Mein Blick aufs Ganze – Zu meinem Begriff von Liebe im weitesten Sinne, und zur Sinnfrage

Diskussion mit einer Freundin über meinen (zu?) weiten Begriff von Liebe: Sie kritisiert meine Hypothese, dass die Evolution langfristig möglicherweise zu mehr Synergie, Harmonie und also „Liebe“ im weitesten Sinn führen könnte, als unrealistisch und idealisierend: „Schau doch, wie die Welt läuft: voller Aggression, Konflikte, Gewalt, Terrorismus und unzähligen anderen Erscheinungen, die jede Tendenz zu mehr Harmonie Lügen strafen!”

Ich wehre mich vehement. Mit meiner Hypothese, dass die Evolution auf mehr Synergie und also auf mehr Harmonie oder Liebe in einem sehr weiten Sinn hinstrebe, bin ich weder ein schwärmerischer Esoteriker noch ein illusionärer Idealist, sondern bleibe auf dem Boden eines kühlen wissenschaftlichen Denkens. Wie denn das?

Erstens weil meine Behauptung nichts anderes ist als eine wissenschaftliche Hypothese, zwar wahrscheinlich, aber auch falsifizierbar. Zweitens weil diese Hypothese sehr einfach und grundlegend ist: Sie besagt nicht mehr und nicht weniger, als dass lokal synerges Funktionieren – also zum Beispiel ein zufälliges lokales Zusammenwirken von beliebigen Entitäten, von Elementarteilchen über Atome und Moleküle bis zu biologischen Organismen und bis zum Menschen – energetisch sparsamer und damit auf lange Sicht statistisch überlebensgünstiger ist als das Nichtzusammenwirken.

Das bedeutet natürlich noch lange nicht, dass es alle Gegen-Teile von Synergie, nämlich Dysergie, Disharmonie, Konflikt und Gewaltsamkeit nicht gäbe. Es gibt sie durchaus; sie sind möglicherweise sogar für das Ganze insofern notwendig, als nichts sein kann ohne sein Gegen-Teil – und wäre es nur, weil erst das Gegen-Teil den Teil sichtbar macht und konstituiert (ohne „kalt“ gibt es kein „warm“ etc.). Und möglicherweise beruht sogar dieses Gegensatzprinzip selbst auf dem Synergieprinzip: die ökonomischste Form, einen „Teil“ zu konstitueren, könnte darin bestehen, sein Gegen-Teil zu konstituieren. Dies postuliere ich seit 1982, als mein Buch zur „Affektlogik“ das erste Mal erschien.[1] Fraglos ist jedenfalls, dass es alle Gegen-Teile von Liebe und Harmonie gibt. Aber wenn meine Hypothese stimmt – oder auch nur zu 51 oder zu 50,1 Prozent stimmt, also statistisch ganz leicht in der Überzahlt ist –, so wird sich dies in evolutionären Zeiträumen unvermeidlich im Sinn meiner Hypothese auswirken.

Für diese Hypothese spricht drittens, allen gegenteiligen Fakten zum Trotz, nicht weniger als die Evolution als Ganze! Schreitet diese doch, wie uns die Wissenschaft lehrt, seit über 13 Milliarden von Jahren zwar zunächst unendlich langsam, aber dann zunehmend schneller und, zumindest im Großen gesehen, durchaus kontinuierlich vom Einfachen und Einfachsten hin zum Komplizierteren und Kompliziertesten fort: von den Elementarteilchen über die Atome und Moleküle bis zu den lebenden Organismen und schließlich bis zum Menschen und seinen immer differenzierteren und synergistischeren Gesellschaftsformen.

Synergie ist „Liebe“ im weitesten Sinn
Die Dysergie, das Disharmonische und Konflikthafte entspricht dem zerstörenden Prinzip (dem „Todestrieb“), das Harmonische dagegen dem aufbauenden Prinzip (der Libido,) nach Freud. Beide, Todestrieb und Libido, sind in einem prekären Gleichgewicht ständig wechselwirkend am Werk. Alles, was sich stabilisiert, beruht – so die allgemeinste Form meiner Hypothese – auf dem Überwiegen von Synergie, das heißt auf Energieersparnis durch Zusammenwirken, oder eben „Liebe“ im allgemeinsten Sinn. Wo immer die destruktiven über die aufbauenden Kräfte überwiegen, da gibt es dagegen kurzfristige Zerstörung und, auf lange Sicht gesehen, letztlich überhaupt nichts Strukturiertes mehr, also Entropie.

Sehr zu beachten sind in meiner Argumentation auch die folgenden zwei Punkte: Erstens, dass die Wirkungen der Synergie insbesondere langfristig in Erscheinung treten, und zweitens, dass sie in erster Linie lokal sind. Wenn nämlich Synergie tatsächlich statistisch sowohl etwas häufiger als auch überlebensgünstiger sein sollte als Dysergie, so wird sich dies, wie gesagt, insbesondere langfristig auswirken – was „langfristig“ immer auch bedeuten mag, je nach historischen, geologischen, evolutionären etc. Maßstäben. Mit „lokal“ ist gemeint, dass es genügt, um meine Hypothese wahrscheinlich zu machen, dass sich „irgendwo“ – also nicht im Ganzen und überall – zufällig lokale Synergien bilden: zum Beispiel, dass zwei Elementarteilchen irgendwo zufällig mal synchron miteinander zu schwingen oder zwei Menschen synchron miteinander zu gehen beginnen. Wenn irgendwo ein solches Zusammenschwingen entsteht und sich als (statistisch) ökonomischer und damit überlebensgünstiger erweist als das Nichtzusammenwirken, dann wird und muss es sich langfristig durchsetzen.

Was alles natürlich überhaupt nicht bedeutet, dass es nicht trotzdem irgendwann einmal irgendwo zu einer schrecklichen, alles Leben vernichtenden Katastrophe kommen könnte. Jedenfalls scheinen sich im Weltall solche nichtlinearen Katastrophen immer wieder zu ereignen. Und auch in der Evolution auf der Erde ist es, wie uns die Evolutionswissenschaften lehren, schon mehrfach zu einem katastrophalen Massensterben gekommen – so etwa bereits im Praekambrium vor 2,4 Milliarden Jahren, dann wieder im Kambrium vor rund 485 Millionen Jahren und zuletzt (nach mehreren ähnlichen „Zwischenfällen“) vor etwa 50.000 bis 12.000 Jahren (im Pliozän und Holozän), als zahlreiche große Säuger ausstarben, darunter das Mammut und der Säbeltiger. Überhaupt sollen 99 Prozent aller je aufgetauchten Lebewesen ja schon ausgestorben sein.

Auch der Mensch wird zweifellos irgendwann einmal aussterben – möglicherweise sogar selbstverschuldet wie etwa durch einen atomaren Weltkrieg, wie er wegen der gefährlich steigenden emotionalen Spannungen zwischen den zwei narzisstischen Egozentrikern Kim Jong-un in Nordkorea und Donald Trump in den USA gerade in den letzten Monaten wieder ernsthaft zu drohen schien.

Und was ist der Sinn?
Solche evolutionsstatistischen Überlegungen[2] führen auch zurück zur Sinnfrage. Wenn nämlich die Evolution als Ganzes, und insbesondere die Evolution des Menschen, als ein offener nichtlinearer Prozess verstanden wird, der immer wieder plötzlich schiefgehen kann, so hängt diese Evolution auch von der Art und Weise ab, wie zunächst jeder Einzelne und wie schließlich wir alle miteinander denken und handeln: Wenn wir kollektiv möglichst lange überleben und dabei möglichst in Frieden leben wollen, so sind wir gut beraten, individuell wie kollektiv auf die Mehrung von Harmonie und die Minderung von Konflikten und Gewalt hinzuarbeiten.

Und insofern ist somit der „Sinn“ eines jeden Menschen und Menschenlebens ganz klar (entgegen dem ewigen Gerede von der Unmöglichkeit, einen solchen Sinn zu finden): Jeder, der in seinem kleinen oder großen Einflusskreis auf seine je spezifische Weise seinen (winzigen oder auch größeren) Beitrag dazu leistet, dass Synergie und Harmonie (oder eben „Liebe“ im weitesten Sinn) statistisch über Dysergie und Disharmonie überwiegen, hat den Sinn seines Lebens erfüllt, hat „das Seine getan“.

Luc Ciompi (*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.


[1] Ciompi, L. (1982). Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. Ein Beitrag zur Schizophrenieforschung. Stuttgart: Klett-Cotta.

[2] Solche evolutionsstatistischen Überlegungen sind heute unter anderem auch im Zusammenhang mit der Entwicklung der Big-Data-Verarbeitungsstrategien aktuell.

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  • Synergie ist stärker

    Lieber Luc,
    sehr gerne habe ich diesen Blog gelesen. Mich haben die Forschungen von Tomasello in eine ähnliche Richtung gefürt. Er untersucht ja bekanntlich den Punkt, an dem sich die kindlich-menschliche Entwicklung von der des Affen löst. Und kommt - sehr knapp zusammengefasst _ zu der Erkenntnis, dass es genau die Fähigkeit ist, die den entscheidenden evolutionären Vorteil der Menschen bedeutet: nicht nur die Intentionen des anderen zu erkennen (das sog. "Mindreading" gelingt auch höher entwickelten Affenarten), sondern diese zu antizipieren und sich dann kooperativ zu verhalten, die Kenntnis der Intention des anderen nicht für den eigenen Vorteil zu nutzen, sondern ihm zu helfen. Das hat für Tomasello nichts mit Altruismus zu tun, sondern mit der evolutionär in uns eingepüflanzten Erkenntnis, dass Kooperation besser für das gemeinsame Lösen von Problemen ist - und dass der "Aufbau von sozialem Kapital" (ich glaube, das sind nicht seine Worte, aber so habe ich es verstanden) mittel- und langfristig nützlicher ist als unmittelbare Konkurrenz. Danke für Deinen Beitrag, der viel in mir in Bewegung bringt.
    Herzlichst
    Arist

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