Onlineberatung gut vorbereiten - Emily M. Engelhardt im Interview

Unsere Autorinnen Emily M. Engelhardt (Lehrbuch Onlineberatung) und Astrid Hochbahn (Gekonnt online in Beratung, Coaching und Weiterbildung) haben sich gegenseitig Fragen zum Thema Online-Beratung gestellt.

In diesem Beitrag beantwortet Emily M. Engelhardt allgemeine Fragen zum Thema Onlineberatung und wie sich Fachkräfte vorbereiten können, um erfolgreich online zu beraten.

 

 Astrid Hochbahn: Du bist eine der ersten, die sich überhaupt mit Online-Beratung beschäftigt hat – lange vor Corona und lange, bevor andere dieses Thema ernst genommen haben: Wie bist du auf das Thema Online-Beratung gestoßen und was hat dich daran fasziniert oder überzeugt?

Emily M. Engelhardt: Mein Weg zur Onlineberatung erfolgte eher zufällig, aber ich erinnere mich noch sehr genau an den Moment der Entdeckung, weil dieser eng verknüpft ist mit einem weltverändernden Ereignis: Dem 11. September 2001.

Ich saß zu dem Zeitpunkt in Kiel und grübelte über ein Thema für meine Magisterarbeit. Mein Studienschwerpunktthema war Medienpädagogik und vor 21 Jahren gab es zwar auch schon das Internet, aber Vieles in der Medienpädagogik drehte sich noch um das Fernsehen. Und so war auch der 11. September 2001 ein mediales TV-Ereignis, das dem der Mondlandung oder dem Attentat auf John F. Kennedy ziemlich nah kam. Rund um die Uhr konnte man mitverfolgen, wie erst der eine und dann der andere Turm des World Trade Center, scheinbar wie ein Spielzeugmodell, in sich zusammenstürzten. Es gab zu der Zeit noch kein Facebook oder Twitter über das sich die Informationen hätten verbreiten können, wie es heute der Fall ist.

Was hat das nun mit meiner Onlineberatung-Geschichte zu tun? Ich gab damals die folgenden Suchbegriffe in eine Suchmaschine ein: Kinder, Diskussion, 11. September 2001

Es öffnete sich eine virtuelle Welt, die ich bis dato noch nicht kannte: Eine Onlineberatungsseite für Kinder und Jugendliche! Die Suchmaschine hatte mich auf ein Beratungsforum gelenkt, in dem Jugendliche Beiträge eröffnet hatten, die sich mit den Ereignissen des 11. September 2001 beschäftigten. Ich war fasziniert von dieser Möglichkeit des Austausches unter Gleichaltrigen, begleitet durch professionelle (sozial)pädagogische Fachkräfte.

Und so bin ich bei dem Thema geblieben und durfte die spannenden technologischen Entwicklungen, die das Internet und seine Medien in den letzten 20 Jahren gemacht haben, beobachten und für die Beratung mitgestalten.

 

A. H.: Was immer wieder diskutiert wird – und auch in »Gekonnt online in Beratung, Coaching und Weiterbildung« bei vielen Thema ist: Wo siehst du Vorteile digitaler Formate, wo Nachteile? Hat beides nebeneinander Berechtigung?

E. M.: Häufig neigen wir dazu online und offline gegenüber zu stellen. Oftmals auch mit der Wertung einer Onlinewelt, die der »echten« Welt gegenübersteht. Ich glaube, dass diese Haltung nicht mehr zeitgemäß ist. Die Netzwelt gehört genauso zu unserem Leben wie die Welt außerhalb des Netzes. Eine Trennung ist schon deshalb nicht mehr möglich, da sich unsere Kommunikation und unser soziales Handeln sowohl im Netz als auch außerhalb abspielen und miteinander verwoben sind. Dies hat Friedrich Krotz schon Anfang der 2000er Jahre mit dem Begriff der »Mediatisierung« sehr prägnant beschrieben.

Onlineberatungsformate haben Vor- und Nachteile – so wie die Präsenzberatung auch. Vorteilhaft ist sicherlich für viele Klient:innen, dass sie die Möglichkeit haben relativ niedrigschwellig und meistens auch anonym Beratung und Unterstützung in Anspruch nehmen zu können. Ich sehe zudem gerade in der schriftbasierten Beratung per Mail oder Chat viele Chancen: Sich schriftlich auszudrücken erfordert natürlich einige Kompetenzen, ermöglicht aber eben auch eine besondere Form der Selbstreflexion. Klient:innen erhalten auch mehr Steuerungsmöglichkeiten im Beratungsprozess – ein Faktor, der für Beratende übrigens manchmal recht herausfordernd ist!

Natürlich hat auch das Onlineformat Begrenzungen: Die Kanalreduktion hat Auswirkungen auf das, was wir wahrnehmen können und unsere Möglichkeiten der Einschätzung sind damit begrenzter. Dennoch hat sich gerade durch die vergleichsweise neue Möglichkeit der Videoberatung auch in diesem Bereich einiges getan.

 

A. H.: Es gibt sehr viele Online-Formate? Welches schätzt Du persönlich am meisten und warum?

E. M.: Ich habe es schon angedeutet: Ich schätze vor allem die Möglichkeiten der schriftlichen Onlineberatung per Mail. Die zeitversetzte Kommunikation und das Schreiben an sich, habe ich für viele Ratsuchende als sehr entlastend und empowernd erlebt. Aber auch als Beraterin profitiere ich von der schriftlichen Kommunikation: Ich habe Zeit nachzudenken und beobachte mich selbst beim Beraten. Dazu gehört aufmerksames und engagiertes Lesen sowie eine achtsame Sprache – die Schriftlichkeit wirkt noch einmal ganz anders, als die gewohnte Mündlichkeit im Beratungsgespräch. Die Mailberatung ermöglicht es Menschen, denen das Sprechen über ein Thema schwerfällt, es zunächst aufzuschreiben und zu erproben schwere Themen einer anderen Person mitzuteilen.

Am Wichtigsten finde ich es jedoch, dass das Online-Format zu meinen Klient:innen passt und ihnen einen Nutzen bringt. Heute kombiniere ich vor allem analoge und digitale Kommunikationssettings und nutze Blended Counseling Konzepte, die ich auch in deinem Buch vorstelle.

 

A. H.: Was müssen Menschen lernen, die bisher in Präsenz beraten haben? Braucht man jetzt eine eigene Fortbildung? Wie lernt man das am besten?

E. M.: Ich bilde schon seit über 15 Jahren Fachkräfte für die Onlineberatung aus und glaube, dass diese Kompetenzen in Zukunft immer wichtiger werden; ganz unabhängig von irgendwelchen pandemischen Notsituationen, die uns dazu zwingen mehr online zu machen. Wir leben im Zeitalter der digitalen Transformation und Kommunikation – die der Kern von Beratung ist – findet nicht mehr ausschließlich in der Mündlichkeit und Präsenz statt. Beratende müssen also in der Lage sein, Kommunikationssettings mit verschiedenen Medien zu gestalten. Es gibt inzwischen einige Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, von kleinen Tagesseminaren bis hin zu großen Zertifizierungskursen. In der grundständigen Ausbildung, z. B. im Studium der Sozialen Arbeit, entwickelt sich nun auch einiges. Denn eines ist klar: Wir werden die Digitalisierung nicht aufhalten – dazu schätzen wir viel zu sehr, was sie uns bringt.

Am besten lernt man durch Ausprobieren und Erleben: In meinen Weiterbildungen vermittele ich natürlich Theorie und Hintergrundwissen, aber das Wichtigste ist es, die Medien und Kommunikationsformen zu nutzen und zu erleben. Erst vor ein paar Tagen hatte ich ein Auswertungsgespräch mit einem:einer Teilnehmer:in, der:die in einer Rollenspielphase in die Klient:innenrolle geschlüpft war und sagte »Ich bin überrascht gewesen, wie gut es mir als Klient:in getan hat, die Dinge einfach aufschreiben zu können und nicht der Berater:in ins Gesicht zu sagen. Ich glaube, da wäre vieles nicht zur Sprache gekommen!«

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Das Interview haben die Autorinnen schriftlich geführt.

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