Angst und die Sicherung der Daseinsberechtigung von Organisationen

Unter ungünstigen Bedingungen können die in einzelnen Bereichen des Gehirns entstehenden Aktivierungsmuster so dominant werden, dass sie die gesamte Arbeitsweise des Gehirns bestimmen. Das gesamte Denken, Fühlen und Handeln der betreffenden Person wird dann beispielsweise von der festen Überzeugung beherrscht, auf welche Weise eine herannahende Bedrohung abzuwenden sei.
In vergleichbarer Weise kann auch eine ganze Gesellschaft von den Vorstellungen wirkmächtiger Einrichtungen und Organisationen beherrscht werden, deren Vertreter und Vertreterinnen zu wissen meinen, wie eine gesamtgesellschaftliche Bedrohung abzuwenden sei, worauf es folglich in dieser Situation für den Fortbestand der jeweiligen Gesellschaft ankomme.
Wie sehr diese propagierten Vorstellungen aber in Wirklichkeit aus der Angst erwachsen sind, die betreffende Einrichtung oder Organisation könne ihre eigene Daseinsberechtigung verlieren und ihre Bemühungen zunichtemachen, die für ihren Fortbestand erforderliche gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung zu finden, wird dann meist erst viel später erkennbar.

Für ein optimales Funktionieren des Gehirns wie auch für eine gut funktionierende Gesellschaft ist es vorteilhaft, wenn alle Bereiche gleichberechtigt die jeweiligen Aufgaben erfüllen können, für die sie herausgebildet worden sind. Geht dieses gleichberechtigte Zusammenwirken im Gehirn verloren, weil sich einzelne Bereiche auf Kosten anderer durchzusetzen beginnen und mehr Einfluss auf das Gesamtgeschehen, also auf das Verhalten einer Person gewinnen, sprechen die Psychiater von einem psychopathologischen Zustand. Anschauliche Beispiele dafür sind Wahnvorstellungen, Essstörungen, Sucherkrankungen oder Zwangsstörungen. Wenn in einer Gesellschaft ein einzelner Bereich, wie beispielsweise im Verlauf der Corona-Krise das Robert-Koch-Institut mit seinen Vorstellungen und Einschätzungen maßgeblich alle anderen Bereiche der betreffenden Gesellschaft zu bestimmen beginnt, haben wir dafür keinen passenden Begriff. Günstig kann aber eine derartige Dominanz nicht sein.

Gerald Hüther

Im September erschien Gerald Hüthers neues Buch »Wege aus der Angst. Über die Kunst, die Unvorhersehbarkeit des Lebens

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