Ein Abend mit Roland Girtler

Er ist, laut offizieller Bezeichnung und eigenem Bekunden, Professor an der Universität Wien, Soziologe, Kulturanthropologe, Randkulturforscher, vagabundierender Kulturwissenschaftler, Ehrenkiberer, Kolumnist in der Kronen Zeitung, Autor dutzender Bücher im Böhlau Verlag und mit zahlreichen Preisen und Verdienstzeichen ausgezeichnet, wie dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, dem Preis der Stadt Wien für Volksbildung oder der Kulturmedaille des Landes Oberösterreich.

Geboren wurde Roland Girtler am 31. Mai 1941 in Wien, Kindheit und Jugend verbrachte er in Spital am Pyhrn und im Stiftsgymnasium Kremsmünster. 1959 begann er an der Uni Wien ein Jus-Studium, wechselte aber zur Ethnologie, Urgeschichte, Philosophie und Soziologie. Während des Studiums verdingte sich Girtler als Bierausfahrer, Filmkomparse und Arbeiter am Naschmarkt. 1971 hat er das Doktorat erlangt, seit 1979 ist er Professor an der Uni Wien.

Soweit meine Einleitung, die ich als Girtlers Lektor bei seinem Vortrag Mitte Oktober 2021 im lese.treff.sierndorf, der Bibliothek der Gemeinde Sierndorf, im Wesentlichen durchbringen kann. Doch dann läuft alles anders als geplant. Schon beim Reinkommen braucht der Professor 20 Minuten von der Tür zum Podium. Es sieht so aus, als ob er jede/n der rund 50 Anwesenden persönlich begrüßen oder sogar kennen würde. 20 weitere Minuten vergehen, als er, gefragt, ob er in seinem Sakko einen bestimmten Brief mit sich führe, Schriftstück für Schriftstück an den Papst oder vom Bundespräsidenten auffaltet und zum Gaudium des Publikums vorliest und herzeigt. Mit Ausnahme des Bildes seiner Frau mit 17 oder 18, das darf niemand sehen. Der Kulturwissenschaftler erzählt von seinen Forschungen in der Wiener Unterwelt, von Gaunern, Strizzis und dem Strich, von alten Bauern und Siebenbürgen. Das Publikum wirft ihm Stichworte zu, stellt Fragen, lacht oft und herzlich. Ich verwandle mich in einen stummen Beobachter, der belächelt wird, wenn er mit dem Gesprächsleitfaden raschelt.

Um es kurz zu halten: Ich kann keine Leseprobe unterbringen und nur e i n e ganze Frage aus meinem Leitfaden – siehe unten – stellen. Was aber auch total ok ist. Denn mit seinen Geschichten beantwortet Roland Girtler ohnehin fast alle geplanten Fragen. Das Publikum ist begeistert, und nur das zählt. Aus der veranschlagten Stunde werden zwei, niemand verlässt den Raum. Eine halbe Stunde muss der Professor dann noch Bücher signieren (die anwesende Buchhändlerin ist ob des Andrangs am Büchertisch ebenfalls begeistert), beim Wein hinterher verwickelt er sein Publikum und sein Publikum ihn in weitere Gespräche ...

Nach drei Stunden verlasse ich die Bibliothek. Auch Roland Girtler ist bereits mit Hut und Rucksack fertig zum Aufbruch. Ob er allerdings wirklich gegangen ist, weiß ich nicht.

Martin Zellhofer, Böhlau Wien

 

Anhang: Der unbenutzte und trotzdem beantwortete Gesprächsleitfaden

Es gibt diese Geschichte mit deinem Erweckungserlebnis – dem Motorradunfall und deine Freundschaft mit dem Bettnachbarn im Krankenhaus – die dazu geführt hat, dass du Soziologe geworden bist und dich für die Milieus der Kriminellen, Bösewichte, Wilderer und Prostituierten zu interessieren begonnen hast … erzähle uns die bitte.

Was interessiert dich an den Randgruppen der Gesellschaft?

Jetzt wird’s ja so sein, dass dir Strizzis, Ganoven und Wilderer nicht einfach ein Interview geben werden. Wie erwirbt man sich deren Vertrauen?

Ist es gefährlich, in den einschlägigen Milieus dort zu recherchieren? Hast du gefährliche Situationen erlebt?

Bleiben wir bei den Gaunern… und schauen uns dein Buch „Rotwelsch. Die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden“ an. Du hast bei deinen Forschungen mitbekommen, dass Dirnen, Zuhälter und Kriminelle Wörter verwenden, die nicht für jedermensch verständlich sind … und dann zu sammeln begonnen?

Wie kann ich mir das vorstellen: du kannst ja nicht zu einem Einbrecher gehen und sagen: Red mal drauf los …

Das Buch ist einerseits eine Betrachtung von Bettlern, deren Historie und Gegenwart und deren Strategien und andererseits eine Sammlung von Begriffen aus der Gaunersprache. Ich lese mal was vor:

[Leseprobe Rotwelsch]

Ist der Alkohol deiner Meinung nach ein „Reiz“ – oder die Möglichkeit für diese Menschen, den eigenen Zustand zu verdrängen – oder erträglich zu machen?

[weiter Leseprobe Rotwelsch]

So kann es einem Sozialforscher ergehen. Ist dir das auch schon mal passiert?

Bist du in andere Rollen geschlüpft, um deinen Gesprächspartnern Informationen zu entlocken?

Solche Massenquartiere – hast du das auch gesehen und beschrieben?

Ich verlese noch Kostproben aus dem Wörterbuchteil … kennt jeder:
Haberer = Freund
Pücher = Gauner
Gscherter
Tschechern, drangeln

Jetzt wird´s schwieriger …:
Kuttinger in der Violetten = Richter
Gsölchter Hering = dünner Mensch
Hund = Vorhängeschloss

Du hast auch ein Buch mit dem Titel „Polizei-Alltag. Strategien, Ziele und Strukturen polizeilichen Handelns“ geschrieben. Hat die Polizei kein Problem damit, wenn du mit den Kriminellen arbeitest und umgekehrt?

Was hast du bei der Polizei erlebt?

Du beschäftigst dich in deinen Büchern aber auch mit Tier- und Landärzten anno dazumal und mit der alten, heute bereits verschwundenen bäuerlichen Kultur. Womit wir bei einem weiteren Buch sind, das wir uns näher ansehen möchten, „Aschenlauge. Die alte Kultur der Bauern“. Da kommen Mägde, Knechte, Bauern und Handwerker zu Wort, die die alte bäuerliche Kultur vor dem tiefgreifenden kulturellen und technologischen Wandel ab den 1950er-Jahren noch erlebt haben.

Im Vorwort fällt der Begriff „Mittelalter“. Was ist Mittelalterliches an der Kultur, die du beschreibst?

[Leseprobe Aschenlauge]

Sind die heutigen Bauern, wenn sie sich an diese Zeiten erinnern, nicht froh, dass es nicht mehr so ist?

Abseits des technischen Fortschritts: Was unterscheidet denn die heutige von der damaligen bäuerlichen Welt?

Ganz allgemein betrachtet: Was ist denn das Wichtige für dich, wenn du Menschen beobachtest und in der Folge beschreibst?

Statistische Daten spielen in deinen Büchern keine Rolle. Warum nicht?

Gibt´s Grenzen? Welche Menschen würdest du nicht porträtieren?

30 bis 40 Bücher über Kriminelle, Bösewichte, Wilderer oder Prostituierte, Kellner, den Wiener Prater, Pfarrersköchinnen, die Landler in Siebenbürgen, über originelle Persönlichkeiten usw. hast du geschrieben … Wie kamst du überhaupt dazu, dermaßen viele Bücher zu schreiben?

Kennst du die genaue Zahl?

Eines davon schauen wir uns noch näher an: „Die alte Klosterschule. Eine Welt der Strenge und der kleinen Rebellen“.

[Leseprobe Klosterschule]

Erzähle uns von der Klosterschule. Wie war es da? Die Patres waren streng und ihr habt Strategien entwickelt, um zu rebellieren?

Sind Gesellschaften, in denen viel verboten ist, für dich als Forscher interessanter als liberale Gesellschaften?

Gehen wir mal von den Büchern weg … LeserInnen der Kronen Zeitung kennen deine dortige Kolumne „Girtlers Streifzüge“. Wie kommst du zu den Geschichten? Fährst du einfach drauf los und schaust, ob sich eine Story ergibt?

Wo bist du da unterwegs?

Und was das Publikum hier interessiert: Hast du schon über die Umgebung hier geschrieben?

Wenn du heute hier noch ein Abenteuer erlebst: Stehen wir dann nächste Woche in der Zeitung?

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