Ein Jahrhundertleben

»Ella Schapira (1897 - 1990). Lebensgeschichte einer jüdischen Kleidermacherin« ist mehr als der Bericht über ein spannendes Leben. Das Buch spiegelt auf mehr als 200 Seiten die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts wider. Es handelt von Not und Vertreibung, von Emanzipation und Säkularisierung und von einer bewundernswerten Frau. Es entsteht ein lebendiges Bild dieser Zeit der großen Katastrophen und schicksalhaften Familiengeschichten.
Ella Schapira musste dreimal flüchten.1905 wurde das Leben von Juden im russischen Berditschew, wo sie geboren wurde, unerträglich. In einer gefährlichen Flucht erreichte sie gemeinsam mit ihrer Mutter das damals österreichische Tarnopol, das heutige ukrainische Ternopil. Im Jahr 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Stadt als eine der ersten von russischen Truppen überrannt. Wieder war entschlossenes Handeln angesagt, wieder waren es abenteuerliche Umstände, unter denen die Flucht, diesmal nach Wien, gelang. Ein knappes Vierteljahrhundert lang war ihr eine ruhige Zeit gegönnt. 1938, sie war längst als erfolgreiche Kleidermacherin und dreifache Mutter etabliert, wusste sie sofort, dass sie handeln musste. Sie ließ alles aus ihrem Schneidersalon mit Ausnahme einer Schere zurück, nahm ihre Töchter – der Sohn war schon in die Tschechoslowakei geflüchtet – und fuhr nach England. Eine ihrer Kundinnen hatte ihr ein Visum und einen Job als Heimarbeiterin organisiert. Das Kleidermachen war ihr Beruf, ihre Leidenschaft und ihr Lebensretter.

Helen Liesl Krag, eine Enkeltochter von Ella Schapira hat bereits in den späten 1980er-Jahren in vielen Gesprächen und gestützt durch penible Recherchearbeit das Leben ihrer Großmutter aufgezeichnet. In den letzten Jahren sind seinerzeit verschlossen gebliebene Archive geöffnet worden, was eine noch präzisere Aufbereitung ermöglichte. Unterstützt wurde Krag von Ellas Enkelsohn Peter Menasse, der darüber hinaus in einem Essay erzählt, welche emotionalen Bindungen die Enkelkinder an ihre Großmutter hatten und immer noch haben.

Ella Schapira auf Facebook

Am 7. August 2020 passierte dann Sensationelles. Ella Schapira eröffnete eine Facebook-Seite. Dort begann sie Tag für Tag kleine Häppchen aus dem ihr gewidmeten Buch zu posten. Erika P., eine junge Frau schrieb als Kommentar zum ersten Eintrag: „Wie soll man das verstehen? Die Oma ist 1897 geboren und lebt 2020?“
In der Tat erstaunlich, darf einen aber nicht wundern, denn Ella Schapira hat ihr ganzes Leben Erstaunliches und Großartiges geleistet. Sie war ihrer Zeit voraus - über ihre Lebenszeit hinaus. Sie verständigte sich in vier Sprachen, in Jiddisch, Deutsch, Polnisch und Englisch – und am besten sprach sie in einer wohlklingenden Mischung aus allen vieren. Lassen wir sie auszugsweise zu Wort kommen.

Eintrag 7.8.2020
Meine ersten Lebensjahre bis zum Jahr 1905 verbrachte ich in Russland, wo die Familie meiner Mutter Chaje Sobel lebte. Mein Vater hieß Pinkas Wolfzahn. Er kam aus Österreich und hielt sich illegal in Russland auf. Die Eltern zogen gemeinsam nach Berditschew. Die Großstadt im Grenzgebiet zu Österreich bot dem Vater eine bessere Möglichkeit unerkannt zu bleiben. Zusätzlich änderten sie ihren Namen auf Berditschewski. Und so hieß ich zu Beginn meines Lebens Elke Berditschewski.
»Ich erinnere mich, dass ich einmal krank war, das war irgendetwas mit der Niere. Ich war sehr krank, der Doktor ist gekommen. Stell dir vor, man hat mich auskuriert, und seit damals war ich nicht mehr krank! Ich durfte nichts essen. Wir haben ein Zimmer gehabt und eine Küche, und der Vater hat sich mit der Mutter und der Schwester in der Küche versteckt, damit ich nicht sehen soll, wie sie essen. Von Badezimmer war keine Rede. Gewaschen haben sie mich in einem holzenen Bottich in der Küche. Ich weiß noch, dass vor der Türe eine Stiege war und dass im Gang ein Fass stand. Die Wasserträger sind immer mit Wasser gekommen und haben das Wasser ins Fass geschüttet. Das war ganz normal in Russland«.

11.8.2020
Mein Vater konnte als Illegaler nicht in Russland bleiben. Also ging er im Jahr 1904 über die Grenze nach Tarnopol in Österreich. Meine ältere Schwester Chane nahm er mit. Ich war da gerade einmal sieben Jahre alt und blieb bei der Mutter. An ein paar Begebenheiten erinnere ich mich noch. Zum Beispiel, als mein Onkel nach Berditschew kam, weil er zur russischen Armee eingezogen werden sollte.
»Das war 1905, wie der Krieg gegen Japan war. Man hat ihn zum Militär eingezogen, und er musste sich in Berditschew melden. Aber wie sie gehört haben, dass er zwölf Söhne hat, haben sie ihn gehen lassen. Das war eine Freude! Deswegen erinnere ich mich noch, weil das so eine Sensation war. Er ist eigens nach Berditschew gekommen, hat sich gemeldet und hat gleich gesagt, dass er einen Hof mit Kühen hat und zwölf Söhne, und da hat man ihn befreit. Ich weiß noch genau, ich bin noch im Bett gelegen in der Früh, wie er zu uns gekommen ist und meiner Mutter das erzählt hat.«

13.8.2020
»Die Tante Golde hat nicht bei uns gewohnt, aber sie hat in der Nähe gewohnt, in der gleichen Gasse. Ich sehe heute noch vor mir, wie sie immer draußen vor der Tür gesessen ist, mit grauen Haaren und mit noch anderen Weibern. Meine Mutter hat sie nicht leiden können. Einmal bin ich so am Trottoir herumgetanzt und hab geschrien: ‚Meine Mamme hut d’ch n’cht lib.‘ – ‚Meine Mutter kann dich nicht leiden.‘ Das war was! Das muss furchtbar gewesen sein für die Mutter. Ich glaub, die Mutter hat mich gehaut.«

17.8.2020
Meine Mutter konnte in den damaligen Zeiten nicht ohne Mann in Berditschew leben. So entschloss sie sich im Jahr 1905 zu meinem Vater nach Tarnopol in Österreich zu gehen. Sie mussten die Grenze illegal passieren. Ich war damals gerade mal acht Jahre alt.
»Meine Mutter hat einen ruthenischen Bauern, der uns über die Grenze gebracht hat, gekauft. Zuerst sind wir mit dem Bauern mit einem Fuhrwerk gefahren, und dann hat er uns über das Wasser getragen. Meine Mutter hat gesagt, er soll mich zuerst nehmen; sie hat Angst gehabt, dass mir was passiert. Er hat mich über die Schulter gelegt und hinübergetragen. Dann hat er mir gezeigt, ich soll ganz still sein, er hat den Finger so auf den Mund gelegt. Ich hab gewusst, dass ich nicht weinen darf, damit man uns nicht hört, und ich hab Angst gehabt. Ich war ganz still, es war finster, und ich hab nicht gewusst, ob die Mutter kommt. Aber dann ist er mit ihr gekommen, auch so über die Schulter, und wie ich sie gesehen habe, war schon alles gut.«

19.8.2020
»Mein Vater war der älteste Sohn. Er hat einen jüngeren Bruder gehabt, den Nuchim, der hat der Großmutter das Standl eingerichtet, damit sie soll unabhängig und selbständig sein. Er hat garantiert für die Waren. Er hat selbst gehabt ein Geschäft im Mamritscher Gässel. Das war so eine spezielle Gasse beim Markt, ein schmales Gasserl, wo lauter Geschäfte waren, Lebensmittel und Kleider und so. Auf beiden Seiten waren nur Geschäfte, auf der einen Seite, auf der andern Seite, überall nur Geschäfte. Er hat Bänder und Borten gehabt. Wenn jemand nur ein Geschäft gehabt hat, war man schon nicht mehr arm. Da hat man schon helfen können. Er war nicht reich, aber er war schon wohlhabend.«


21.8.2020
»Wie wir im Jahr 1905 gekommen sind nach Tarnopol, hat man uns einquartiert. Von meinem Vater der Bruder seine Frau eine Schwester, die haben gewohnt in einem sehr, sehr herabgekommenen Haus mit vielen kleinen Wohnungen. Das Haus hat keine Toiletten gehabt. Nur nebenan war ein Gebäude mit Staatstoiletten, so öffentlichen Toiletten. Da waren so Abteilungen, und man hat gewartet, bis frei ist. Die ganze Gasse ist dort hingegangen, alle Leute, Winter und Sommer. Stell dir vor, in der Nacht, da musste ich die Leiter runter und dann im Nachthemd zu dem Haus und mich anstellen«.

25.8.2020
»Die Bäuerinnen in Tarnopol haben gesprochen Ruthenisch. Es war in Polen, aber dort, wo wir gewohnt haben, haben sie Ruthenisch gesprochen. Ruthenisch ist so wie Russisch, nur anders. Ohne Akzent. Jiddisch könnt ich noch heut´, ich hab nur nicht mit wem«.

27.8.2020
»Ich bin in die Perlschule gegangen in Tarnopol. Unten war ein Bethaus, und im ersten Stock über der Synagoge war die Schule – eine liberale Schule, keine fromme. Ich bin zwei Jahre in die Schule gegangen. Alles andere habe ich vom Leben gelernt. Was brauch ich studieren, wenn ich das wirkliche Leben hab?«

31.8.2020
»Wie ich in die Schule gegangen bin, da hat man einmal erwartet den Kaiser Franz Joseph. Da hat man uns gelernt. Die einen haben gesungen, die andern getanzt, man hat eine ganze Party vorbereitet, um den Kaiser von Österreich zu empfangen. Jedes Kind hat ein Lied gesungen. Ich konnte nicht singen, da hat man mir ein Gedicht gelernt. Der Kaiser hätte nach Tarnopol kommen sollen, er ist aber nicht gekommen. Ich weiß nicht, was da passiert ist. Aber ich meine nur, dass man mich abgerichtet hat.«

5.9.2020
»Ich hab Glück gehabt in meinem Beruf, wirklich wahr. Ich hab gewählt den Beruf, den ich gerne gemacht habe. Ich hab ihn auch gepflegt, ich hab ihn nicht für leicht gehalten. Das hat mir Glück gebracht. Dafür finde ich immer: Eine Frau, die abhängig ist von einem Mann, die nicht verdienen kann, das ist furchtbar.«

7.9.2020
»Von der Nachbarin der Sohn ist nach Hause gelaufen und hat gesagt: ‚Die Russen kommen!‘ Das war 1914.
Am nächsten Tag hat er gebracht einen Wagen mit Pferden. Ich weiß nicht, vielleicht hat er ihn aus der Kaserne genommen. Plötzlich waren da überall Wagen. Er hat uns alle genommen, das heißt, selbst ist er nicht mitgekommen, er hat ja kämpfen müssen. Die waren schon gepackt und alles, da hat die Mutter gesagt: ‚Kennt ihr n’cht mein Elkerl mitnehmen?‘ Hat sie gesagt: ‚Ja, ich n’ms mit.‘ Sagt sie, sie hat vier Töchter, wird sie noch eine haben.«

8.9.2020
»Ich hab genäht beim Galach. Weißt du, was a Galach is? Das is a Pfarrer. Wahrscheinlich war das a protestantischer Pfarrer, weil er hat gehabt a Frau und a Sohn. Die Frau vom Galach hat mich geholt, ich soll ihr a Kleid machen. Bin ich zu ihr nach Haus gegangen und hab dann bei ihr genäht und ihr a Kleid gemacht.
Am Abend zum Nachhausgehen – es war finster, und ich bin a junges Mädel gewesen – hat man mich nicht wollen allein gehen lassen. Hat sie gesagt, sie wird den Sohn mitschicken mit mir. Der Galach hat ihn nicht lassen, er hat Angst gehabt, die Leute werden reden. Hat er gesagt: ‚Nein, es wird a schlechten Eindruck machen im Dorf dort.‘ Bin ich gegangen, und der Galach allein is mir nachgegangen. Zehn Schritt hinter mir und hat aufgepasst.«

11.9.2020
»Wie ich 1938 aus Wien weggekommen bin? Das war auch eine Kunde von mir: Die hat mich rübergenommen. Sie hat eine Tochter gehabt, die hat studiert in Wien. Sie war ein englisches Mädel und war schrecklich angezogen.
Draußen sind gesessen Frauen, haben gewartet, dranzukommen. Ich hab das Mädel reingenommen und hab ihr gemacht neue Kleider. Is sie herausgekommen, haben sie sie nicht erkannt. Haben sie gesagt: ‚Was für ein Unterschied, ganz ein anderer Mensch.‘
Sie is nach Hause gefahren und hat mir dann geschrieben, ob ich nach England kommen will und für sie arbeiten.«

14.9.2020
Ich hab meine Zeit schon abgelebt. Ich hab alles erlebt, alles überlebt, fertig.

Ella Schapira starb im Jahr 1990. Noch einmal kamen ihre Nachfahren aus Israel, Deutschland, Dänemark und Österreich in ihr letztes, in ihr endgültiges Heimatland England. Bis heute ist sie das dichte Band, das die Familie zusammenhält. Diese große Frau hat Spuren hinterlassen, die noch lange wirken werden. Wer über sie lesen mag, wird sich ihr ebenso nahe fühlen, wie ihre Kinder und Kindeskinder.

Helen Liesl Krag, Prof. Dr., emeritiert, Studium der Slawistik in Wien und Kopenhagen, tätig in Forschung und Lehre, zuletzt Leiterin der Abteilung für Minderheitenforschung, Universität Kopenhagen, und Peter Menasse, Mag., Studium der Betriebswirtschaftslehre in Wien, heute Kommunikationsberater und Publizist, zuletzt (2019) Mitautor von „Hans Menasse – The Austrian Boy“, sind Enkelkinder der Hauptperson des Buches »Ella Schapira (1897 - 1990). Lebensgeschichte einer jüdischen Kleidermacherin«.»Ella Schapiras« Blog auf Facebook: www.facebook.com/ellaschapira/

 

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