Mein Blick aufs Ganze – Was wollen wir eigentlich?

Der Mensch ist, was er sich wählt, hat Sartre erkannt.[1] Wenn wir, wie das bei weiten Teilen der sogenannten Eliten heute der Fall zu sein scheint, an keinerlei von einer höheren Macht vorgeschriebene Werte mehr glauben, so müssen wir uns solche eben selbst schaffen und wählen. Und genau das ist, meiner Überzeugung nach, die vordringlichste Verantwortung, mit der sich der moderne Mensch konfrontiert sieht – gerade auch im Hinblick auf eine kommende Zeit, in der computerverbesserte „Übermenschen“ mit Hilfe von riesigen Rechnern, deren Operationen wir schon heute nicht mehr zu überblicken vermögen, Entscheidungen von größter Tragweite zu fällen haben werden, so etwa über Krieg und Frieden, über Maßnahmen zur Klimastabilisierung, zur Gentechnologie und so weiter.

Vorderhand sind es indes immer noch wir gewöhnlichen Menschen, die diesen Rechnern ihre übergeordneten Zielvorstellungen vorschreiben können – eine Verantwortung, die wir nie und nimmer aus der Hand geben dürfen. Denn viel wichtiger als den Weltraum zu erobern und den Übermenschen zu entwickeln, ist und bleibt noch auf lange Zeit zweifellos das Schicksal unserer heimischen Erde und des gewöhnlichen, darauf seit Jahrmillionen evoluierenden Durchschnittsmenschen.

Diskussion im Anschluss an ein Theaterstück
Um die zentrale Frage, was wir heutigen Menschen eigentlich wollen oder, mit anderen Worten, was unsere obersten Leitwerte sind, drehte sich neulich eine im Lausanner Vidy-Theater von mir miterlebte öffentliche Debatte im Anschluss an die Aufführung eines Theaterstücks über Frankenstein, den prometheusartigen Schöpfer eines künstlichen Menschen. Wichtigste Diskutanten waren der hiesige Nobelpreisträger Jacques Dubochet[2] und der französische Theaterregisseur Jean-François Peyvert. Ersterer beeindruckte mich durch seine klaren Ideen, seinen Humor und seine Bescheidenheit, wogegen mir Peyvert mit seinen intellektualistischen Spitzfindigkeiten eher auf die Nerven ging. Auf einem Höhepunkt der Diskussion prangerte Dubochet das verlegene Achselzucken an, mit dem heute die meisten Menschen auf die Frage reagieren, was ihre höchsten sozialen Leitwerte wären. Darauf nach seinen eigenen Werten befragt, nannte Dubochet ohne Zögern Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die Ideale der französischen Revolution, und fügte an, dass er heute die Brüderlichkeit an die erste Stelle setzen würde. Peyvert stimmte ihm gewunden zu, aber wollte lieber der Gleichheit den Vorzug vor der Freiheit und Brüderlichkeit geben.

Ich war von beiden Antworten ein wenig enttäuscht. Natürlich nicht, weil ich gegen die humanistischen Grundwerte der Französischen Revolution irgendetwas einzuwenden hätte; sie haben sicher nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, insbesondere wenn man den Blick von unseren paar westlichen Vorzeigedemokratien auf den Rest der Welt richtet. Dennoch kamen mir die Antworten der beiden Diskutanten etwas klischeehaft vor. Ich würde jedenfalls, hätte man mich gefragt, den genannten Idealen zumindest noch die folgenden Werte zur Seite oder sogar vorangestellt haben:

  • das Streben nach dem Gemeinwohl,
  • die Pluralität der Weltbilder,
  • die Forderung nach einer entsprechenden Toleranz.


Wonach wir streben sollten

Das Streben nach dem Gemeinwohl als höchstem Wert ist, wie mir scheint, im öffentlichen Diskurs ganz in den Hintergrund geraten zugunsten von allen möglichen Partialinteressen: des Individuums, der Wirtschaft, des eigenen Landes. Freilich ist nicht ganz leicht zu fassen, was das Gemeinwohl denn genauer sein könnte, noch wie es zu verwirklichen wäre. Sicher gehört dazu aber eine gesunde Erde, eine saubere Luft, reines Wasser für alle und somit der Kampf gegen die progressive Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung. Fest steht ebenfalls, dass die wachsende Ungleichheit zwischen Reich und Arm, der ungerecht verteilte Zugang zu Wasser, Nahrung, Medikamenten und anderen lebenswichtigen Ressourcen sowie die hemmungslosen Waffenverkäufe an alle möglichen Kriegsparteien oder (nicht nur in den USA, sondern durchaus auch in der Schweiz) an Privatleute mit dem Gemeinwohl nichts zu tun haben. Eine mögliche, wenn auch vorderhand noch weitgehend utopische Denkspur, wie das Gemeinwohl in der Weltwirtschaft als oberster Wert eingesetzt werden könnte, scheint mir die kürzlich an einem Kongress kennengelernte Idee eines für alle Wirtschaftsakteure verbindlichen Bonus-Malussystem zu sein, wie es der österreichische Politwissenschaftler Christian Felber seit Jahrzehnten entwickelt und in kleinem Maßstab auch schon da und dort ausprobiert hat.[3]

Für eine Pluralität der Weltbilder und eine entsprechende Toleranz Andersdenkenden gegenüber plädiere ich schon aufgrund der affektiv-kognitiven Eigenwelten, in denen jeder Mensch und jede Gruppe aus Sicht der Affektlogik[4] selbstverständlich befangen ist. Indessen hat auch die Toleranz, genau wie jeder andere Wert, ihre Grenzen: Grenzenlose Toleranz jeder beliebigen Ideologie gegenüber kann (wie sich zum Beispiel im Aufkommen des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik drastisch gezeigt hat) zu Diktaturen der schlimmster Sorte führen, schrankenlose Freiheit (wie im extremen Kapitalismus) in einen mörderischen Konkurrenzkampf aller gegen alle mit wachsender sozialer Ungleichheit ausarten und extreme Gleichmacherei kann (wie im sowjetischen Kommunismus) im Verlust jeglicher Freiheit enden. Insofern geht es also immer wieder um das Finden eines subtilen Gleichgewichts zwischen einer Pluralität von Werten.

Ein weiterer, allen anderen Idealen vielleicht noch voranzustellender Wert wäre das Streben nach Zusammenarbeit, das heißt die Synergetik.


Luc Ciompi (*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.



[1] Vgl.: Vogt, P. (2011). Kontingenz und Zufall. Eine Ideen- und Begriffsgeschichte. Berlin: De Gruyter. S. 213.

[2] Der Lausanner Biophysiker Jacques Dubochet erhielt 2017 den Nobelpreis für seine Entwicklung des revolutionären Verfahrens der Kryo-Elektronenmikroskopie, das Forschern in aller Welt ermöglicht, grundlegende Lebensvorgänge direkt auf der molekularen Ebene zu beobachten.

[3] Felber, C. (2010). Die Gemeinwohl-Ökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Wien: Deuticke.

[4] Ciompi, L. (1982). Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. Ein Beitrag zur Schizophrenieforschung. Stuttgart: Klett-Cotta.

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