Mein Stand des Irrtums – Zum Begriff des Embodiment

Schon in meinem Buch „Affektlogik“[1] habe ich mehrfach betont, dass wir in erster und letzter Linie („von der Wiege bis zur Bahre“) Körper sind, dass alles, was wir denken und fühlen letztlich vom Körper herkommt und auf diesen zurückwirkt, und dass ohne diese Körperlichkeit weder unser Denken noch Handeln zureichend zu verstehen sind.

Das hat mit dem Phänomen des Embodiment (wie der Modeausdruck für „Verkörperung“ heute lautet) zu tun: Gefühle, Emotionen und Affekte sind primär körperliche Zustände, die sekundär bewusst werden (können).[2] Und alles Denken kommt (nach Piaget) letztlich aus dem Handeln, das heißt, aus mentalisierten sensorimotorischen Schemata, die ihrerseits im Körperlichen wurzeln. Aus meinen Reflexionen, wie und warum in meinem Leben alles so herausgekommen ist, wie es tatsächlich der Fall war, ausgerechnet diesen körperlichen Aspekt wegzulassen, würde bedeuten, einen der vielleicht wichtigsten Einflussfaktoren hinter allen möglichen andern Einzelfaktoren zu übersehen.

Das Doppelsystem von Gehirn und Körper – Ein wundervolles Tandem

Ich habe mir Gehirn und Körper schon immer als eine Art von Doppelsystem zwischen einem konkreten, materiellen, ausgedehnten Pol – dem „peripheren Körper“ (oder meinetwegen der res extensa frei nach Descartes) – und dessen „Zusammenzug“ und Spiegelung in etwas maximal Dichtem und Kompaktem, nämlich dem Gehirn (der res cogitans), vorgestellt. Beide wirken untrennbar und gleichwertig zusammen, der Körper kann ohne Vergeistigung und das Gehirn ohne Verkörperung weder funktionieren noch sich sinnvoll entwickeln und an immer neue Gegebenheiten anpassen: Der Körper liefert (über seine hunderttausend Sensoren und Effektoren) fortwährend den Kontakt mit der Außenwelt, er handelt und leidet darin mit (verhältnismäßig) großem Energieaufwand, stößt auf Widerstand und lernt nach der Methode von Versuch und Irrtum. Das Gehirn seinerseits registriert, koordiniert und (probe-)handelt – das heißt: „denkt sich aus“, „stellt sich vor“ – auf kleinstem, gewissermaßen virtuellem Raum und mit minimalem Energieaufwand.[3] Beide Pole, Körper und Geist, ergänzen und spiegeln sich wechselseitig und bilden zusammen ein wunderbares Tandem zur Bewältigung der Wirklichkeit, das heißt zum Überleben und Gedeihen in einer ständig sich verändernden Umwelt.

Genau diesen Sachverhalt scheinen übrigens auch die Entwickler einer künstlichen Intelligenz, das heißt von lernfähigen Algorithmen immer klarer zu erkennen: Nicht umsonst plädieren viele von ihnen für eine „verkörperte Intelligenz“. Auch meine Skepsis gegenüber allen rein computerbasierten Hirnsimulationen etwa vom Typus des milliardenschweren, aber bereits in ernsthafte Turbulenzen geratenen (und ja gerade hier in Lausanne angezettelten) internationalen „Human Brain Projekts“ rührt aus solchen Bedenken.

Was ist primär – die Neurobiologie oder die subjektive Erfahrung?

Ein ganz anderer Aspekt derselben Problematik ist eine Frage, die mir bei einem Vortrag der englisch-katalanischen Neurobiologin Gemma Modinos, der Preisträgerin des Luc Ciompi-Preises 2017,[4] über mögliche Zusammenhänge zwischen Stressanfälligkeit, emotionaler Überempfindlichkeit und Auffälligkeiten im Hirnstoffwechsel bei schizophreniegefährdeten Menschen erneut vor Augen getreten ist: Was ist das Primäre und „Eigentliche“ in unserem normalen oder gestörten psychischen Funktionieren? Der Hirnstoffwechsel oder unser bewusstes subjektives Denken und Handeln und Kommunizieren? Oder anders gefragt: Stimmt es wirklich, was die ganze moderne Neurobiologie quasi als Selbstverständlichkeit vorauszusetzen scheint, nämlich dass die eigentlichen „Ursachen“ sowohl unseres Erlebens wie auch dessen Störungen in der Hirnbiologie (oder, wie gewisse Kritiker sagen: in der Hirnmythologie) zu suchen seien? Alles andere – Denken, Fühlen, Subjektivität, Bewusstsein, Verhalten, Kommunikation – wäre, so gesehen, nichts als ein Epiphänomen des zerebralen biochemischen Molekulargeschehens. Und somit wäre eine psychische Störung – und insbesondere auch eine „Geisteskrankheit“ vom Typus der Schizophrenie – befriedigend erklärt und verstanden, wenn nur erst die neurobiologischen Mechanismen aufgeklärt wären, die dieser Störung „zugrundeliegen“. Was natürlich auch implizieren würde, dass nur auf diesem Weg wirklich „kausale“ Therapien namentlich in Form von neuen Psychopharmaka gefunden werden könnten, die die gestörten Hirnfunktionen normalisieren.

Wenn indessen stimmt, was ich seit Jahrzehnten behaupte (und im 1997 erschienenen Buch „Die emotionalen Grundlagen des Denkens“ auch ausführich begründet habe),[5] nämlich dass wir, maximal verkürzt formuliert, primär „mit dem Körper denken“, dann ist der genannte Schluss ein reduktionistischer Kurzschluss. Unser Handeln und Denken wird in erster Linie durch unser Körpererleben bestimmt. Und in welcher Verfassung sich der Körper befindet – ob gespannt oder entspannt, hungrig, müde, freudig oder traurig – hängt ganz entscheidend auch von der Umwelt ab. Denn dieser Einfluss ist imstande, den Hirnstoffwechsel tiefgehend zu verändern, wie man heute unter anderem dank der Stress- und Traumaforschung, den Studien zur Epigenese (den Wirkungen der Umwelt auf Erbfaktoren) und zur neuronalen Plastizität (den umweltbedingten Veränderungen der zerebralen Feinstruktur) immer genauer weiß. Ergo sind alle diese angeblichen „Epiphänomene“ nicht nur mindestens ebenso wichtig (wenn nicht noch viel wichtiger) als deren neurobiologische „Grundlagen“, sondern es lassen sich legitimerweise auf diesem Weg auch kausale therapeutische Ansätze entwickeln. Ein frappantes Beispiel hierfür ist unser Soteriakonzept zur Behandlung von akut psychotischen Menschen, das eine „kausal“ wirksame emotionale Entspannung nicht primär durch psychotrope Medikamente, sondern auf viel natürlichere Weise durch ein entspannendes soziales Milieu und ein einfühlsames mitmenschliches „Dabeisein“ anstrebt.

Was ist der „Geist“?

Noch viel komplexer und auch interessanter wird dieselbe Fragestellung, wenn wir obendrein meine früher diskutierten Ideen über das Wesen des Geistigen und dessen Zusammenhänge mit dem Phänomen der Abstraktion miteinbeziehen. „Geist“ sei, habe ich behauptet, primär etwas Relationelles und damit Immaterielles, der Beziehungsaspekt, der obligat mit allem Materiellen verbunden ist. Und speziell über das – eminent geistige – Phänomen der Abstraktion, des Erfassens einer versteckten Gemeinsamkeit zwischen mehreren Konkreta sei der Geist auch ganz klar imstande, auf die Materie einzuwirken. So vermag zum Beispiel das Erfassen der Gemeinsamkeit, dass Äpfel, Birnen und Zwetschgen Früchte sind, die Arbeit in gewissen Situationen ungemein zu erleichtern. Das einfache „Suche Früchte“ ersetzt das kompliziertere „Suche Äpfel, Birnen und Zwetschgen”. Und das Erfassen der noch unendlich viel komplexeren Zusammenhänge zwischen unzähligen physikalischen Prozessen, die zu Einsteins Formel e=mc2 führte, ermöglichte unter anderem den Bau einer Atombombe.

Gewiss schlagen sich solche Abstraktionen auch irgendwie im Gehirn nieder, zum Beispiel in Form von neuen neuronalen Verbindungen. Aber ob der Prozess der Abstraktion primär auf der zerebralen Ebene (etwa durch synergistische molekularbiologische Anziehungen oder Abstoßungen) oder auf der geistigen Ebene von Kommunikation und Bewusstsein (etwa als plötzliche „Intuitionen“ und Entdeckungen oder „Erleuchtungen“) zustande kommt, ist unklar. Denkbar bzw. wahrscheinlich sind auch Wechselwirkungen zwischen dem materiellen und dem geistigen Pol, wie sie beispielsweise für die oben genannten Stress- und Traumareaktionen nachgewiesen sind.

So oder so geht es nicht an, Abweichungen in den zerebralen Stoffwechselvorgängen, die dank den modernen Untersuchungsmethoden neuerdings bei schizophreniekranken oder -gefährdeten Menschen ausfindig gemacht werden, kurzerhand als „Ursachen“ von solchen Störungen zu deklarieren. Denn sie können ebenso gut die Folge von ungünstigen umweltbedingten Erlebnissen oder anderen Einflüssen sein.

Persönliche Implikationen

Um von diesem Exkurs in einige der vielleicht kniffligsten Fragen des Materie-Geistproblems nochmals kurz auf meine Ausgangsfrage nach dem Stellenwert des Körpers in meinen eigenen Leben zurückzukommen: Für mich besteht kein Zweifel, dass mein gesamtes Körpererleben (und darin wohl in erster Linie meine fast lebenslang robuste körperliche Gesundheit) mit Einschluss der Sexualität meine ganze Lebensgeschichte entscheidend geprägt hat. Körperliche Betätigung, insbesondere das Wandern, das Bergsteigen, der Alpinismus war mir lebenslang ein zentrales Bedürfnis; was alles ich allein schon diesen “Körperaktivitäten” – auch auf der zwischenmenschlichen Ebene – verdanke, ist gar nicht abzusehen. Gute Gesundheit als Voraussetzung ebenso wie gelegentliche Einbrüche durch Krankheit oder Unfall rufen die fundamental tragende oder eben nicht mehr tragende Bedeutung des Körpers immer wieder nachdrücklich in Erinnerung.

Dies gilt natürlich in besonderem Maß auch für das hohe Alter, und damit speziell für meine letzten fünf Lebensjahre: Trotz oder vielleicht gerade wegen dem sehr spürbaren, unablässig auf den Tod hin arbeitenden körperlich-seelischen Altersprozess verleiht meine (anscheinend) immer noch erstaunliche körperliche Gesundheit allem Erleben noch so etwas wie einen letzten und einzigartigen süssen Schmelz. Natürlich auch wegen dieser unwahrscheinlichen “Hintergrundsbeziehung” zu F., von der ich vielleicht noch berichten werde.

Luc Ciompi (*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.

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[1] Ciompi, L. (1982). Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. Ein Beitrag zur Schizophrenieforschung. Stuttgart: Klett-Cotta.

[2] William James formuliert: „Wann immer eine gedankliche Emotion den körperlichen Symptomen vorauszugehen scheint, besteht oft nichts als die Repräsentation der Symptome selbst“. James, W. (2005). »Was ist eine Emotion?«. In O. Grau, A. Keil (Hrsg.), Mediale Emotionen. Zur Lenkung von Gefühlen durch Bild und Sound (S. 20–46). Frankfurt a. M.: Fischer. S. 31. Original: James, W. (1884): »What is an emotion?«. Mind, 9, 188–205.

[3] „Denken ist Probehandeln mit minimalem Energieaufwand”, so dass Zitat, das Sigmund Freud zugeschrieben wird, aber umgekehrt kann und muss man alles Handeln, und besonders klar alles wissenschaftliche Experimentieren, auch als ein Probedenken mit viel Energieaufwand verstehen.

[4] http://www.ciompi.com/

[5] Ciompi, L. (1997). Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

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