Psychodynamische Überlegungen zur Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie - Psychodynamische Überlegungen

Sicher erinnern Sie sich auch, wie Sie die Anfänge der Pandemie wahrgenommen haben. Sie schien zunächst einmal »weit weg« zu sein, sich »irgendwo in China« abzuspielen. Viele von uns haben sich anfangs damit »getröstet«, alles sei vielleicht nicht schlimmer als die übliche Influenza-Welle. Die ersten »Corona-Emojis«, die mit dem Mundschutz, wurden verschickt. Ha ha.

Die Einschläge kamen näher, aber so richtig beunruhigt waren viele Menschen hier noch nicht. Im Nachhinein kann man vielleicht sagen, wir haben kollektiv geleugnet, dass das Ganze auch für uns zu einer Gefahr werden könnte. Diese Leugnung dürfte auch die Regierung ergriffen haben, denn es gab keinerlei Reisebeschränkungen für China und, wie wir später sehen konnten, auch nur rudimentäre Vorbereitungen, was notwendiges Material wie Masken und Desinfektionsmittel anging.

Leugnen und Horten - (Unglücklicher) Versuch der Gefahrenabwehr

Leugnung gehört zu den frühen Abwehrmechanismen: Dabei wird die emotionale Relevanz, die eine bestimmte reale Situation hat, gewissermaßen herausgekürzt;  man weiß um eine Gefahr, tut aber gleichzeitig so, als sei sie nicht vorhanden (fährt beispielsweise in Skigebiete, die bereits vom Ausbruch der Erkrankung betroffen sind und/oder feiert »Corona-Partys«).

Schließlich versucht das Individuum, das eigene Sicherheitsgefühl zu verbessern, meistens, indem es irgendwie aktiv wird und sich seiner Selbstwirksamkeit versichern kann. Man kann zum Beispiel einkaufen gehen und Vorräte anlegen.

Interessanterweise wurden bereits in der letzten Februarwoche des Jahres 2020 erste Absatzsteigerungen für Mehl, Seife und Nudeln (die Absatzzahlen verdoppelten sich) bemerkt, die Nachfrage für Desinfektionsmittel stieg auf das Siebenfache, eine Woche später auf das Achtfache des üblichen Wertes.

Und dann die Sache mit dem Klopapier. Es passte ja so schön, dass die zwanghaften Deutschen angeblich besonders scharf auf dieses anale Objekt waren. Tatsache ist aber wohl, dass auch in anderen Ländern Klopapier in Mengen gekauft wurde, in Skandinavien, USA, Großbritannien und Israel. Lediglich in Ländern, die eine andere Analhygiene praktizieren, wie im Iran oder in Italien, fand man diesen Ansturm eher befremdlich. Und ja, es hätte auch so schön gepasst, dass die Franzosen Wein und Kondome hamstern, es scheinen aber eher die Baguettes gewesen zu sein, bis zu 50, die von einer Person gekauft worden sein sollen. Und natürlich der Wein, wie in Italien und Spanien. In Amerika sollen sich vor den Waffengeschäften lange Schlangen gebildet haben. Nun ja.

Man kann doch vielleicht sagen, die Lage Ende Februar 2020 fing für viele Menschen an, etwas unheimlich zu werden. Und damit kommen wir zu einem für mein Dafürhalten wichtigen Punkt:

Für sehr viele Menschen, sagen wir mindestens für alle Jahrgänge ab 1950 war dies die erste große einschneidende international wirksame Krise! 

Die größte kollektive Krise seit dem 2. Weltkrieg

Vielleicht kann man sagen, dass die psychischen Reaktionen auf die jetzige - nach Jahrzehnten - erste große kollektive Krise von Anfang an unterschätzt worden sind, insbesondere die älterer Menschen, die man zu großen Teilen in Alten- und Pflegeheimen isoliert hat. Aber die gehen nicht auf die Straße!

Auch alle anderen Menschen standen und stehen vor großen Belastungen: Ängste, zu erkranken, stigmatisiert zu werden, allein zu sein, den Arbeitsplatz zu verlieren, existentiell bedroht zu sein.

Zugleich ist ein Großteil der »Zerstreuungsindustrie« und »Eventkultur«, bis hin zum Fußball, weggefallen, was die Menschen noch stärker auf sich selbst zurückgeworfen und zu kollektiven Regressionsphänomenen geführt hat.

Vielleicht kann man aber auch sagen, dass die unserer Gesellschaft innewohnende Gewaltbereitschaft und Aggression unterschätzt worden sind, für welche das Corona-Virus lediglich das Vehikel ist, das es ermöglicht, einen Teil davon, im wahrsten Sinne des Wortes, auf die Straße zu bringen. So wie vielleicht auch das Ausmaß der gesellschaftlichen Entgrenzung unterschätzt worden ist, der Drang, sich zu nehmen, was man haben will, und die resultierende destruktive Wut, wenn man es nicht bekommt. Auf einer politischen Ebene darf man wohl annehmen, dass nicht alle am wachsenden Wohlstand und den damit verbundenen größeren individuellen Freiheiten teilhaben durften, an der möglichst ungestörten Selbstverwirklichung, der Erfüllung der eigenen individuellen Interessen. Es gibt eine große Zahl von Menschen, die sich als benachteiligt, übervorteilt, ausgenutzt oder vergessen sieht und damit womöglich auch oft richtig liegt. Die vielzitierte »Schere, die auseinandergeht«, die äußere gesellschaftliche Spaltung leistet der inneren Spaltung Vorschub: »Wir« und »die«. »Die« sind dann die Projektionsflächen für eigene innere intolerable Affekte: Aggressionen und Wünsche, anderen etwas wegzunehmen, über andere zu bestimmen, Macht auszuüben etc.

Es ist nicht leicht, sich in der zum Teil überhitzten, zugespitzten Atmosphäre nicht auf die Seite der Aggression zu schlagen, sondern vielleicht stattdessen das vorläufig Verlorene zu bedauern, zu betrauern und auf das zurückzugreifen, was man hat und hatte.

Spaltung - Abwehr von Schuld und Trauer

Die Psychoanalytikerin Melanie Klein spricht von zwei unterschiedlichen psychischen Positionen: der depressiven Position und der paranoid-schizoiden Position, ursprüngliche psychische Zustände, die sie der Psyche des Kleinkindes zuordnet, zwischen denen wir aber auch im Erwachsenenalter immer wieder hin und her pendeln.

In der paranoid-schizoiden hat der Mechanismus der Spaltung die Vorherrschaft. Ein Objekt wird idealisiert und/oder entwertet. Die eigenen destruktiven Impulse werden im anderen verortet, so dass man sich folgerichtig von diesem bedroht und verfolgt fühlt. Dieser andere kann Christian Drosten sein oder »die Regierung« oder der Nachbar.

Ein anderes Objekt (oder auch dasselbe) wird idealisiert, als nur »gut« erlebt; dieses Objekt kann das eigene Ich sein oder eine Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, oder der Nachbar. Entscheidend ist, dass beide Objekte voneinander getrennt gehalten werden, sich gewissermaßen nicht berühren, aus Angst davor, das böse Objekt könnte das gute Objekt und damit auch das Selbst zerstören. Es steht also viel auf dem Spiel.

In der depressiven Position können Ängste, Sorge um das Objekt und Schuldgefühle in einem gewissen Umfang zugelassen werden, ohne dass statt ihrer sofort destruktive Wut oder existentielle Verzweiflung Regie führen. Wenn man so will, ist man auf dieser Position in der Lage, psychischen Schmerz zu fühlen und eine Zeitlang auszuhalten, ohne ihn sofort manisch abwehren zu müssen (indem man zum Beispiel shoppen geht, Beleidigungen herausbrüllt, etwas zerstört oder sich betrinkt). Man beginnt zu ahnen, dass ein und dasselbe Objekt gut und böse sein kann, dass man gar selber etwas dazu beigetragen hat, einem Objekt zu schaden (das kann auch das eigene Ich sein).

Wenn man so will, findet sich die Bewegung zwischen paranoid-schizoider und depressiver Position auch in unserem Umgang mit Mutter Erde, von der wir alles unbegrenzt haben wollen, die wir nach Herzenslust ausrauben, schädigen, zerstören, von der wir alles haben wollen, ohne ihr etwas zurückgeben zu müssen. Wir leugnen dabei unsere Zerstörung, rationalisieren sie, wehren manisch ab, indem wir uns zerstreuen, um nicht über die Folgen unseres Tuns nachdenken zu müssen. Dann aber treten wir (oder eben ein Teil der Gruppe) in die depressive Position ein, in der wir spüren, wahrhaben, was wir tun, wie sehr wir unserer Umwelt schaden, an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Wir spüren Schuldgefühle (und spenden vielleicht etwas oder trennen Müll) und haben den Wunsch nach Wiedergutmachung. »Schlägt« Mutter Erde zurück, in Form von Naturkatastrophen, z. B. auch in Form von Pandemien, dann geraten wir schnell wieder in die paranoid-schizoide Position, nicht zuletzt, weil wir uns in unseren Omnipotenzgefühlen und Allmachtsphantasien angegriffen und gefährdet sehen.

Die Corona-Pandemie in der depressiven Position durchzuarbeiten, hieße, einzusehen, dass wir gefährdet sind, im wahrsten Sinne des Wortes auf schmelzendem Eis leben, nicht allmächtig und unzerstörbar, sondern dass wir selbst es sind, die die Pandemie zur Pandemie machen.

 

Diana Pflichthofer, Dr. med., Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin (DPG, DGPT, IPV) und Gruppenanalytikerin (D3G), niedergelassen in eigener Praxis in Soltau. Dozentin, Supervisorin und Lehrtherapeutin. Arbeitsschwerpunkte: Behandlungstechnik, Methodenreflexion, Performanz, Traumatheorien und Ästhetik. 

 

 

Bitte geben Sie die Zeichenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Passende Artikel
NEU