Mein Stand des Irrtums – Eine faszinierende Idee

Den (allgemein verkannten) Stellenwert von Emotionen in der Schizophrenie habe ich in zwei Artikeln dargelegt.[1] Während ich an diesen beiden Artikeln arbeitete, erzählte ich Wolfgang Tschacher von meiner Reflexion zur Bedeutung der Emotionen rund um die Thematik von Nichtlinearität, Bifurkation, Ordnungs- und Kontrollparametern. Tschacher, ehemaliger Mitarbeiter der Sozialpsychiatrischen Universitätsklinik Bern und großer Spezialist für nichtlineare Dynamik sozialer Systeme, berichtete dazu von den Ideen des Engländers Karl Friston über allgegenwärtige spannungsreduzierende Wirkungen durch Minimisierung der „freien Energie“ nach Maxwell und deren Rolle bei der Struktur- und Ordnungsbildung im Gehirn.[2] Mir kamen im gleichen Zusammenhang die Beobachtungen Karl Conrads aus den 1950er Jahren über die (manchmal) emotional entspannenden Wirkungen des Ausbruchs einer Psychose – zum Beispiel beim Finden eines umfassenden paranoiden Erklärungssystems – in den Sinn.[3]
Aus all dem ergab sich mir plötzlich eine Idee von potenziell enormer Tragweite: nämlich nichts weniger als eine allgemeine Hypothese zur Entstehung von Form und Ordnung entgegen dem Entropieprinzip (der allgemeinen Tendenz zur Unordnung), von den einfachsten physikalischen und biologischen bis zu den komplexesten psychosozialen Systemen.
Wie das? Es genügt doch, psychosoziale Systeme (wie ich ja schon längst postuliere) als komplexe offene Systeme und Emotionen als Energien (genauer: als evolutionär entstandene situationsabhängige bioenergetische Energieverbrauchsmuster) zu verstehen, und alsbald wird klar, dass übermäßige lokale und nach den gewohnten Mustern nicht mehr zu bewältigende Energiekumulationen zur Bildung von neuen dynamischen Mustern und Strukturen führen müssen, ganz analog der berühmten, schon von Ilya Prigogine immer wieder als Beispiel herangezogenen sogenannten Benard- oder auch der Zapotinsky-Reaktion – das heißt von wabenartigen oder girlandenförmigen Mustern –, die in bestimmten, weit vom thermodynamischen Gleichgewicht abgetriebenen physikalischen oder chemischen Systemen plötzlich entstehen. Und eine solche Strukturbildung, die nichtlinear an einem kritischen Ort und Zeitpunkt der energetischen Spannung in vielen offenen Systemen auftritt, führt zur lokalen energetischen Entspannung, folgt also lokal weiterhin dem Entropieprinzip.

Die Tragweite dieser Einsicht könnte effektiv von der Entstehung der einfachsten materiellen Strukturen bis zur Psychosenentwicklung reichen. Und dazu könnte sie noch die Lösung des ewigen Rätsels enthalten, wie entgegen der allgemeinen Tendenz zur Unordnung – das heißt dem Entropieprinzip – Ordnung und Form überhaupt entstehen können. Die Antwort ist: aus kritischer lokaler Energiekumulation. Wobei angenommen werden kann, dass aufgrund von chaotischen Zufallsfluktuationen solche kritischen Kumulationseffekte da und dort immer wieder lokal auftreten müssen.
Das Gefühl einer umfassenden „Stimmigkeit“, das heißt Spannungslösung, folgt. Es ist eine neue dynamische Struktur entstanden.


Luc Ciompi
(*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.

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[1] Ciompi, L. (2015). The key role of emotions in the schizophrenia puzzle. Schizophrenia Bulletin, 41 (2), 318–322.

Ciompi, L. (2015). The role of emotions in schizophrenia and the Soteria approach, according to the theory of affect logic. POWER MOOK, Seishin Igaku no Kiban, Vol.1 No. 1, p. 015-018 (Japanische Fassung p. 019-022).

[2] Friston, K. J., Stephan, K. E. (2007). Free-energy and the brain. Synthese, 159, 417–458.

[3] Conrad, K. (1958). Die beginnende Schizophrenie. Versuche einer Gestaltanalyse des Wahns. Stuttgart: Thieme.

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