Mein Stand des Irrtums – Das Ameisengleichnis

Vor Jahren lupfte ich in unserem Garten einmal nichtsahnend eine große grasüberwachsene Steinplatte in der Absicht, sie von Erde und Unkraut zu säubern. Was unter dieser Steinplatte zu beobachten war, hat mich sehr verblüfft und kommt mir noch heute immer wieder in den Sinn, wenn ich bei dieser Ecke des Gartens vorbeikomme.
Unter dem Stein kam zu meiner Überraschung ein Gewirr von feinen Erdgängen und -kammern zum Vorschein, in welchen nicht nur ein, sondern gleich zwei Ameisenvölker lebten, das eine aus kleinen roten, das andere aus großen schwarzen Insekten bestehend, beide fein säuberlich voneinander getrennt durch eine Art von festem Damm, der den Raum unter dem Stein in zwei etwa gleich große Hälften teilte.

Ein grausamer Ameisenkrieg...
Wie ich eine Weile lang den immer aufgeregter in ihrem Revier herumkrabbelnden Sechsbeinern zuschaute, denen ich sozusagen das Dach über dem Kopf weggezogen hatte, gewahrte ich plötzlich, dass von beiden Seiten her zuerst nur einzelne und dann immer zahlreichere Ameisen die vorher offensichtlich dichte Grenze zwischen den beiden Territorien zu überschreiten und ins Gebiet des anderen Volkes einzudringen begannen. Und siehe da: Alsbald entwickelte sich zwischen den beiden Völkern ein regelrechter und höchst grausamer Krieg. Ganze Truppen von kleinen Rotameisen bissen sich an Beinen und Antennen von großen zappelnden Schwarzen fest und versuchten, diese mit vereinter Kraft in ihren Hoheitsbereich herüberzuzerren. Aber auch die Schwarzameisen zogen ihrerseits die Roten in ihr Territorium oder bissen sie gleich an Ort und Stelle in Stücke. Bald lagen überall Mengen von roten oder schwarzen Kadaverresten herum; gleichzeitig breitete sich die Kampfzone immer weiter aus und umfasste schließlich das gesamte Gebiet der beiden vorher friedlich nebeneinander lebenden Völker. Mit Bedauern deckte ich den Schauplatz des Geschehens mit dem Stein wieder zu. Als ich am nächsten Tag neugierig nachschaute, was von den beiden Völkern wohl noch übriggeblieben sein mochte, waren die Gänge und Kammern unter der Platte völlig leer und verwaist. Und auch nach Jahren habe ich dort nie wieder Ameisen gefunden.

...und seine Erklärung
Diese Beobachtung hat mir viel zu denken gegeben. Ganz offensichtlich hatten die beiden Ameisenvölker unter ihrem gemeinsame Steindach – einem scheinbar unverrückbaren Fundament (oder Ordnungsparameter, chaostheoretisch gesprochen) ihrer Welt – die längste Zeit harmonisch nebeneinander gelebt. Nachdem sie aber von außen in ihrer Ruhe aufgestört worden waren, fielen sie in mörderischer Wut übereinander her – wie wenn jedes Volk die Schuld an der Störung dem anderen zugeschoben hätte und den vermeintlichen Bösewicht nun „logischerweise“ auf Leben und Tod bekämpfen müsste.

Menschen sind wie Ameisen
Nicht viel Anderes scheint sich immer wieder zwischen uns Menschen abzuspielen, so im Großen etwa in den grausamen Kriegen zwischen Serben, Kroaten und Bosniaken nach der Zerstörung von Titos alter Ordnung im ehemaligen Jugoslawien. Oder im immer weiter schwelenden Bürgerkrieg zwischen den Sunniten und Schiiten im Irak nach dem Wegfall der Diktatur Saddam Husseins im Gefolge der amerikanischen Invasion von 2003. Und auch das Chaos in Libyen nach der europäischen Intervention und Beseitigung Ghaddafis von 2011 scheint mit seinen unzähligen, sich bis aufs Blut bekämpfenden ethnischen Gruppen ähnlichen Gesetzmäßigkeiten zu folgen. Man kann diesen Mechanismus als einen jener nichtlinearen Phasensprünge in ein grundlegend verändertes Funktionsmuster verstehen, wie sie nach der Hypothese der Affektlogik unter der Wirkung von kritisch steigenden emotionalen Spannungen in psychosozialen Systemen aller Art auftreten, so zum Beispiel beim Ausbruch von Panik oder Gewalttätigkeiten, von Kriegen oder Revolutionen und ebenfalls beim Ausbruch von schizophrenen Psychosen, wie die Expressed-Emotion-Forschung gezeigt hat[1]:
Verstörung einer scheinbar festen Ordnung → Strukturverlust, Unsicherheit, Chaos → Hineinspringen in irgendeine neue „Ordnung“, und sei es die Ordnung des Krieges, des Kampfes von jedem gegen jeden, der Psychose.

Wundervolle natürliche Intelligenz
Auch in anderer Weise hat mich das Verhalten von Ameisen schon vielfach in Erstaunen versetzt. So auf den oft viele Meter langen Ameisenstraßen, wo Tausende der kleinen Krabbler mit großer Geschäftigkeit in beiden Richtungen hin- und herrennen, sich im Vorbeigehen immer wieder schnell betasten, dabei nicht selten ungeheure Lasten zu dritt, zu viert oder auch allein über Stock und Stein schleppen, um damit schließlich mit größter Zielsicherheit in einem bestimmten Loch ihres Baus zu verschwinden. Böswillig in den Weg gelegte Hindernisse oder auch raffiniertere Unterbrechungen ihrer Straßen wissen sie mit raschem Ausschwärmen und Sich-Verständigen im Handumdrehen zu umgehen.
Von besonderem Interesse ist, was sich in den peripheren Randzonen am Ende der Ameisenstraßen abspielt, denn dort schwärmen einzelne Arbeiterinnen – gefährdete marginale Grenz- und Einzelgängerinnen, könnte man systemtheoretisch auch sagen – scheinbar ohne Plan nach allen Richtungen über oft ganz beträchtliche Distanzen aus, irren wie kopflos kreuz und quer herum, finden dann aber plötzlich da eine tote Raupe und dort eine interessante Tannennadel, oder kehren auch vermeintlich erfolglos, zuweilen aber mit wichtigen, ganze Heerscharen anderer Ameisen heranlockenden Meldungen zum Bau zurück.
Ähnlich wirr scheinen häufig die Aktivitäten von menschlichen Randfiguren aller Art (Forscherinnen und Entdecker, Künstlerinnen, Extremkletterer, Spinner und Querdenkerinnen, gelegentlich auch an Schizophrenie Erkrankte) zu sein, die neue Möglichkeiten im Unbekannten explorieren und, neben unzähligen Holzwegen, plötzlich auch wertvolle Alternativen entdecken.

Die Affektlogik der Ameisen
Sehr verblüfft hat mich eine in „Brehms Tierleben“ – einem Erbstück meines Schweizer Großvaters von Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts – gefundene Beschreibung, wie eine gewisse baumbewohnende Ameisenart in Brasilien zur Überwindung von scheinbar unüberbrückbaren Abständen zwischen einzelnen Blättern lange Ketten aus den eigenen Körpern zu bilden weiß, über die andere Arbeiterinnen dann in stundenlanger Mühe die Blätter einander annähern und schließlich kunstvoll mit Baumfasern zu festen Brücken verbinden – welch listige Intelligenz! Welche hochentwickelten affektiv-kognitiven Fähigkeiten (mit „affektiv“ ist hier, gemäß meiner Definition in der Affektlogik,[2] eine neurochemisch ausgelöste ganzheitliche „Stimmung“ – Arbeitsstimmung, Konstruktionsstimmung – gemeint), dank welchen diese Ameisen solche komplexen Aufgaben zu bewältigen vermögen! Und wie präzis scheint jedes einzelne Individuum in jedem Moment zu wissen, was es jetzt gerade zu tun hat – sicher ohne gleichzeitig zu ahnen, dass es ständig im Begriff ist, einen ungeheuer komplexen Gesamtorganismus sowohl aufzubauen als auch am Leben zu erhalten.

Das gewaltigste aller Ameisenphänomene aber habe ich einmal im Herbst im Tessin bei einem Klassentreffen unserer Berner Gymnasialklasse auf dem Burghügel von Bellinzona erlebt: Plötzlich hatten wir alle mehr und mehr beflügelte Ameisen in den Haaren. Die weitere Beobachtung zeigte, dass diese von einem Hochzeitsflug von Tausenden von Ameisenvölkern herrührten, die in unzähligen kleinen, zunächst wie Dunstbällchen aussehenden Wölkchen hoch in der Luft im leichten Abendwind das langgestreckte Tessintal herabgezogen kamen – stundenlang. Von nahe gesehen waren es lauter einzelne Schwärme, die im milden Septemberlicht wie irr um ein virtuelles Zentrum herumtanzten. Im „Brehms Tierleben“ las ich dann, dass solche Vielvölkerzüge in ihrer manchmal hunderte von Kilometern entfernten Ursprungsgegend in einem bestimmten Moment überall förmlich aus dem Boden quellen, davonfliegen und ihre Königinnen in der Luft befruchten, um schließlich irgendwo weit weg zu landen und sich dort neu anzusiedeln.

Auch über die ungeheuer sinnreiche, in ihrer Komplexität bei weitem noch nicht voll erforschte soziale Organisation dieser Insekten habe ich einiges gelesen, über ihre chemisch kodierte Sprache, ihre scheinbar rigide gesteuerten und doch sehr flexibel den wechselnden Bedürfnissen des Ganzen anpassbaren Lebenszyklen – etwa dem Bedürfnis nach einer neuen Königin, oder nach weniger Arbeiterinnen und dafür mehr Soldatinnen oder Wächtern. Offenbar werden die meisten dieser hoch differenzierten Verhaltensweisen von chemischen Auslösern, von Hormonen und genetischen Programmen gesteuert, die ein dumpfes und doch jederzeit ungeheuer präzises Wissen vermitteln, was jetzt gerade und von wem zu tun sei. Nichts als Affekte und Kognitionen, könnte man unter Verallgemeinerung meiner diesbezüglichen Definitionen auch sagen: Bestimmte kognitive Wahrnehmungen gekoppelt an globale verhaltenswirksame Affektzustände im oben definierten Sinn, die zu vorprogrammierten affektiv-kognitiven und sensori-motorischen Abläufen führen, das Ganze evolutionär nach Versuch und Irrtum herausdifferenziert und -selektioniert von der ungeheuer weisen, ungeheuer vollkommenen und über eine ungeheuer lange und langsame Zeit verfügenden Natur.

Auch wir sind Ameisen
Mein Gleichnis? Ich glaube, dass letztlich auch wir nichts als solche Ameisen sind – in einer anderen Dimension und Situation freilich, und ausgestattet mit anderen Mitteln. Und doch hat sich grundsätzlich offenbar viel weniger geändert als wir für gewöhnlich annehmen. Denn auch wir meinen, die ganze Zeit höchst präzise zu wissen, was wir einzeln oder kollektiv jetzt gerade zu tun oder zu lassen haben; wir bilden uns ungeheuer viel ein auf unseren freien Willen, unser Bewusstsein, unsere Sprache und unsere ganzen zivilisatorisch-technischen Leistungen – und wissen doch im Grunde vielleicht nicht besser als die einzelne kleine Ameise, an welchen übergeordneten Prozessen wir eigentlich teilnehmen, was für „Tänze“ wir im großen Ganzen aufführen, und was für „Pläne“ wir erfüllen.
Diese weiträumigen biologischen, sozialen und geistigen Bezüge könnten wir erst dann allmählich etwas klarer erfassen, wenn wir fähig würden, dem Menschengekrabbel aus ähnlicher Höhe und Distanz zuzuschauen, wie wir in unserer anthropozentrischen Überheblichkeit auf das Gekrabbel auf einem Ameisenhaufen hinabblicken.


Luc Ciompi (*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.




[1] Leff, J., Vaughn, C. (1985). Expressed emotions in families. Its significance for mentalillness. New York/London: Guilford Press.
Kavanagh, D. J. (1992). Recent developments in expressed emotion and schizophrenia. British Journal of Psychiatry, 160, 601–620.

[2] Ciompi, L. (1982). Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. Ein Beitrag zur Schizophrenieforschung. Stuttgart: Klett-Cotta.

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