Mein Weg mit der Schizophrenie – Zeichen des Zerfalls

Fast mein ganzes Leben lang habe ich mich einer ausgezeichneten geradezu anstößig guten Gesundheit erfreut. Ein Krankenhaus habe ich, von einer kleinen Ellbogenoperation nach einem Turnunfall mit etwa acht Jahren und dem überraschenden Genickbruch mit nachfolgender fünftägiger Beobachtung vor einigen Jahren einmal abgesehen, durch all die Jahrzehnte nie als Patient und „von unten her“ erlebt. Und dies, obwohl ich in meinen ersten Lebensjahren ein ausgesprochen kränkliches und richtiggehend jämmerliches Kind war. Keine einzige der damals üblichen Kinderkrankheiten, von den Masern und Röteln bis zu Scharlach und Diphtherie blieb mir erspart; in das erste Schuljahr konnte ich eines üblen Keuchhustens wegen erst mit sechswöchiger Verspätung eintreten. Die Wende zu einem gesunden und kräftigen Jungen, der sich notfalls auch gegen Größere ganz gut zu wehren wusste, trat (so stellt es sich wenigstens in meiner Erinnerung dar) während eines dreiwöchigen Ferienaufenthalts in einer Bauernfamilie in Goldiwil im Berner Oberland etwa in meinem sechsten Lebensjahr ein.

Es geht bergab
Seit einiger Zeit aber mehren sich die Zeichen eines zwar nur sehr allmählich, aber doch stetig voranschreitenden Zerfalls. Nicht nur Kraft und Ausdauer haben in den letzten Jahren, wie sich auf meinen immer seltener werdenden Berg- und Skiwanderungen zeigt, ganz eindeutig nachgelassen. Nicht selten plagt mich ein zwar durchaus erträglicher, aber doch recht unangenehmer ischiasartig ziehender Schmerz in der Kreuz- und Gesäßgegend. In den Ohren klingt seit Jahren fast dauernd ein zumeist zwar nur leises, gelegentlich aber bis zur Stärke eines vielstimmigen Zikadenkonzerts anschwellendes hohes Zirpen (ein sogenanntes Akuphän). Immer wieder gerötete und tränende Augen ohne ersichtlichen Grund. Vor Jahren hat man mir auf der Kopfhaut ein kleines Krebsknötchen, ein Spinaliom, entfernt, das immer wieder nachwächst und periodisch vereist werden muss. Auch von meinen Backenzähnen fehlen schon vier. Vom lebensgefährlichen Bruch des „Zahns“ des obersten Halswirbels nach einem rätselhaften Ohnmachtsanfall an einem Geburtstagsfest vor einigen Jahren ganz zu schweigen.

Dennoch fühle ich mich nach wie vor rundum gesund. So einige Jährchen werden mir, so denke ich, wahrscheinlich schon noch vergönnt sein. Und damit stellt sich zwingend die Frage, was ich in dieser begrenzten Zeit denn eigentlich noch erreichen möchte.

Was ich noch tun möchte
Auf jeden Fall möchte ich noch einmal so gut und klar wie nur möglich versuchen zusammenzufassen – auch über diesen Blog – , was mich seit Jahrzehnten umtreibt und was ich, wie ich dunkel und vielleicht überheblich zu wissen meine, quasi als Mission eigentlich noch auszusagen und zur Sprache zu bringen habe.
Aber auch sonst möchte ich so Vieles noch unbedingt tun: Endlich einmal die Bibel wirklich von Anfang bis Ende durchlesen, alle großen Mythen und Epen lesen oder wiederlesen, die Philosophie und überhaupt die Entwicklung des menschlichen Geistes weit systematischer studieren als ich dies bis jetzt getan habe, noch da- und dorthin reisen, nach Osteuropa insbesondere, aber auch nach Afrika, in die Türkei und in den Mittleren und Fernen Osten, Griechenland (und das Neugriechische) noch besser kennenlernen als bislang. Meine Wanderung durch die Schweiz auf dem Jakobsweg endlich weiterführen bis an die französische Grenze bei Genf, endlich mal die unzähligen, über Jahrzehnte angehäuften Fotos auf meinem Bürotischchen richtig ordnen und beschriften und überhaupt alle meine Angelegenheiten, meine Bücher und Papiere noch besser ordnen, alles Überflüssige wegschmeißen, die Finanzen klarer regeln, die längst erhaltenen Formulare mit letzten Verfügungen rund um lebensverlängernde Therapien und Tod sowie Begräbnis endlich ausfüllen, den Garten noch schöner gestalten, im nächsten Frühjahr den in die Erde gelegten Americano-Rebenableger, den ich meiner Schwiegertochter versprochen habe, verpflanzen...

Vor allem aber möchte ich meine Beziehungen sowohl zu meinen Nächsten – zu meiner Frau in erster Linie, aber auch zu den zwei Söhnen, den drei Enkeln, zur Schwiegertochter, aber auch zu verschiedenen Freunden und Bekannten – vertiefen und verbessern. Überhaupt, ich möchte gern ein noch besserer, bewussterer, klarerer, weiserer und weniger selbstbezogener, kurz: ein liebenderer Mensch werden.

Erinnern und Gedächtnis
Und wie steht es mit meinem Gedächtnis? Zweifellos ein ebenso wichtiger wie interessanter Aspekt des ganzen Alterungsprozesses. Habe ich nun eigentlich immer noch, wie mir manchmal scheinen will, ein recht gutes und vielleicht sogar besseres Gedächtnis als früher, oder ist mein Gedächtnis in Wirklichkeit zunehmend schlechter geworden?

Gewiss habe ich unendlich viel Erfahrenes, Gelerntes und Gedachtes längst wieder vergessen. Selbst durchaus intensiv erlebte Begebenheiten, Bücher, Autoren, Namen von Ortschaften, von Bekannten, und, besonders peinlich, Gesichter können mir im entscheidenden Moment rettungslos entfallen sein – allerdings oft nur um Stunden oder Tage später in einem völlig anderen Kontext unvermittelt wieder aufzutauchen. Nicht selten, besonders wenn etwa meine Schwester oder meine Frau von gemeinsam erlebten aber von mir total vergessenen Vorfällen erzählen, erscheint mir meine ganze Vergangenheit wie ein einziges großes Nebelmeer, aus dem bloß noch einige Berggipfel fast wie zufällig erinnert hervorragen – bald nur in schattenhaften Umrissen, aber bald auch fast überklar mit tausend scharfen Einzelheiten. Im Grunde also gar nicht so viel anders, denke ich plötzlich, wie bei jenen fünfzehn an Alzheimer Erkrankten, deren Denk- und Fühlinhalte ich vor über fünf Jahrzehnten mit der psychoanalytischen Methode der freien Assoziation zu ergründen versucht habe.[1] Andererseits aber tauchen häufig längst vergessen geglaubte Begebenheiten – und nicht nur Kindheitserinnerungen, sondern auch Erlebnisse aus den mittleren und letzten Jahren – urplötzlich wieder in greller Klarheit im Bewusstsein auf. Weit eher als durchgehend verschlechtert hat sich, so scheint mir, mein Gedächtnis nach geheimnisvollen Gesetzen verändert, verschoben und neu geordnet. Oft habe ich den Eindruck, dass eigentlich jedermann ein gutes Gedächtnis habe – nur jeder auf seine ganz persönliche Weise: der eine erinnert sich vor allem an Menschen und Begegnungen, der andere an Landschaften und Orte, der dritte an Bücher und Gespräche. Irgendwie scheinen die Gedächtnisinhalte ein sinnvolles Ganzes in Anbetracht der bestehenden Fähigkeiten und Interessen zu formen, und dies selbst noch bei Menschen mit geistigen Behinderungen oder bei an Alzheimererkrankten. Sehr viel hängt zweifellos davon ab, wie oft und wie genau man gewisse Vorkommnisse innerlich wieder hervorholt und damit die Erinnerung an sie festigt. Genau wie seinerzeit Rupert Riedl im Konrad-Lorenz-Institut in Altenberg/Wien, wo ich nach meiner Emeritierung mehrere Monate als Gastprofessor verbringen durfte, sein unerschöpfliches Repertoire an Witzen und Anekdoten mit der plausiblen Erklärung begründete, dass eine einmal gehörte Anekdote mit neunzig Prozent Wahrscheinlichkeit wieder vergessen werde, aber dass diese Wahrscheinlichkeit schon auf fünfzig Prozent sinke, wenn man sie nur ein einziges Mal weitererzähle, auf bloße 25 Prozent nach dem zweiten Erzählen, und wenn man sie drei Mal weitergegeben habe, so werde man sie mit größter Wahrscheinlichkeit für immer im Gedächtnis behalten.

Wie steht es also mit meinem Gedächtnis? Ist es gut oder schlecht? Wohl beides. Es verändert sich laufend mit meiner Lebenssituation und den aktuellen Interessen. Im Ganzen nimmt es gewiss ab und zerfällt allmählich, genau wie mein Körper. Aber in gewissen Bereichen erneuert und verstärkt es sich auch oder zieht ungewohnte Perspektiven aus der Vergangenheit hervor, die sich zu einem neuen Bild und Selbstbild fügen. Immer wieder kommt mir beim Nachdenken über das Gedächtnis die Bemerkung des spanischen Philosophen José Ortega y Gasset in den Sinn, der von aller Erfahrung wie von einem Sediment sprach, das Jahr um Jahr auf den Grund eines Ozeans von scheinbar Vergessenem sinke, aber von dort wie ein versteckter Schatz wieder hervorgeholt werden könne.

Wie auch immer: Ich finde diese Zeichen eines allmählichen körperlichen und geistigen Zerfalls nach wie vor nicht nur ganz in Ordnung, genau wie ich den ganzen Alterungsprozess mitsamt dem schließlichen Sterben durchaus „in Ordnung“ finde, sondern ich erlebe all dies sogar als unglaublich interessant, aufschlussreich und zugleich auch irgendwie pathetisch: Wie wenn sich etwas vom eigentlichen Sinn, oder doch von der Einzigartigkeit und Kostbarkeit des Lebens erst in und durch diesen langsamen Verfallsprozess zum Tod hin besser enthüllen würde.


Luc Ciompi (*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.

 

 

[1] Ciompi, L., (1966). Freies Assoziieren im Alter. Experimentell-psychodynamische Untersuchungen. 7th International Congress of Gerontology, Vienna/Austria 1966, Proceedongs 1010, S. 247-250.

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