Mein Stand des Irrtums – Die Berner SPK

Die Berner SPK – die Sozialpsychiatrische Universitätsklinik Bern –, die ich von 1977 bis 1994 zu leiten die Ehre hatte, war meines Wissens die erste und lange Zeit auch einzige selbständige sozialpsychiatrische Universitätsklinik im deutschen Sprachraum. In der historischen Rückschau erscheint sie als emblematisch für die wichtige Aufbruchphase der Psychiatrie als Ganzes in den 1960er bis 1980er Jahren, in denen sich die Psychiatrie in vielen westlichen Ländern im Umbruch befand. Scharf kritisiert wurden damals – nicht nur von Seiten der sogenannten „Antipsychiatrie“ – vor allem die riesigen, gefängnisartigen und möglichst weit weg von der Gesellschaft irgendwo „im Grünen“ angesiedelten traditionellen psychiatrischen „Heil- und Pflegeanstalten“, in denen psychisch Kranke oft Jahrzehnte und manchmal ihr ganzes Leben zu verbringen hatten. Als neues Paradigma trat in der Umbruchphase der Psychiatrie die Sozialpsychiatrie (auch soziale Psychiatrie oder Gemeindepsychiatrie genannt) auf den Plan, die diese alten und – wie man nun entdeckte – eher noch kränker als gesünder machenden, weil sozial ausgliedernden, schwer stigmatisierenden und zu passiver Resignation verleitenden Institutionen durch eine ganze Palette von gemeindenahen Übergangseinrichtungen zur Teilzeitbetreuung und sozialen Wiedereingliederung zu ersetzen oder zumindest zu ergänzen suchte, wie z. B. Tageszentren oder -kliniken, Wohnheime, geschützte Wohnungen und Werkstätten, Kriseninterventions- und Rehabilitationszentren und dezentralisierte Ambulatorien. Eine entscheidende Schrittmacherrolle spielte im deutschen Sprachraum hierbei die große, vom Deutschen Bundestag veranlasste und 1976 veröffentlichte „Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“.[1] Schon lange vorher war indessen mancherorts, z. B. in England, Italien, Frankreich und auch der Schweiz, zumindest punktuell die Schaffung der genannten Übergangseinrichtungen in Gang gekommen. So auch in Genf, Lausanne, Zürich und Bern, wo ich, als ich 1977 meine Stelle als erster Leiter der eben gegründeten Sozialpsychiatrischen Universitätsklinik antrat, bereits eine Tagesklinik, einen Patientenklub, eine geschützte Werkstätte und ein Wohnheim vorfand – alle in den vorangegangenen Jahren im Rahmen der psychiatrischen Universitätspoliklinik am „Inselspital“ (dem Areal der somatischen Universitätskliniken im Stadtzentrum) geschaffen.

Schwieriger Beginn
Meine Anfänge als Leiter der Berner SPK waren schwierig, insbesondere weil die genannten Einrichtungen mitsamt allem Personal nun abrupt von der Poliklinik abgetrennt und der SPK zugeteilt wurden. Zweifellos waren auch die unkonventionellen, unter anderem von der 1968er-Bewegung und der oben erwähnten Antipsychiatrie (eine von meist linksstehenden Psychiatriekritikern wie Michel Foucault, Erving Goffman, Ronald D. Laing, Thomas Szasz und Franco Basaglia angeführte internationale Protest- und Reformbewegung) beeinflussten Ideen, die ich von Lausanne her mitgebracht hatte, für manche meiner neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu radikal. So führte ich, in Anlehnung an die studentischen Vollversammlungen der Sechzigerjahre, sofort eine wöchentliche Teamsitzung als gemeinsames Informations- und Diskussionsforum ein, ich plädierte für die Einführung von sektorisierten Quartierambulanzen, für gezielte sozialpsychiatrische Forschung sowie bald auch für die Schaffung einer Soteria-Einrichtung zur Behandlung von akuten Psychotikern nach amerikanischem Vorbild. Undiplomatischerweise veröffentlichte ich obendrein, kaum dass ich mein Amt angetreten hatte, im „Bund“ (der lokalen Tageszeitung) einen ganzseitigen Artikel zu den geplanten Reformen, in dem ich die im Vergleich zu Bern schon weiter fortgeschrittenen westschweizerischen sozialpsychiatrischen Einrichtungen als Vorbild darstellte. Die anfänglich noch gemeinsam mit der Poliklinik durchgeführten und von jeweils dreißig bis fünfzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besuchten wöchentlichen Teamsitzungen verliefen chaotisch. Zum 1. August 1977, dem Schweizer Nationalfeiertag, verfasste eine anonyme Verschwörergruppe unter Anspielung auf meine italienische und westschweizerische Herkunft gar ein Pamphlet gegen die unerwünschten „fremden Eindringlinge und Ideen“.

Eine radikale Wendung zum Besseren
Innerhalb von ein bis zwei Jahren legten sich indes diese Protestwellen weitgehend, einerseits, weil die wöchentlichen Teamsitzungen sich mit der Zeit, wie erhofft, zu einem wertvollen Ort der gegenseitigen Information, der Kritik und des Austauschs von Ideen entwickelten, und andererseits sicher auch, weil die erbittertsten oppositionellen Rädelsführer gegen alles Neue schließlich freiwillig das Feld räumten und kollaborationswilligen Neuankömmlingen Platz machten. Das anfänglich miserable Betriebsklima besserte sich radikal: an allen Ecken und Enden setzten interessante, vielfach von der Mitarbeiterbasis selbst vorgeschlagene Neuentwicklungen ein, Schritt für Schritt entstand ein komplexes Netzwerk von leistungsfähigen sozialpsychiatrischen Einrichtungen, darunter eine neue Kriseninterventionsstation, eine umgestaltete Tagesklinik, eine modernisierte Rehabilitationswerkstatt sowie mehrere Quartierambulanzen, Tagesstätten und betreute Wohngruppen. Zusammen mit dem ganzen Team formulierten wir eine Reihe von allseits verbindlichen Behandlungsgrundsätzen mit dem Ziel, unter Einbezug von Familie und sozialem Umwelt möglichst vielen der zwei- bis dreitausend jährlich bei uns behandelten Psychiatriepatienten ein selbständiges Leben inmitten der Gesellschaft zu ermöglichen.

Ganz wichtig wurden in diesem Zusammenhang auch die didaktischen sogenannten „Lernfälle“, die wir einmal pro Monat während einer Stunde mit dem ganzen Team diskutierten; ein Ausdruck dessen sind zwei ebenfalls gemeinschaftlich verfasste Bücher.[2] Mehr und mehr fand die Berner Sozialpsychiatrie auch von außen Beachtung, es setzte ein ständig anschwellender Besucherstrom aus dem In- und Ausland ein – einmal kam sogar eine Delegation prominenter Gesundheitspolitiker aus Berlin – und man begann allgemein, richtig stolz darauf zu sein, in der kreativen Berner SPK mitzuwirken und unsere Arbeit den vielen fremden Besuchern vorstellen zu dürfen.

Aktuelle sozialpsychiatrische Problematik und neue Highlights
Ich kann hier natürlich nicht detailliert auf die vielen Facetten und auch Probleme dieser Institution sowie der damaligen Sozialpsychiatrie überhaupt eingehen. Ähnliche Kämpfe und Probleme hatten sich praktisch überall entwickelt, wo eine neue gemeindenahe Psychiatrie die alten rigiden Strukturen abzulösen versuchte. Und ein ganzer Rattenschwanz von neuen Problemen hat sich seither aus dem Umstand ergeben, dass seit den – bekanntlich zum „Jahrzehnt des Gehirns“ ausgerufenen – 1990er Jahren die ganzheitliche Sozialpsychiatrie aus ihrer vorübergehend führenden Position verdrängt und (zumindest im universitären Bereich) durch eine oft wieder sehr reduktionistische Neurobiologie mit ihren prestigeträchtigen bildgebenden Hightech-Verfahren abgelöst worden ist. Genau wie in anderen Ländern gibt es im deutschen Sprachraum aktuell fast nirgends explizit auf Sozialpsychiatrie fokussierte akademische Lehrstühle – mit verheerenden Folgen namentlich für die diesbezügliche universitäre Lehre und Forschung.

An der Basis freilich, in den fast überall weiter bestehenden und zum Teil sogar noch weiter ausgebauten ambulanten und halbambulanten sozialpsychiatrischen Versorgungstrukturen, und vor allem auch in Herz und Geist von unzähligen nach wie vor sozialpsychiatrisch engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, hat sich indes viel weniger verändert als man manchmal anzunehmen geneigt ist. Dies habe ich bei Vorträgen und Seminaren auch in den letzten Jahren noch feststellen können. Mancherorts sind rund um moderne Begriffe wie Resilienz (gezielte Förderung verschütteter sozialer und beruflicher Fähigkeiten), Empowerment (lebenspraktische Verselbständigung), Job Coaching (professionell begleitete Wiedereingliederung in gewöhnliche Arbeitsplätze), Trialog (Gesprächsveranstaltungen zwischen Fachkräften, Patienten und Angehörigen), Open Dialogue (trialogisch aufgebaute Behandlungsmethoden und -strukturen) sogar noch eine ganze Reihe von neuen Ansätzen entstanden, die von Fachkräften, Angehörigen und neuerdings auch von ehemals Betroffenen selbst genau so engagiert entwickelt und getragen werden, wie dies „zu meiner Zeit“ der Fall war.

Dank
Mit diesem Hinweis auf die unzähligen Menschen, die mit ihrem Einsatz seit je das sozialpsychiatrische Denken und Handeln vorangetrieben haben, möchte ich diese Gedanken abschließen. Ich weiß nicht, wie ich all jenen Menschen danken soll, die in der SPK und anderswo meine Ideen zu einer offeneren, humaneren und ganzheitlicheren Psychiatrie befruchtet, weiterentwickelt und vor allem auch praktisch umgesetzt haben. Bestimmte Namen zu nennen ist schwierig, denn sozusagen alle die vielen Einzelnen aus allen möglichen Berufsgruppen, die im Lauf der Jahre am „kleinen Wunder“ der Berner SPK mitgebaut haben, waren voll mit dabei und haben auf je ihre Weise ihren Beitrag geleistet. Namentlich erwähnen will und muss ich dennoch die Psychiatrieschwester (wie man damals noch sagte) Jeanine Zaugg, die mir in meiner schwersten Anfangszeit mit einem kleinen Wort der Empathie Mut gemacht hat, meinen von Beginn und bis zuletzt engsten Mitarbeiter und Stellvertreter Herbert Heise, die manchmal durchaus aufrührerischen aber immer wieder fruchtbar stimulierenden Oberärzte Kurt Kunz und Holger Hoffmann, die kritische Psychologin und spätere Psychoanalytikerin Elisabeth Aebi, den Sozialarbeiter Kurt Böhler, die Psychiatriefachfrau Heidi Kronenberg, den Pfleger Thomas Derungs und den Oberarzt Remo Bernasconi, mit denen zusammen ich seinerzeit die Berner Soteria aufgebaut habe – und last but not least natürlich meine langjährige ausgezeichnete Sekretärin Therese Véron und die Verwaltungsleiterin Suzanne Jacquemet. Ihnen vor allem ist es zu verdanken, dass die Zeit an der Berner SPK für mich beruflich zur schönsten und interessantesten Phase meines Lebens wurde.

Es war gewiss eine besonders kreative, aber nachträglich vielleicht doch über Gebühr idealisierte goldene Zeit – nicht nur der Berner, sondern auch der allgemeinen Sozialpsychiatrie. Dass diese Zeit nicht nur für mich, sondern ebenfalls für viele meiner damaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirklich einmalig war, bezeugt unter anderem der Umstand, dass sich noch heute, über fünfundzwanzig Jahre nach meiner Emeritierung, viele von ihnen – die meisten längst ebenfalls ergraut und pensioniert – zu einem monatlichen Mittagessen in einem alternativen Berner Restaurant treffen und dabei natürlich vorwiegend von der „guten alten SPK“ schwärmen. Ich selbst bin von Zeit zu Zeit kräftig mit dabei.


Luc Ciompi (*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.



[1] Deutscher Bundestag (1975). Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland (= Drucksache. Nr. 7/4200). Bonn. https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/80a99fbacaed5e58ef5c0733bdf8af78f8017e3c/Psychiatrie_Enquete_WEB.pdf

 

[2] Vgl.: Ciompi, L., Hubschmid, T. (1985). Psychopathologie aus der Sicht der Affektlogik – Ein neues Konzept und seine praktischen Konsequenzen. In W. Janzarik (Hrsg.), Psychopathologie und Praxis (S. 115–123). Stuttgart: Enke.
Hoffmann, H., Heise, H., Aebi, E. (Hrsg.) (1994). Sozialpsychiatrische Lernfälle 2. Aus der Praxis – für die Praxis. Bonn: Psychiatrie-Verlag.

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