Wertschätzung, Partizipation und Lebensfreude in der Kita - Korczaks Pädagogik heute

Janusz Korczak, geb. Henryk Goldszmit (1878/79−1942), wird heute wiederentdeckt. Immer mehr Wissenschaftler/innen befassen sich weltweit mit seinen Schriften, deren wichtigste nun schon vor ca. 100 Jahren erschienen sind. Diesem „Revival“ fügt Prof. Dr. Irit Wyrobnik eine weitere Facette hinzu: Sie zeigt Korczaks aktuelle Bedeutung für Kindertageseinrichtungen bzw. die Pädagogik der frühen Kindheit auf. Im Folgenden gibt sie Einblick in ihren eigenen Weg zu Korczak und die Entstehungsgeschichte ihres Buches „Korczaks Pädagogik heute. Wertschätzung, Partizipation und Lebensfreude in der Kita“.

 

Wie ich zu Korczak kam – oder Korczak zu mir

Bereits im Alter von ca. 10 Jahren habe ich zum ersten Mal Janusz Korczak „kennengelernt“, und zwar als Kinderbuchautor, als ich zwei dtv-Taschenbuchausgaben seiner Kinderbücher „König Hänschen I.“ und „König Hänschen auf der einsamen Insel“ las (heute wird statt „König Hänschen“ korrekt „König Maciuś“ übersetzt). Das war Anfang der 1980er-Jahre. Janusz Korczak wurde mir später natürlich vor allem durch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust bekannt und dadurch in seiner Bedeutung erst richtig bewusst: dass er also ein polnisch-jüdisches Waisenhaus in Warschau geleitet hat und dann 1942 in Treblinka gemeinsam mit allen Kindern und Erzieher(inne)n ermordet wurde. Das ist übrigens das, was die meisten mit „Janusz Korczak“ verbinden: Er ist in die Geschichte als derjenige eingegangen, der die Kinder nicht verlassen, sondern sie begleitet hat – bis zum Schluss. Doch diese letzten Lebensjahre und die Ermordung in Treblinka überlagern häufig auch das, was davor jahrzehntelang sein Thema war: Rechte für Kinder einzufordern, ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen und vor allem kranken und armen Kindern, insbesondere auch Waisenkindern, zu helfen. Das war Korczaks Antwort auf die sich ihm aufdrängende soziale Frage. Korczak war darüber hinaus nicht nur Schriftsteller („aus Leidenschaft“) und Pädagoge („aus Zufall“), sondern auch Kinderarzt („von Beruf“). 

 

Korczaks Leben und Werk – mehr als nur eine Holocaustgeschichte

Dieses Engagement und der Umstand, dass er als Pädagoge mit seinen Werken auch international Anerkennung erfahren hat und als Wegbereiter der Kinderrechte betrachtet werden kann, ist weit weniger bekannt als das Verbrechen, das an ihm und den Waisenkindern begangen wurde. Diesem Korczak begegnete ich zuerst während meines Pädagogik-Studiums an der Goethe-Universität Frankfurt. Erst recht begann ich mich für Korczak zu interessieren, als ich im Jahr 2000 erfuhr, dass Korczaks „Sämtliche Werke“, herausgegeben von Friedhelm Beiner und anderen, in deutscher Sprache erscheinen sollten und bereits mehrere Bände davon existierten. Das machte mich neugierig, würde es doch eine neue Grundlage für jegliche weitere Auseinandersetzung mit seinem Werk bieten, zumal Korczaks Schriften in Deutschland bis dahin nur begrenzt verfügbar waren. Eines der wenigen pädagogischen Bücher, die seinerzeit von Korczak in deutscher Sprache vorlagen, war „Wie man ein Kind lieben soll“ (damals noch in dieser Übersetzung), das bereits 1967 vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht veröffentlicht wurde.

 

Korczaks Pädagogik entdecken: durch Lektüre – Lehre – Tagungen – Begegnungen mit Zeitzeugen – Besichtigung von Originalschauplätzen

Parallel zur Lektüre der bis dahin verfügbaren Bände der Sämtlichen Werke führte ich am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt 2002 meine erste Lehrveranstaltung zu Leben und Werk Janusz Korczaks durch, die auf ein breites Interesse bei den Studierenden stieß. Außerdem durfte ich im selben Jahr zu einer großen internationalen Korczak-Konferenz nach Warschau fahren: „Korczak: A New Anthropology of Education“. Dort hatte ich nicht nur Gelegenheit vorzutragen, sondern auch die Stadt Warschau, in der mein Großvater mütterlicherseits aufwuchs und aus der er 1939 bei Kriegsausbruch flüchtete, zum ersten Mal zu sehen. Außerdem konnte ich das Gelände des Vernichtungslagers Treblinka besichtigen und last but not least das „Dom Sierot“ (dt. „Haus der Waisen“) betreten. In diesem Gebäude betreute und erzog Korczak – mit Unterbrechungen – gemeinsam mit pädagogischen Mitarbeiter(inne)n über ein Vierteljahrhundert Waisenkinder, bis er es 1940 verlassen und mit den Kindern zusammen ins Ghetto ziehen musste.

 

Wissenschaftliche Beschäftigung mit Korczaks Leben und Werk

Seitdem ließ mich dieses Thema nicht mehr los, was sich einerseits in mehreren Artikeln widerspiegelt, die ich zu Korczak veröffentlicht habe, andererseits in Lehraufträgen und Tagungen, zu denen ich fahren und auf denen ich vortragen konnte, wie z. B. 2019 anlässlich zweier internationaler Korczak-Konferenzen an der Universität Patras in Griechenland und an der Universität Tel Aviv in Israel. Begegnungen und Korrespondenzen mit Korczakforschern wie Prof. Dr. Friedhelm Beiner und Dr. Michael Kirchner und mit Kindern von ehemaligen Zöglingen von Korczak, die sich selbst als sogenannte „Enkelkinder“ Korczaks begreifen, rundeten meine Erlebnisse und Erfahrungen ab.

 

Korczaks Pädagogik neu entdeckt

Da ich mich in meiner Hochschullehre seit 2007 vor allem auf die Pädagogik der frühen Kindheit konzentriere, interessierte mich besonders Korczaks Verbindung mit dieser Pädagogik, die bisher wenig Aufmerksamkeit erfuhr. Was sagte Korczak im Hinblick auf kleine, d.h. junge Kinder? Gibt es Texte von ihm zur frühen Kindheit? Worauf kommt es in der Erziehung während der ersten Jahre in Familie und Kindergarten an? Wie äußerte er sich dazu und was können wir heute noch von ihm lernen? Gibt es diesbezüglich zeitlose Aspekte in seinem Werk? Welche Haltung kommt in seinen Texten zum Ausdruck? Wie hat er seine Pädagogik umgesetzt? War Korczak nicht nur ein Pädagoge, sondern auch ein „Frühpädagoge“?

Bei der Vertiefung in die Lektüre fand ich nicht nur in seinen Hauptwerken „Wie liebt man ein Kind“ und „Das Recht des Kindes auf Achtung“, sondern auch in vielen anderen Schriften Schnittstellen zur heutigen Pädagogik der frühen Kindheit. Es wird deutlich, dass er sehr viel über jüngere Kinder geforscht, diese beobachtet und in seinen Werken beschrieben hat. So widmet er beispielsweise in „Das Kind in der Familie“ (1919), dem ersten Teil seines pädagogischen Hauptwerks „Wie liebt man ein Kind“, den Beschreibungen von Kindern im Säuglings- und Kleinkindalter viel Raum. Schriften wie diese werden in „Korczaks Pädagogik heute“ ebenso ausgeleuchtet wie Korczaks eigene frühe Kindheit und sein Wirken im Bereich der Frühpädagogik, z. B. in Kindergärten, Ferienfreizeiten und bei der Erzieherausbildung. Überdies widmet sich ein Kapitel des Buches ausführlich Korczaks Vorstellungen vom Erziehungsgeschehen. Hier wird sein Bild von der pädagogischen Fachkraft, vom Kind und vor allem von der Kindergruppe beleuchtet, denn er beobachtete Kinder meist in der Mehrzahl – in Gruppen.

 

Korczaks Pädagogik heute – Wertschätzung, Partizipation und Lebensfreude in der Kita

Die Frucht dieser wissenschaftlichen Arbeit liegt also in dem Buch „Korczaks Pädagogik heute“ vor. Es trägt nicht von ungefähr den Untertitel „Wertschätzung, Partizipation und Lebensfreude in der Kita“. Denn ich zeige hier nicht nur Korczaks Pädagogik und deren aktuelle Bedeutung auf, sondern insbesondere auch deren Relevanz für Kindertageseinrichtungen. Wie kann uns Korczak für unsere heutige Arbeit in Krippe, Kindergarten, Kindertagespflege, Hort und Heim inspirieren?

Dabei stehen ein wertschätzendes Miteinander, eine von Partizipation geprägte Lebensform und last but not least Freude bzw. Lebensfreude im Mittelpunkt. Korczak forderte Achtung, Respekt bzw. Wertschätzung für Kinder, er forderte also Erwachsene dazu auf, Kinder ernst zu nehmen, sie anzuhören und zu beteiligen, er forderte aber auch das Recht auf das Hier und Jetzt ein, auf „den heutigen Tag“, welches zusammen mit dem Recht auf Beteiligung vielleicht eines der wichtigsten von ihm formulierten Kinderrechte darstellt. Heute sind seine damals formulierten Rechte für Kinder in der UN-Kinderrechtskonvention verankert, z.B. in den Artikeln 3, 12 und 31. Es war jedoch ein langer und steiniger Weg bis dahin und auch heute noch werden Kinderrechte zwar häufig postuliert, aber weltweit noch zu wenig beachtet und umgesetzt.

Auf der Basis von Korczaks Beobachtungen und Befunden wird demnach in „Korczaks Pädagogik heute“ auf die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen eingegangen, z.B. auf die Bedeutung von Herzensbildung, Empathie, Achtung, Verantwortung, Selbstdisziplin, Beteiligung, Beschwerdemöglichkeiten, Freude, Heiterkeit, Humor und Glück.

Dies geschieht nicht rein theoretisch, sondern auch praktisch, indem ausgehend von Korczaks Pädagogik Anregungen für den Kita-Alltag gegeben werden. Somit richtet sich dieses Buch nicht nur an „Korczak-Fans“ und Studierende der Pädagogik oder Lehrende, sondern auch an alle, die in ihrer pädagogischen Praxis mit Kindern arbeiten und sich für den pädagogischen Alltag von Korczak anregen lassen möchten.

Das und noch viel mehr können Sie in meinem Buch finden, ich wünsche eine gute Lesereise durch die Korczak-Pädagogik! Korczaks Schriften – das werden Sie sehen – sind höchst lesenswert und bieten eine hervorragende Ideenquelle für unsere heutige pädagogische Arbeit mit Kindern. Ich hoffe, dass der Funke überspringt und mein Buch Sie motiviert, sich selbst eingehender mit Korczaks Pädagogik zu beschäftigen!

 

Korczak-Lieblingszitate von Irit Wyrobnik:

„Kinder werden nicht erst Menschen, sie sind es bereits.“

„Es hatte sich in mir die Einsicht noch nicht herauskristallisiert und bestätigt, dass es das erste und unbestreitbare Recht des Kindes ist, seine Gedanken auszusprechen und aktiven Anteil an unseren Überlegungen und Urteilen in Bezug auf seine Person zu nehmen.“

„Der Weg, den ich gewählt habe, um mein Ziel zu erreichen, ist weder der kürzeste noch der bequemste, für mich aber trotzdem der beste – denn es ist mein eigener Weg.“

„Jeder hat das Recht auf einen guten Lehrer und auf sein Portiönchen Himbeereis.“

„Immer, wenn du ein Buch aus der Hand legst und beginnst, den Faden eigener Gedanken zu spinnen, hat das Buch sein angestrebtes Ziel erreicht.“

 

Irit Wyrobnik, Dr. phil., Professorin für frühkindliche Bildung und ihre Didaktik am Fachbereich Sozialwissenschaften der Hochschule Koblenz. Vorstand im Institut für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit | Rheinland-Pfalz (IBEB); Mitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e.V. und in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Arbeitsschwerpunkte: Bildungs- und Erziehungsprozesse in der Kindheit, Professionalisierung der Frühpädagogik, Pädagogische Anthropologie, die Pädagogik Janusz Korczaks.

 

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