Systemische Onlineberatung – Astrid Hochbahn im Interview

Unsere Autorinnen Astrid Hochbahn (Gekonnt online in Beratung, Coaching und Weiterbildung) und Emily M. Engelhardt (Lehrbuch Onlineberatung) haben sich gegenseitig Fragen zum Thema Onlineberatung gestellt.

In diesem Beitrag beantwortet Astrid Hochbahn Fragen zum Thema systemische Onlineberatung und wie Fachkräfte diese Herausforderung meistern können.

 

Emily M. Engelhardt: Systemische Beratung, Therapie und Supervision waren bislang eher »offline« Angebote. Wie bewertest du als Systemikerin die Entwicklungen der letzten beiden Jahre?

Astrid Hochbahn: Den Anlass, die Corona-Pandemie, haben wir uns alle nicht gewünscht. Was daraus entstanden ist, finde ich aber sehr spannend. Ich sehe große Chancen in der Nutzung digitaler Tools: Wir sparen uns Zeit und Fahrtkosten, weil wir uns nicht für jedes »persönliche« Meeting auch wirklich treffen müssen. Wir können Menschen über große Entfernungen zusammenholen ohne größeren Aufwand. Corona hat Menschen, Institutionen und Unternehmen dazu gezwungen, sehr schnell neue Lösungen zu finden, damit wir den Betrieb aufrechterhalten und uns weiter begegnen können. Dass es heute möglich ist, mit Kund:innen flexibel zu vereinbaren, ob ein Treffen sinnvollerweise in Präsenz oder online stattfindet, begrüße ich sehr. Heute haben beide Formate nebeneinander ihre Berechtigung.

 

E. E.: Systemisch und digital!? Diese Frage stellen sich nach wie vor viele. Was spricht aus deiner Sicht für die Nutzung digitaler Tools und Settings in Beratung und Coaching?

A. H.: Emotional favorisieren die meisten meiner Kund:innen Präsenz-Treffen. Wenn Menschen Online-Settings wollen, dann in der Regel, weil es einen pragmatischen Grund dafür gibt, z. B. weil sie zu weit weg wohnen, weil ihr Zeitfenster klein ist und es dann effektiver ist, sich »eben« online zu treffen, weil sie familiär gebunden sind und sie zuhause so die Kinder betreuen können, weil sie erkrankt sind oder das Auto kaputt ist.

Ich finde, digital ist Vieles möglich. An vielen Stellen macht es gar keinen so großen Unterschied, ob man sich online oder in Präsenz trifft. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir oft nach einer längeren Beratung »auf Distanz« gar nicht mehr bewusst ist, dass ich die Menschen noch nie »persönlich« getroffen habe, weil der Kontakt auch online so persönlich ist.

An seine Grenzen stößt das Online-Format m. E. dann, wenn es um starke Gefühle geht. Wenn Menschen sehr traurig werden, fühle ich mich online mitunter sehr weit weg – das ist etwas anderes, wenn man gemeinsam in einem Raum ist: Menschen fühlen sich dann weniger allein mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz.

Und auch das Socialising im Rahmen von Veranstaltungen und Seminaren ist eingeschränkt. Eine Fortbildung besteht ja nicht nur aus dem offiziellen Teil – der funktioniert meist super. Aber in Präsenz trifft man sich danach noch beim Kaffee oder sitzt gemeinsam abends zusammen. Natürlich kann man auch online für solche Möglichkeiten sorgen, aber das ist anders.

 

E. E.: E-Learning oder Blended Learning sind ja nichts ganz Neues und trotzdem haben viele es erst während der Pandemie entdeckt. Was denkst du, wie sich der (systemische) Fort- und Weiterbildungsmarkt hier weiterentwickeln wird?

A. H.: Die Systemiker:innen haben sich für E-Learning und Blended Learning geöffnet. Vielleicht etwas widerstrebend, aber unter Pandemie-Bedingungen war ja nichts anderes möglich. Ich vermute, diese Entwicklung hätte sonst sehr lange gedauert, weil es m. E. bei Vielen nach wie vor starke Vorbehalte gibt und die Idee, dass Präsenz generell besser, näher, intensiver, »richtiger« ist.

Ich würde mir Offenheit wünschen zu experimentieren und vor allem Blended Learning-Formate weiterzuentwickeln, die das Beste aus beiden Welten zusammenbringen. Ich denke, dass sich das Rad nicht zurückdrehen lässt und das Digitale gefragt ist – nicht immer und für alles, aber als parallele Spur oder in Kombination mit Präsenz.

 

E. E.: Du unterstützt Menschen dabei, ihre »Ideen zum Leuchten« zu bringen – wie gelingt dir das online und was ist anders als im Präsenzsetting?

A. H.: Zu Beginn habe ich mich online meines systemischen Werkzeugkoffers beraubt gefühlt. Alles, was ich sonst selbstverständlich im Rahmen einer Beratung tun kann– Aufstellungen mit Stühlen, Handpuppen, Seilen und Gegenständen, Timelines, Malen – ging nicht mehr. Das hat bei mir eine Suchbewegung ausgelöst und ich bin schnell fündig geworden. Es gibt mittlerweile spannende digitale Lösungen, mit denen ich mir einen neuen Werkzeugkoffer basteln konnte: Und jetzt male ich halt digital und visualisiere Aufstellungen online. Ich mache die Erfahrung, dass der Effekt genauso gut ist. Sich ein Konzept oder Zahlen oder eine Webseite gemeinsam anzuschauen – was auch ein Teil meiner Arbeit ist – geht online super.

 

E. E.: Was ist für dich in der Online-Beratung unverzichtbar (z.B. Methode, Tool)? Oder welches herausragende Hilfsmittel hast du während der Pandemie für dich entdeckt? Was genau begeistert dich daran?

A. H.: Für mich ist ein Videokonferenztool wie Zoom unverzichtbar. Außerdem ein digitales Whiteboard, auf dem ich malen kann. Am liebsten nutze ich Conceptboard, manchmal aus praktischen Gründen das Whiteboard, das Zoom selbst bereitstellt.

Was mich an der Kombination von Zoom und digitalem Whiteboard begeistert, ist, dass es für mich die Präsenzberatung weitgehend gleichwertig ersetzt.

Für Konferenzen, Tagungen und Workshops schätze ich Mentimeter als Icebreaker. Und die kreativen Möglichkeiten, die Miroverse bietet, machen mir sehr viel Spaß.

Und du, Emily, hast mir mit deinem Buch Lehrbuch Onlineberatung (https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/onlineberatung-2aufl) überhaupt erst die Augen dafür geöffnet, dass ich auch Mails und Messengerdienster als Beratungstool nutze. Das lief sozusagen unterhalb meines eigenen Radars. Ausgehend von Terminabsprachen, die über diese Kanäle liefen, bzw. Unterlagen, die man sich hin- und herschickt, werden bei manchen Klient:innen die Mails länger und gehaltvoller und mausern sich zu einem eigenen Beratungsformat. Einem, das wichtig ist – weil es zwischen den »offiziellen« Terminen stattfindet, schnell und flexibel, zeitnah. Für manche Klient:innen ist diese Kontaktdichte wichtig und wertvoll.

 

E. E.: Bezogen auf die zahlreichen Tools, die man in der Online-Beratung nutzen könnte: Auf welche Kriterien achtest du, wenn du ein neues Tool ausprobieren/nutzen willst? Wie sollte der »Werkzeugkasten« zusammengesetzt sein?

A. H.: Für mich muss ein Tool gut handelbar sein, sodass in der Beratungs- oder Seminar-Situation die Teilnehmer:innen bzw. Klient:innen im Vordergrund stehen. Ich möchte mich auf sie und den Prozess konzentrieren können. Die Technik darf sich nicht in den Mittelpunkt spielen. Ich finde, eine Beratung oder ein Seminar darf nicht zur Technik-Präsentation werden, wo alle bewundern, wie souverän ich mit Tools umgehe. Menschen haben ein inhaltliches Anliegen -wenn die Technik dem dient, wunderbar!

Die Kosten sind durchaus auch wichtig. Für mich lohnt sich ein Tool nur, wenn ich es häufig einsetze – und die Kosten für die verschiedenen Tools summieren sich schnell. Das muss noch Sinn machen.

Ich glaube, dass es auch wichtig ist, Tools auszuprobieren und die eigenen Vorlieben zu beachten. Ich male bei Beratungen ständig – also ist es für mich besonders wichtig, dass ich das auch online kann. Das ist für andere Leute aber bestimmt ganz anders. Wer offline gerne mit Aufstellungen arbeitet, braucht hierfür Tools. Wer regelmäßig Genogramme macht, braucht geeignete Hilfsmittel.

Mein Ziel war es, mich in der Online-Beratung nicht »gehandicapt« und meines Werkzeugkoffers beraubt zu fühlen, sondern das mit Klient:innen tun zu können, was mir wichtig ist, um deren Anliegen klären zu können. Ich glaube, dass sich jede:r fragen sollte, wie er:sie gerne arbeiten möchte – und was er:sie dafür braucht. Und in der konkreten Arbeit merkt man dann, ob alles möglich ist und geht.

Ich glaube, wir brauchen alle eine Haltung des Ausprobierens und der kreativen Suche. Die Erlaubnis zu improvisieren und Erfahrungen zu machen und dazu zu lernen. Es geht nicht um Perfektion. Die Technik ist ein Hilfsmittel. Ich erlebe das so, dass Klient:innen ganz geduldig sind, wenn mal was nicht klappt – Hauptsache, es geht um sie und ihre Anliegen.

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Das Interview haben die Autorinnen schriftlich geführt.

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