Mein Weg mit der Schizophrenie – Unser aller Lebensaufgabe: Vater und Mutter integrieren

Zur Verblüffung von manchen Patienten oder anderen Gesprächspartnern, die einen Elternteil oder gar beide heftigst ablehnen, habe ich immer wieder behauptet, dass eine der zentralsten Lebensaufgaben – hinter allen vordergründigeren Reifungsprozessen – für uns alle die Integration der beiden Elternfiguren ist.

Dass wir körperlich eine Kombination von Vater und Mutter (und über sie hinaus auch all unserer Vorfahren) sind, ist eine Tatsache, die niemand bestreiten kann („die Augen vom Vater“, „Nasen- und Mundpartie mehr von der Mutter“ und so weiter). Ebenso wenig ist zu bezweifeln, dass diese Kombination immer wieder zu etwas Neuem führt, das es vorher nicht gegeben hat. Dass indes etwas Analoges auch im seelischen Bereich vorliegt, wird merkwürdigerweise immer wieder übersehen, nicht aber von Goethe mit seinem berühmten Vers: „Vom Vater habe ich die Statur, / Des Lebens ernstes Führen, / Vom Mütterchen die Frohnatur, / Und Lust, zu fabulieren.“[1] Wie könnte es auch anders sein, sowohl biologisch wie (wenn auch oft über Umwege) psychologisch betrachtet?

Was mich selbst betrifft: Meine ebenso feinfühlige wie gradlinige, eigensinnige und schließlich verrückte Mutter aus dem Bernbiet und Emmental mit dem windig-wendig-weichlichen und vielleicht allzu intelligent-flexiblen Vater aus der Toskana zu integrieren erscheint auf Anhieb als eine nicht ganz leichte Aufgabe, verkörperten sie doch beide fast so etwas wie zwei absolute Gegensätze. Dass ich von klein auf (und ein Stück weit, hinter allen möglichen Fassaden und Verkleidungen, wohl auch heute noch) latent an gewissen Identitätsproblemen litt, ist somit nicht sehr verwunderlich.
Und doch: Zumindest beruflich scheint mir eine Art von Integration der beiden Eltern durchaus gelungen zu sein: Zum einen bin ich, wenn auch über einige Umwege, Arzt geworden wie mein Vater (und auch schon mein italienischer Großvater), und zum anderen bin ich daran anknüpfend zum Psychiater und schließlich – wiederum über Umwege – zum Schizophreniespezialist geworden. Und das Rätsel der Psychose ist gleichzeitig das Rätsel meiner Mutter. Es interessiert und fasziniert mich auch heute noch zutiefst.

So richtig abgeschlossen scheint allerdings die besagte Integrationsarbeit noch immer nicht zu sein. Irgendwo in der Tiefe sitzt nach wie vor etwas von der gleichen Scham über beide Eltern, die während der ganzen Kindheit an mir genagt hatte. Warum denn sonst habe ich es erst mit 65 Jahren – nämlich anlässlich meiner Abschiedsvorlesung von der Universität – zum ersten Mal gewagt, öffentlich etwas von der Krankheit meiner Mutter verlauten zu lassen? Das positive Echo darauf hat mich überrascht: Offensichtlich war diese schwierige Erbschaft für manche Zuhörer, die Ähnliches zu verkraften haben, viel mehr ein Trost denn ein Makel. Und dass ich mich auch meines Vaters (den ich ja eigentlich kaum gekannt habe) noch heute irgendwie schäme, gebe ich erst jetzt zum ersten Mal preis – einerseits einfach um der Wahrheit willen, und andererseits auch, weil mir mit der Zeit klar geworden ist, dass gewisse fachliche und vielleicht auch menschliche Kompetenzen, darunter sicher mein besonderes Psychosenverständnis und wohl auch ein schönes Stück Menschenverständnis, mir höchst wahrscheinlich und tröstlicherweise gerade aus diesen schwierigen Eltern- und Kindheitsverhältnissen erwachsen sind.


Luc Ciompi
(*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.



[1]Goethe, J. W. (1827/1966). Zahme Xenien VI. In: Berliner Ausgabe. Herausgegeben von Siegfried Seidel: Poetische Werke. Band 1. Berlin: Aufbau. S. 712.

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  • Danke vielmals für Ihre Ausführungen zum Thema lebenslange Aufgabe der Integrationssarbeit von Vater und Mutter

    Sehr geehrter,lieber Herr Professor Ciompi, letztes Jahr begenete ich Ihnen im Gespräch in Bad Boll und saß neben Ihnen während Sie in einer Gruppenphase malten...Das hat mich neben all dem, was Sie referierten, sehr beeindruckt und bewegt mich bis heute.(Ich arbeite an der Pflegeschule in Schwäbisch hall als Lehrer und Praxisbegleiter unserer Schüler in der Psychiatrie. Nun lese ich immer wieder Ihre Beiträge und bin Ihnen so dankbar, dass Sie in dieser Form, Einblicke in Ihr Wissen,Ihre Erfahrung, Ihre Gedanken,Gefühle und neue Erkennnisse geben,sich so persönlich mitteilen, dass ich Ihnen heute einmal von Herzen dafür danken möchte !! Im Übrigen wünsche ich Ihnen ein gedundes Jahr mit mehr Freude am Da-Sein, als dass Sie sich Sorgen müssen... !
    Ich bin 63 Jahre alt und habe das Glück, mit meinem Vater (101Jahre alt) in einem täglichen Austausch stehen zu können. Neben ganz Alltäglichem auch über ganz persönliche, biografische, existenzielle (Lebens-) Fragen und Themen im Gespräch sein zu können und zu sehen wie dieses Fragen nach dem , "wie und wer man geworden ist" auch mit 101 Jahren nicht aufhört , bzw. noch einmal eine ganz intensive Dimension bekommt und "man" zu immer tieferen Erkennnissen -manchmal im gegenseitigen Austausch "geführt" wird wenn man "offen" füreiander ist ...Das gilt sowohl für ihn wie für mich, zumal ich meine Mutter mit 7 Jahren bei der Geburt eines Geschwisterkindes verlor und nun in hren Tagebüchern Ihre Notizen über meine frühen Jahre, und Ihre Gedanken und Gefühle mich betreffend fand und ich mich da ein Stück weit wie in einem Spiegel - in Ihrer Intuition widergespiegekt sehe. Das ist alles sehr geheimnisvoll spannend, berührend, manchmal shamhaft und befreiend zugleich !
    Danke, dass Sie gerade am Jahresende sich zu diesem so elementaren Thema geäußert haben!
    Herzlich grüßt Sie aus Schwäbisch Hall
    Ihr
    Christoph Gläser

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