteuropäischen Ländern: Rumänien, Bulgarien, der Slowakei, Litauen, Moldawien, der Ukraine. Da zu Beginn dieser Versorgungsform die meisten aus Polen kamen und auch aktuell noch sehr viele Polinnen in dieser Beschäftigung arbeiten, ist die Herkunft der ersten Hilfen gleichsam zur Bezeichnung geworden. Wenn die alten Eltern eine Hilfe brauchen – so denken und sprechen viele Angehörige –, dann holen wir eben »eine Polin«. Andere – Nachbarn, Freunde, Kollegen – haben auch »eine Polin« für ihre alten Eltern oder Ehepartner*in.

Mit Blick auf die Tätigkeit im deutschen Haushalt wird vielfach auch von »Haushaltshilfe« gesprochen. Das trifft insofern zu, weil ein großer Teil der ausgeübten Tätigkeit tatsächlich Hilfe im Haushalt darstellt: Einkaufen, Kochen, Aufräumen, Waschen, Bügeln, Putzen und anderes mehr. Sehr häufig kommen zu diesen Tätigkeiten im Haushalt auch noch pflegerische Tätigkeiten, teilweise in einem »schleichenden« Übergang: Dann erweitert sich die Sorge für die Kleidung um das Waschen und die Unterstützung beim Toilettengang, dann wird im Anschluss an die Mahlzeiten auch die Medikamentengabe übernommen, dann entwickelt sich eine eigene Kommunikation auch bei entstehender Demenz der alten Person. Im strengen Sinn kann dann aber nicht mehr von einer Haushaltshilfe gesprochen werden.

Die Grenzen verwischen

Auch in der umgekehrten Denkrichtung ist die Bezeichnung missverständlich: Wer von einer Pflegekraft, womöglich gar von einer Pflegefachkraft spricht, suggeriert, es handele sich tatsächlich um eine geprüfte – staatlich anerkannte – Gesundheits- und Krankenpflegerin. Das mag in einzelnen Ausnahmefällen zutreffen, in der Regel handelt es sich nicht um eine professionelle Pflegekraft. Hier wird ein Problem deutlich, das allerdings auch bei Angehörigen existiert: »Pflegenden Angehörige« sind ebenfalls in der Regel keine examinierten Pflegefachkräfte, übernehmen jedoch im häuslichen Bereich bei Angehörigen pflegerische Aufgaben. Die Frage der Haftung stellt sich hier nicht – wer kann schon von ungelernten pflegenden Angehörigen verlangen, dass sie alles »richtig« machen und beispielsweise ein Druckgeschwür (Dekubitus) oder eine Mangelernährung erkennen?

Wer also von »Pflegekräften« spricht, ordnet den Tätigen eine Kompetenz und damit auch eine Verantwortung zu, die sie nicht haben und die von ihnen auch nicht verlangt werden kann. Die Kompetenz einer Pflegefachkraft – die Planung und Durchführung der Pflege – können sie nicht erbringen. Wer meint, mit dem Wort Pflegekraft auch eine Anerkennung für die erbrachte Leistung zum Ausdruck zu bringen – »eigentlich ist unsere Polin doch fast wie eine Krankenschwester« –, übersieht, dass damit Grenzverwischungen einhergehen, die bei keinem anderen Beruf in diesem Ausmaß erfolgen. So würde – um ein Beispiel aus dem Dienstleistungsbereich zu wählen – niemals jemand den Nachbarn, der ihn im Auto mitnimmt, als gelernten Taxifahrer bezeichnen. Auch wenn die unzutreffende Bezeichnung »Pflegekraft« in einer positiven, weil wertschätzenden Sicht erfolgt, trifft sie den Tatbestand nicht.

Auch die Bezeichnung »Pflegehilfskraft« trifft die Tätigkeit nicht. Denn in der Regel arbeiten die Frauen aus Osteuropa eigenverantwortlich und ohne Anleitung oder Überprüfung durch eine Fachkraft. Ihre »Hilfstätigkeit« geschieht praktisch in vollständig eigener Verantwortung, sowohl was die Struktur der Tätigkeit (Wann mache ich was?) als auch den Inhalt (Was koche ich für den alten Menschen? Wie spreche ich mit ihm?) anbelangt. Wohl mag in einzelnen Fällen zusätzlich zur Haushaltshilfe aus Osteuropa ein professioneller Pflegedienst regelmäßig den Patienten oder die Patientin sehen, eine Anleitung der Versorgung findet dabei jedoch nicht statt.

Mythos Rundum-Versorgung

Vielfach wird ohne Beschreibung der tatsächlich ausgeübten Tätigkeit von »24-Stunden-Kräften« gesprochen. Es versteht sich im Grunde von selbst, dass niemand 24 Stunden an sieben Tagen arbeiten kann, völlig ungeachtet dessen, welcher Art diese Arbeit ist. Diese Bezeichnung – häufig von den vermittelnden Agenturen genutzt – lässt den Eindruck einer Rundum-Versorgung entstehen. Dass hier nicht nur ganz praktische und menschliche, sondern auch arbeitsrechtliche Grenzen existieren, zeigt der Beitrag von Christine Haberstumpf-Münchow in »Grauer Markt Pflege« (S. 11-21). Insofern trifft diese Bezeichnung am wenigsten die konkrete Situation und taugt überhaupt nicht als »Name der Rolle«.

Im wissenschaftlichen Diskurs ist der Begriff »Live-in« üblich, der sich lediglich an den Strukturen des Tätigkeitsverhältnisses orientiert. Über Inhalt und Verantwortung der Tätigkeit ist damit nichts ausgesagt. Außerdem ist das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch nicht eingeführt: Niemand sagt beispielsweise, seine Mutter habe jetzt eine Live-in zur Versorgung.

Noch keine befriedigende Lösung

Im Buch »Grauer Markt Pflege« sprechen wir bereits im Untertitel von »osteuropäischen Betreuungskräften«. Damit sehen wir zum einen, dass die Frauen für diese Versorgung überwiegend aus Ländern kommen, die politisch als Osteuropa bezeichnet werden können, verglichen mit dem ehemaligen politischen Begriff des Ostblocks. Dass hier ein Zusammenhang besteht, wird auch daran deutlich, dass Frauen aus diesen Ländern nach der Transformation ihrer Staaten in finanzieller Hinsicht schlecht dastehen und somit die Arbeit bei alten Menschen in Deutschland als lukrativ ansehen.

Die Bezeichnung »Betreuungskraft« ist unscharf und wäre vor allem gegenüber den rechtlichen Betreuer*innen für Menschen, die unter gesetzlicher Betreuung stehen, abzugrenzen wie auch gegenüber den Betreuungskräften für Menschen mit Demenz. Trotzdem haben wir uns für diese Bezeichnung entschieden, weil sie von allen nicht passenden Bezeichnungen die kleinste Differenz zu anderen Bezeichnungen beinhalten. Eine befriedigende Lösung kann diese Bezeichnung auf die Dauer nicht darstellen.

Zusammenfassend zeigt sich: auch wenn umgangssprachlich und von Seiten der Angehörigen häufig von »der Polin« gesprochen wird, ist diese Bezeichnung aus wissenschaftlicher Sicht unzutreffend, unzureichend und korrekturbedürftig. Die unklare Beschreibung der Tätigkeit, die vielfach unkorrekten Rahmenbedingungen der Anstellung, die nicht geregelte Qualifikation sowie die nicht überprüfte Qualität der (pflegenahem) Arbeit charakterisieren die Unschärfe der gesamten Versorgungsform.

Bei einer – möglichst offiziell und öffentlich eingeführten – Bezeichnung stellt sich die Frage nach einer Perspektive: Soll die Bezeichnung die gegenwärtig überwiegend gebräuchlichen Strukturen und Inhalte der Tätigkeit abbilden oder – zukünftig gedacht – eine Qualifizierung und ggf. auch Professionalisierung im Wort wiedergeben?
Eines ist klar: Die Tatsache, dass es für eine weit verbreitete Versorgungsform keine exakt zutreffende Bezeichnung gibt, signalisiert in einer weiteren Sichtweise das »Graue« – Unklare, Unbestimmte, Unkorrekte – dieser Versorgungsform.

 

Dr. habil. Barbara Städtler-Mach, Pfarrerin, ist Professorin für Anthropologie und Ethik im Gesundheitswesen an der Evangelischen Hochschule Nürnberg und Mitbegründerin des Internationalen Forschungsnetzwerkes »Osteuropäische Betreuungskräfte«. Gemeinsam mit Helene Ignatzi hat sie das Buch »Grauer Markt Pflege« herausgegeben, das die Alltagspraxis hauptsächlich osteuropäischer Betreuungskräfte und ihre Probleme durch unklare, ungeregelte und sogar ungesetzliche Strukturen aus wissenschaftlicher Perspektive betrachtet.

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