Mein Stand des Irrtums – Ist die Schizophrenie überhaupt eine Krankheit?

Eine alte grundsätzliche Frage, die in einer aktuellen Diskussion rund um die ideale Psychosenbehandlung mit Volkmar Aderhold – einem kompetenten deutschen Psychiatriekritiker und Verfechter von alternativen, nicht „medizinisch“ begründeten Behandlungskonzepten – neu aufgetaucht ist: Handelt es sich bei der Schizophrenie wirklich um eine Krankheit im Sinn des gängigen medizinischen Modells?
In der Tat gibt es bis heute keine hieb- und stichfesten Beweise für einen irgendwie körperlich oder hirnorganisch begründeten Krankheitsprozess. Sowohl historisch, anthropologisch wie psychodynamisch betrachtet sind, wie vor Jahrzehnten ja auch schon „antipsychiatrische“ Autoren wie Michel Foucault, Thomas Szasz und Ronald Laing verfochten haben, Zweifel am medizinischen Modell durchaus angebracht. Viel zu denken sollte den Verfechtern eines primär genetisch bedingten medizinischen Modells auch geben, dass gemäß einer riesigen Vergleichsstudie von 37.000 Krankheitsfällen mit 113.000 Kontrollfällen 108 bisher mit der Schizophrenie in Verbindung gebrachte Genloci (Erbfaktoren) insgesamt bloß 3,4 Prozent der ganzen Krankheitsvarianz zu erklären vermögen.[1]
Historisch sind die Erscheinungsbilder, die wir heute als schizophren bezeichnen, bald als heilig, bald als Besessenheit oder als Folge eines sündigen Lebenswandels verstanden worden. Mancher biblische Prophet, und vermutlich sogar Jesus selbst würde heute wohl als psychotisch pathologisiert. Anthropologisch kann man viele „typisch schizophrene“ Verhaltensweisen, wie schon der amerikanische Psychologe Julian Jaynes postuliert hatte, als Grenzphänomene im Übergang zwischen einer archaischen und einer modernen menschlichen Bewusstseinsstruktur betrachten.[2] Halluzinationen zum Beispiel sollen in der Frühzeit der Menschheit durchaus normal gewesen sein. Auch heute noch gibt es viele Menschen, die ständig Stimmen hören, sonst aber ganz normal sind; in manchen Ländern existieren neuerdings bekanntlich sogar Vereinigungen von Stimmenhörern, die sich gegen die Pathologisierung ihrer Halluzinationen wehren. Viele schizophrene Symptome, darunter projektive Wahnbildung und sogenannte katatone Symptome (wie hochgradige psychomotorische Erregung oder totstellreflexartige Starrheitszustände) lassen sich alternativ auch als extreme Normalreaktionen auf unerträglichen emotionalen Stress deuten. Und systemtheoretisch stellt die Psychose mit allen möglichen anderen immer wieder gewaltsam ausgegrenzten Abwegigkeiten und Extremismen vermutlich (wie später noch genauer erläutert) so etwas wie einen notwendigen Außen- und Randbereich des normalen Fühlens und Denkens und Handelns dar, der (unter anderem) die Funktion hat, das zentrale Fühl-, Denk- und Verhaltenssystem – die Norm, das allgemein Gültige, den Mainstream –abzugrenzen und zu befestigen. Je mehr man das Psychotische auszugrenzen statt in unser allgemeines Menschenverständnis einzubeziehen versucht, umso mehr müsste es, so gesehen, unvermutet anderswo wiederauftauchen.
Vielleicht werden wir eines Tages einsehen, dass auch unser aktuelles medizinisches Schizophrenieverständnis nichts als eine moderne Art der Ausgrenzung und Abwertung einer zwar sehr seltsamen, aber keineswegs nur defizitären Variante des Menschseins ist.


Luc Ciompi (*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.



[1] Nach: Middeldorp, C. M., Wray, N. (2018). The value of polygenic analyses in psychiatry. World Psychiatry, 17 (1), 26–27.

[2] Jaynes, J. J. (1976). The origins of consciousness in the breakdown of the bicameral mind. Boston/New York: Houghton MIfflin.

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  • Wer muss mir eigentlich leid tun? Sind Sie es? Wohl eher nicht! Sie haben zu recht große Erfolge gefeiert und genießen weltweit hohe Anerkennung. Sind es nicht viel mehr die Menschen, denen ihr Konzept nicht zugutekommen kann? Hier möchte ich gerne ansetz

    Lieber Herr Professor Ciompi!

    Leider bin ich erst vor wenigen Tagen auf Ihren „Stand des Irrtums“ gestoßen, obwohl ich mich mit Ihrem Konzept schon vor rund 15 Jahren erstmals intensiv auseinandergesetzt habe. Ihre Affektlogik habe ich damals antiquarisch erworben. „Die emotionalen Grundlagen des Denkens“ kam dann sofort danach. Dann habe ich Sie wieder aus den Augen verloren.

    Aus aktuellem Anlass - ich bin kürzlich 81 Jahre alt geworden, seit 57 Jahren mit demselben Mann verheiratet, und von einigen Problemen umrundet - habe ich mich wieder mit der Affektlogik befasst und Sie nochmals gegoogelt. Ihre Reflexionen haben mich sehr beeindruckt.

    Ich erlaube mir, hier meine Gedanken zu notieren, die mir bei der Durchsicht Ihres „Stand des Irrtums“ spontan durch den Kopf gehen.

    Wer muss mir eigentlich leid tun? Sind Sie es? Wohl eher nicht! Sie haben zu recht große Erfolge gefeiert und genießen weltweit hohe Anerkennung. Sind es nicht viel mehr die Menschen, denen ihr Konzept nicht zugutekommen kann? Hier möchte ich gerne ansetzen.

    Wer sind in Ihren Augen die „richtigen“ und tonangebenden Experten, bei denen Sie keinen Widerhall gefunden haben? Welchen „Widerhall“ erwarten Sie?

    Die praktische Anwendung ihrer Ideen scheint wohl den meisten Ihrer Leser auf die Schizophrenie beschränkt zu sein. Hier ist Evidenz gegeben. Sie auf die gesamte Psychotherapie auszudehnen, was sicher sehr interessant und nützlich wäre, käme einem Paradigmenwechsel gleich, zu dem nur wenige Therapeuten in der Lage wären. Warum und für wen sollten sie es tun? Wer würde es bezahlen? Ich habe aber auch von Ihnen keine konkreten Vorschläge einer solcher Erweiterung gefunden, was wahrscheinlich mein Fehler ist.

    Sie überfordern den „normalen“ und Psychologen resp. Mediziner gewaltig. Nicht nur, was seine wissenschaftliche Ausbildung angeht. Auch den Zeitaufwand kann er gar nicht erbringen, den es erfordert, einem Paradigmenwechsel zu folgen und dabei gegen den Mainstream zu schwimmen.

    Ich bin Diplom-Physikerin mit Dr.-Ing., an einer technischen Hochschule, später Universität, ausgebildet. Es war auch für mich ein „Quantensprung“, Synergetik und Selbstorganisation aus Hermann Hakens Büchern zu lernen. Auf Sie bin ich erst über einen weiten Weg gestoßen. Ich habe die Chaostheorie durchgearbeitet, ebenso wie unzählige Bücher verschiedenster Autoren, nicht zuletzt Ilya Prigogine, Jean Piaget, Erich Jantsch, Manfred Eigen, die klassischen Konstruktivisten Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawick u. v. m. bevor ich auf Ihren Namen gestoßen bin und ein Gefühl für Ihr Konzept entwickeln konnte, mit dem ich im Privatgebrauch umzugehen in der Lage war. Man kann mit Heinz von Förster sagen: bis ich es für mich neu erfunden resp. passend „konstruiert“ hatte. Ich war damals schon im Ruhestand. Wie sollte ein aktiv im Beruf stehender Arzt das leisten?

    Ich käme sehr gerne mit Ihnen ins Gespräch. Mit Begeisterung würde ich mit Ihnen – z. B. auf SIGNAL - chatten. Dann kann man kleinere Fragenpakete effizienter und mit weniger Zeitaufwand herausgreifen und diskutieren. Meine E-Mail-Adresse ist ue@ehrfeld.eu. Meine Mobilnummer schicke ich Ihnen ggf. gerne über E-Mail.

    Ich verbleibe in großer Bewunderung für Ihr Lebenswerk und würde mich über eine Antwort sehr freuen.

    Ihre Ursula Ehrfeld

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