Mein Stand des Irrtums – Natürliche Selbstverständlichkeit und das Bild vom Streichholz auf dem Mond

Bewussteres Erleben der „natürlichen Selbstverständlichkeit des Lebens“ im Zusammenhang mit dem entsprechenden Buch von Walter Blankenburg,[1] das ich gerade wieder einmal zu lesen im Begriff bin.

In der Psychose zerreißt plötzlich, so Blankenburg, der Schleier von „natürlicher Selbstverständlichkeit“, der unser Alltagsleben für gewöhnlich umhüllt. Und in der Tat: Alles ist in Wirklichkeit immer noch viel furchtbarer als wir annehmen, weil neben und hinter unserem (hierzulande) vorwiegend friedlichen Normalleben andauernd unendlich viel Schreckliches, Grauenvolles und Grausames passiert. Und letztlich auch weil der natürlichste aller Zustände der Tod ist. Extreme, totale, radikale Unwahrscheinlichkeit des Lebens, des Geistes und des Bewusstseins! Also ist auch alles ständig aufs Höchste gefährdet. In Florida, so las ich, sei jemand plötzlich, im Bett liegend, von einem riesigen Loch verschluckt und nicht mehr wiedergefunden worden, nachdem sich genau dort, wo sein Häuschen stand, die Erde auf natürliche Weise geöffnet hatte.
Gleichzeitig ist aber alles immer auch viel schöner und wunderbarer als wir meinen, weil wir ja nie, oder nur höchst selten und für winzige Augenblicke, imstande sind, zu erfassen, wie ungeheuer einmalig, eigenartig und eben total unwahrscheinlich es ist, dass alles genau so ist, wie es ist: dass es diese Welt gibt, dass ich sehe, was ich sehe, und dass ich (noch) lebe.

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„Kunstwerke sind Katalysatoren der Wahrnehmung, Wegbereiter der Subjektivität, Zeitraffer. Sie bezeichnen einen experimentellen Raum des Sehens vor dem Sehen, des Seins vor dem Sein“[2] – dies stand in dem einleitenden Text zu einer Ausstellung von zeitgenössischer Kunst mit dem Titel „Inside“, die meine Frau und ich im Palais de Tokyo in Paris besucht haben.

Dies ist eine ausgezeichnete Formulierung eines konstruktivistischen Zusammenhangs, der mir noch nie so klar geworden ist wie in dieser Ausstellung über avantgardistische Kunst. Kunst und Künstler (und manchmal auch kreative Wissenschaftler) wirken als Vorläufer des Common Sense, des allgemeinen Denkens und „gesunden Menschenverstandes“, kurz: der Welt der Selbstverständlichkeiten.

Ein frappierendes Beispiel für diesen immer wieder zu beobachtenden Prozess ist die Wandlung unseres Schönheitsbegriffs. Ein Beispiel: Im 18. Jahrhundert „entdeckten“ einige Dichter und Naturforscher wie Haller, de Saussure und Goethe die Schönheiten der Alpen, die bis dahin vorwiegend als wüst und gefährlich galten. Die Folge war eine allgemeine Bergbegeisterung bis hin zum modernen Massentourismus. Heute drohen die Berge zu einem riesigen Vergnügungspark für jedermann zu verkommen. Wer hätte das im 17. Jahrhundert gedacht?

Die Kunst erschließt immer wieder versteckte Bedeutungsgehalte im Altgewohntem und Banalen, so in der erwähnten Ausstellung etwa in einem Arrangement von alten Farbtöpfen, Tassen und Gläsern mit vertrockneter Farbe, verdunstetem Kaffee und anderen Flüssigkeiten. Gleich daneben war eine Auslage von alten und verkratzten Kartenschutztafeln aus der Pariser Metro platziert. Die beiden französischen Künstler wollten mit diesen „Reliquien“ das Phänomen der vergehenden Zeit verbildlichen.

Ein Streichholz auf dem Mond
Etwas ganz Ähnliches geistert in Form eines hypothetischen Bildes seit vielen Jahren, spätestens jedenfalls seit der ersten Mondlandung am 21. Juli 1969, in meinem Kopf herum: Immer neu habe ich mich gefragt, was es denn bedeutet hätte, wenn Neil Armstrong bei seinem ersten Spaziergang auf unserem Himmelstrabanten nicht nur Mondstaub, sondern plötzlich auch ein kleines, halb abgebranntes Streichholz entdeckt hätte. Unsere gesamtes Weltbild wäre ins Wanken geraten! Was, da oben war schon jemand? Irgendwann einmal, vielleicht vor kurzem, vielleicht aber auch vor Tausenden oder Millionen von Jahren… Es war offenbar ein Angehöriger einer fremden und uns gänzlich unbekannten Zivilisation, die nicht nur fähig war, Streichhölzer herzustellen und damit auf dem Mond weiß Gott was anzufangen, sondern diesen „unseren“ Mond überhaupt zu erreichen! Diese Zivilisation muss also über eine ungeheuer sophistizierte und der unsrigen möglicherweise haushoch überlegenen Technologie verfügt haben und somit auch über eine entsprechend komplexe Vergangenheit, Geschichte und Evolution. Und der Kerl, der da offenbar, unbestimmt lange vor Armstrong, auf unserem Mond herumspaziert ist, hat sogar die Frechheit besessen, ein Streichholz zu entzünden und dann einfach achtlos fallen zu lassen...

Was mich an dieser Vorstellung immer wieder nicht nur erheitert, sondern aufs Höchste fasziniert hat, ist die ungeheure Menge an Information, die also bereits in einem winzigen Streichholz enthalten ist. Und zwar nicht nur in einem Streichholz auf dem Mond, sondern auch in jedem Streichholz auf der Erde, genauso wie in jedem anderen von Menschen gefertigten Gegenstand, ja in jedem Steinchen, in jedem Wassermolekül, sogar noch in jedem Elementarteilchen, in jedem winzigsten Teilchen dieser Welt ist dessen gesamte Vergangenheit verpackt.

Und dennoch laufen wir verbohrten Menschen einfach so herum und merken nichts, regen uns auf über Kleinigkeiten auf und nehmen uns selbst und alles, was um uns herum ist, einfach für selbstverständlich. In Wirklichkeit ist nichts, überhaupt nichts selbstverständlich! Alles, was ist, ist nicht nur ungeheuer bedeutsam, sondern auch ungeheuer unwahrscheinlich. Alles ist ungeheuerlich.

Wir wären andere und vielleicht gar bessere Menschen, wenn uns nur ein Zehntel des Informations- und Bedeutungsgehalts bewusst wäre, der noch im einfachsten Gegenstand oder Materieteilchen, und vor alle natürlich auch in jedem geringsten Lebewesen und Durchschnittsmenschen verborgen ist.

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Luc Ciompi (*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.



[1] Blankenburg, W. (1971). Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit. Ein Beitrag zur Psychopathologie symptomarmer Schizophrenien. Stuttgart: Enke.

[2] Im Original: „Les oeuvres d'art sont des catalysateurs de perception, des convoyeurs de subjectivité, des compresseurs de temps. Elles désignent un espace expérimental du voir avant le voir, de l'être avant l'être“.

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