Wenn Kinder sich von ihren Eltern entfernen

Von Leonie Feuerbach

 

Bildungsaufstieg oder Abfall vom Glauben der Eltern

Wenn erwachsene Kinder sich von ihren Eltern entfernen, kann das viele Gründe haben: etwa einen Bildungsaufstieg, der Menschen von ihrem Herkunftsmilieu entfernt oder den Abfall vom Glauben der Eltern. In meinem Buch erzähle ich zum Beispiel von einer Beraterin Anfang 30, deren Eltern aus der Türkei kommen. Die Eltern wollen ein Enkelkind, das mit muslimischen Traditionen aufwächst, die Tochter will kein Kind, kann mit diesen Traditionen nichts anfangen – und distanziert sich immer mehr von den Eltern. Und ich erzähle von einem jungen Familienvater, dem der Klimawandel große Sorgen bereitet. Seine hedonistischen Eltern fliegen um die Welt oder besuchen ihn mit zwei verschiedenen Autos, wenn jeder danach noch woanders hinwill. Das entfremdet ihn immer mehr von ihnen. Ich habe mit einer Leipziger Künstlerin gesprochen, deren Eltern sich im Zuge der Flüchtlingszustroms 2015 und der Corona-Pandemie seit 2020 in ihrer sächsischen Kleinstadt radikalisiert haben; der Vater ist AfD-Mitglied und hat einen Waffenschein gemacht. Außerdem habe ich mit einem Pfarrerssohn geredet, der nicht an Gott glaubt. Ich erzähle die Geschichte einer Soziologiestudentin, deren streng muslimische Mutter aus Eritrea bis heute kaum Deutsch spricht. Sie selbst aber spricht kein Tigrinisch – beide leben also auch schon sprachlich in verschiedenen Welten. Von ihnen unterscheidet sich die Geschichte eines Musikers, der viele Jahre nicht verstand, warum er sich seinem Vater gegenüber immer so fremd fühlte. Erst als Erwachsener fand er heraus: Seine Mutter hatte eine Affäre gehabt, sein vermeintlicher Vater ihn gar nicht gezeugt. Auch seine Geschichte erzähle ich in meinem Buch.

 

Wann ist jemand von seinen Eltern entfremdet?

In einer großen Studie haben zwei Soziologen im vergangenen Herbst die Entfremdung junger Erwachsener von den eigenen Eltern untersucht. Ihre Definition: dass man den Eltern emotional nicht nahesteht und mit ihnen weniger als einmal im Monat Kontakt hat. Von 10.000 Leuten zwischen 18 und 45 waren bei dieser Definition zwanzig Prozent vom Vater und neun Prozent von der Mutter entfremdet – ganz schön viel. Ich würde sagen, man ist dann von den Eltern entfremdet, wenn man es so empfindet. Selbst, wenn man öfter als einmal im Monat Kontakt hat. Ich habe zum Beispiel mit einem Sohn von Russlanddeutschen gesprochen, Timur, der im Zuge der Corona-Pandemie sogar wieder bei seinen Eltern eingezogen ist, aber trotzdem eine tiefe innere Entfremdung spürt – ein laut dem Migrationsforscher Jannis Panagiotidis in Spätaussiedler-Familien verbreitetes Phänomen. Timurs Eltern kamen in den Neunzigern nach Deutschland, aber schauen bis heute viel russisches Fernsehen und verehren Putin. Timur kann das nicht verstehen.

 

Was macht die Beziehungen zu unseren Eltern so besonders?

Die Bindung zu den eigenen Eltern ist keine, für die wir uns entscheiden. Wir werden in sie hineingeboren. Wenn wir uns in der Beziehung zu unseren Eltern nicht mehr wohlfühlen, fällt es uns umso schwerer, uns gegen sie zu entscheiden und sie zu beenden, so, wie wir es mit einer Freundschaft oder Liebesbeziehung tun würden. Und die Bindung, die seit der Geburt besteht, werden wir auch mit einem Beziehungsabbruch nicht los. Familie, sagte mir eine Gesprächspartnerin, sei ein Stück Identität. Das wolle sie sich selbst und vor allem ihren Kindern nicht durch Kontaktabbruch mit ihren Eltern nehmen. So ist es auch bei Timur. Während er zu seinen Großeltern und einigen Cousins und Cousinen keinen Kontakt mehr hat, die alle russische und deutsche Fake News glauben und AfD wählen, würde er mit seinen Eltern nie brechen. Weil ihm die Beziehung zu ihnen wichtiger ist. Vor allem seine Mutter, erzählt Timur, bewundere er für ihren Weg. Und er sei ihr dankbar für all die Unterstützung, finanziell und emotional.

 

Wie äußert sich Entfremdung in der Familie?

Im Falle von Timur ist es so, dass sich die Entfremdung eine Zeitlang in heftigen Diskussionen ausgedrückt hat. Seine Eltern, so erzählte er es mir, glauben an Verschwörungstheorien, äußern sich oft fremdenfeindlich gegenüber anderen Einwanderern, die keine deutschen Wurzeln haben, in ihren Augen aber vom deutschen Staat besser behandelt werden. In der Pandemie bezogen sie Informationen aus dubiosen Quellen und erklärten ihrem Sohn dann beispielsweise, sie würden sich, wenn überhaupt, nur mit dem russischen Impfstoff Sputnik gegen das Coronavirus immunisieren lassen. Timur argumentierte dagegen, leitete ihnen Studien weiter. Seitdem Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, diskutiert die Familie nicht mehr. „Corona war global-abstrakt, jetzt geht es ganz konkret um Russland“, erzählt Timur. »Jetzt sind wir so weit voneinander entfernt in unseren Weltsichten, dass es nicht mal mehr lohnt zu streiten. Das könnte man als Verbesserung sehen, ich sehe es eher als Verschlechterung.« Timur sagt, das gelte vor allem für den Umgang mit seinem Vater. Während seine Mutter emotional betroffen sei vom Leid in der Ukraine, festige sich in seinem Vater eine innere Abwehr gegenüber allem, was er als gegen Russland gerichtet empfinde.

 

Wie lässt sich die Fremdheit überwinden?

Kurzfristig kann es sicherlich helfen, bestimmte Themen auszusparen, die entzweien. Vielleicht kommt dann irgendwann auch wieder eine bessere Phase, etwa, weil bestimmte Streitthemen wie die Pandemie oder der Krieg nicht mehr so virulent sind. Andere Themen liegen eher in der Familie begründet und verschwinden nicht, wenn man sie meidet. Etwa, dass Eltern Kinder immer unter Leistungsdruck gesetzt haben oder viel abwesend waren. Über solche Dinge sollten erwachsene Kinder sprechen – mit ihren Eltern oder auch mit einer Therapeutin. Eine innerlich empfundene Fremdheit ganz zu überwinden, ist sicherlich schwer. Aber immerhin: Die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hatten den Kontakt zu den Eltern nicht abgebrochen. Beziehungen sind auch unter Fremden in einer Familie möglich. Und sie wandeln sich ständig. Mal zum Schlechteren, wie bei Timur. Und mal zum Besseren, etwa bei dem Musiker, der seinen Vater in milderem Licht betrachtet, seit er weiß, dass er nicht sein Erzeuger ist. In der bereits erwähnten soziologischen Studie mit 10.000 Teilnehmern zeigte sich, dass sich innerhalb von zehn Jahren in 62 Prozent der Fälle die Kinder ihrer Mutter wieder annäherten und in 44 Prozent der Fälle ihrem Vater.

 

Leonie Feuerbach ist Redakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie schreibt vor allem über gesellschaftspolitische, aber auch psychologische Themen. Ihr erstes Buch gab ihr die Gelegenheit, diese Bereiche zu verknüpfen und zu schauen, wie gesellschaftspolitische Themen die psychologischen Dynamiken von Familienbeziehungen beeinflussen.

 

Literatur:
Arránz Becker, Oliver, Hank, Karsten (2021). Adult children’s estrangement from parents in Germany. Journal of Marriage and Family, 1–14. doi: 10.1111/jomf.12796
Panagiotidis, Jannis (2021). Postsowjetische Migration in Deutschland. Eine Einführung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

 

Bitte geben Sie die Zeichenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Passende Artikel
NEU
Fremd in der eigenen Familie
23,00 €