Kulturgeschichte der DDR

Kulturgeschichte ist ein weites Feld. Wir unterscheiden heute zwischen der klassischen (alten) Kulturgeschichte, die sich vorwiegend der Hochkultur widmete; der Neuen Kulturgeschichte, die sich darüber hinaus der Alltags- und Populärkultur zuwendet und viele einzelne kulturelle Phänomene behandelt; sowie einer Kulturgeschichte der Gesellschaft, die die politische Kultur ebenso wie die Alltags- und Populär- und die Hochkultur im Blick hat und Kultur als ein Element gesellschaftlicher Grundprozesse versteht. Gerd Dietrich hat erstmalig eine solche Kulturgeschichte der DDR-Gesellschaft vorgelegt.

Kulturgeschichte der DDR

Den seriösen Historiker unterscheidet vom Geschichtenerzähler, dass er die Ereignisse zuerst in ihrer Zeit sieht und dass er den Widerspruch zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit aushält. Darum beschreibt und beurteilt er die Geschichte nicht allein von ihrem Ende her, sondern denkt zugleich mit den Menschen aus ihrer Zeit und ihrer Vergangenheit heraus.

Gesamtgeschichte der Kultur in der SBZ/ DDR

Methodisch geht es darum, sich von der dominierenden politischen Geschichtsschreibung zu lösen und die DDRstärker mit kulturwissenschaftlichen und praxeologischen Ansätzen zu untersuchen, um sie „ambivalenzfähig zu machen“.[i] Ein kulturgeschichtlicher Ansatz versteht sich „in gleichzeitiger Distanz zur politischen Ereignisgeschichte und zur nachhegelschen Geschichtsphilosophie“. Eine solche Kulturgeschichte hat sich weder „der politischen Bewertung der nationalen Ereignisgeschichte verschrieben, noch glaubt sie, auf der Sturmwoge des universalen Fortschritts zu segeln [...] Sie betrachtet zunächst nur die Befindlichkeit der Menschen in den von ihnen selbst geschaffenen Strukturen, über deren Gesamtbewegung sie gleichwohl nicht verfügen. Dieser Versuch, erst einmal Distanz zu gewinnen, macht Kulturgeschichte interessant für unsere Gegenwart“.[ii]

Für eine Kulturgeschichte der DDR „dürfte von besonderem Interesse sein, dass die Verfechter des gesellschaftlichen Organisationskonzepts von kulturkritischen Ideen geleitet waren, im Ansatz also von kulturellen Prämissen ausgegangen waren, die dann nach und nach verändert, schließlich vernachlässigt und praktisch aufgegeben worden sind, […]  dass die ostdeutsche Kulturgeschichte wahrscheinlich durch zwei divergierende Konzepte und Trends geprägt worden ist. Einerseits wurde versucht, eine ‚Kulturgesellschaft‘ bestimmten Typs zu schaffen, die innere Widersprüche und negative Trends der Modernisierung aufhält, umkehrt oder vermeidet, wie sie am Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Gesellschaft zu zerstören drohten. Andererseits aber folgte diese Gesellschaft zugleich zwangsläufig den Modernisierungstendenzen einer entwickelten Industriegesellschaft (in der Mitte Europas), ihre Organisatoren mussten das Gesellschaftskonzept anpassen und dabei nach und nach intendierte Ziele aufgeben oder in eine unbestimmte Zukunft verweisen“.[iii]

Ein weiter Kulturbegriff. Breiten- und Massenkultur, politische Kultur und Hochkultur

Hinsichtlich der populärenKultur stehen vor allem die kulturellen Formen von Alltag und Freizeit, Unterhaltung und Vergnügen im Vordergrund. Einerseits konnte sich der Osten nicht vom Einfluss der modernen westlichen Massenkultur abschotten, andererseits gab es zahlreiche Versuche, das kulturelle Leben zu erweitern und eine „sozialistische“ Breitenkultur zu etablieren. Hierbei werden die modernen Massenmedien und die traditionelle Volkskultur ebenso wie die staatlichen Formen kultureller Bildung und Massenarbeit, die sozialistischen Feiern und Feste und die jugendlichen und städtischen Formen der Pop-, Rock- und Subkultur, einschließlich Hobby und Sport, ins Auge gefasst.

Bei der politischen Kultur in der DDR soll es weniger um die staatlichen Institutionen und Funktionen und das politische System der SED-Diktatur gehen, sondern es ist vor allem nach den subjektiven Dimensionen der Politik, nach dem Wechselverhältnis zwischen Politik und Gesellschaft zu fragen. Hierfür werden Konzepte politischer Kultur und politischer Generationen herangezogen: die gemeinsamen Erfahrungen, die Selbst- und Fremdverortung sowie die politischen Orientierungen und Mentalitäten der Ostdeutschen. Natürlich spielen dabei die ideologischen Vorstellungen, die die herrschende Partei der Gesellschaft zu implantieren versuchte, ebenso eine wichtige Rolle wie die kulturellen bzw. christlichen Ursachen von Opposition und Widerstand.

Die hohe Kultur, insonderheit die Künste: Literatur, bildende Kunst, Musik, Film und Theater, aber auch Architektur und Denkmalpflege, galt lange Zeit als der Mittelpunkt der Kultur. Sie bewegte sich in der DDR zwischen Tauwettern und Eiszeiten, zwischen Klassikmythos und sozialistischem Realismus, zwischen Affirmation und Kritik. Was zunächst unter dem kleinsten gemeinsamen Nenner Antifaschismus, dann der sozialistischen Idee firmierte, war ein weites Feld: von traditionellen Konzepten bis zu revolutionären Aktivismen, in denen sich auch die mehrfach wechselnde Kunstpolitik bewegte.

Kultur als selbstständiger, gesellschaftlicher Teilbereich mit eigener Spezifik

Die Kultur war und ist blieb ein Feld des Miteinanders und der Gegensätze von Kulturproduzenten, Kulturvermittlern und Kulturkonsumenten, von Intellektuellen und Ideologen, ein Feld der Spannungen zwischen Personen und Gruppen, Strukturen und Institutionen. Ausgangspunkt ist der Prozesscharakter von Kultur, hineingestellt in die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit der DDR-Gesellschaft. Die Wechselspiele und die sich verändernden Dominanz- und Kräfteverhältnisse prägten die Kulturgeschichte der DDR und führten zur Fort- bzw. Herausbildung spezifisch traditioneller, intellektueller und populärer, reformerischer und revolutionärer, offizieller und affirmativer, oppositioneller und alternativer Kulturen.

Zwar gehörte es seit je her zu den Grundlagen des sozialistischen Projekts, die menschliche Arbeit und Praxis als Ort der Entfaltung der Persönlichkeit und des gesellschaftlichen Reichtums zu verstehen. Aber in der Konfrontation mit der wirtschaftlich stärkeren Bundesrepublik wurden in der Selbstdarstellung der DDR die kulturellen Werte zumeist höher veranschlagt als die Ökonomie. Denn jene „systembedingte Hypertrophie von ‚Ideen‘, ‚Idealen‘ und programmatischen Vorstellungen“, sollte „eine Alternative zum gnadenlosen Werteverschleiß der westdeutschen Marktwirtschaft“ verdeutlichen und die nationale Kultur in der ostdeutschen Gesellschaft verankern. Daraus war in der DDR eine eigentümliche Verflechtung der ideologischen Machtausübung mit beachtlichen Leistungen entstanden, „die für die Denkmalpflege, für kulturelle Schöpfungen wie für die geisteswissenschaftliche Forschung erbracht wurden, und in denen Utopisches – auch als Widerstand – umging“.[iv]

Kulturpolitik: Ein Teil des kulturellen Feldes

Während bisherige Darstellungen in der Regel davon ausgingen, dass die SED-Politik die kulturellen Entwicklungen dominierte und ihre Richtung bestimmte, was zu einem relativ einspurigen und simplen Schema führte, soll hier eine Veränderung der Perspektive vorgenommen werden. Gegenüber der bisherigen Dominanz des Politischen wird ein kulturgeschichtlicher Ansatz favorisiert: Kulturpolitik als Teil eines kulturellen Feldes. Kultur und Politik werden in ihrer wechselnden Hegemonie und gegenseitigen Einflussnahme betrachtet. Die Kultur- und Intelligenzpolitik wie auch die Erbe- und Kirchenpolitik der SED bewegten sich ebenso wie die Kulturentwicklung in jenem Spannungsfeld zwischen traditionellen Konzepten und revolutionären Aktivismen und changierten mehrfach zwischen Konfrontation und Kooperation.

Dass es sich bei der SED-Herrschaft um eine „moderne Diktatur“ handelte, steht außer Frage. Denn sie war eine Herrschaft des 20. Jahrhunderts auf der Basis der Industriegesellschaft und zielte auf eine grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft und die Schaffung eines neuen Menschentyps ab. „Vieles an der DDR war ausgesprochen modern […]. Dazu gehören auch ihre Methoden diktatorischer Herrschaft, Propaganda und Kontrolle, durch die sie sich von Diktaturen früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte unterschied.“ Die  Merkmale der modernen Diktatur sind, „oft nur ex negativo, aus dem kontrastierenden Vergleich mit den Prinzipien des liberal-demokratischen Rechts- und Verfassungsstaates“ gewonnen.[v] Aber dass diese moderne Diktatur neben ihren repressiven Funktionen zugleich wesentliche Transformations-, Bildungs- und Wohlstandseffekte entwickelte,  kann durch eine kulturgeschichtliche Betrachtung herausgearbeitet werden.

Drei historische Perioden von Kultur

Diese DDR war zu verschiedenen Zeiten verschieden und sie wurde auch von den verschiedenen Leuten verschieden erlebt. Und wenn Kultur als ein relativ selbständiger Teilbereich der Gesellschaft und „als System eigener Kohärenz“[vi] beschrieben werden soll, kann sich deren Periodisierung durchaus von der Politik- und Sozialgeschichte unterscheiden. Der Geschichte der Kultur in der SBZ/DDR wird in drei historischen Perioden unter folgenden Prämissen nachgegangen:

  • Kultur in der Übergangsgesellschaft 1945 – 1957 und Mobilisierungsdiktatur
  • Kultur in der Bildungsgesellschaft 1958 – 1976 und Erziehungsdiktatur
  • Kultur in der Konsumgesellschaft 1977 – 1990 und Fürsorgediktatur

Diese genannten Gesellschafts- und Diktaturbegriffe sind als idealtypische und dialektische Kennzeichnungen zu verstehen. Sie schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern heben das Besondere und Dominante des jeweiligen historischen Zeitraums hervor. Ob die Gesellschaft der DDR eine sozialistische war, sei dabei stets in Frage gestellt. Zutreffender ist wohl die Bezeichnung „arbeiterliche Gesellschaft“. Eine arbeiterliche Gesellschaft im Unterschied zur höfischen und zur bürgerlichen Gesellschaft. [vii] Dabei war die DDR-Gesellschaft zu allen Zeiten eine Übergangs-, Bildungs- und Konsumgesellschaft, jedoch in sehr unterschiedlichem Maße.

Der Wert der Kultur

Aus drei Gründen hatte Kultur einen hohen Stellenwert: Zum ersten war die DDR tief in einer protestantischen deutschen Kulturlandschaft und der deutschen Kulturnation verwurzelt. Zu diesem Erbe gehörte auch das besondere Pathos des Wortes Kultur: Kultur als Religions- und Politikersatz wie als Kompensation für politische Freiheiten. Zum zweiten stand die DDR in der Tradition der sozialistischen deutschen Arbeiterbewegung und deren Idee einer Kulturgesellschaft von gleichen und arbeitenden Menschen. So wurde zunächst versucht, eine Gesellschaft zu schaffen, die die negativen Trends der Modernisierung vermeiden sollte. Zum dritten hatte die DDR ein Legitimationsproblem. In der Konfrontation mit der wirtschaftlich stärkeren Bundesrepublik wurden die kulturellen Werte zumeist höher veranschlagt als die Ökonomie. Und während andere sozialistische Länder auf dem Selbstverständnis ihrer nationalen kulturellen Identität aufbauen konnten, befand sich die DDR als kleinerer deutscher Teilstaat immer auf der Suche nach Identität. Eine breite Pflege von Kultur gewann darum besondere legitimatorische Bedeutung.

Es ist der Anspruch einer Kulturgeschichte der DDR, eine neue Sicht auf das Wechselspiel der verschiedenen Kräfte und Faktoren im kulturellen Feld zu entwickeln. Zugleich muss der eklatante Widerspruch zwischen dem hohen Respekt vor Kultur und der ständigen Furcht vor einer Destabilisierung durch Kultur konstatiert werden: Der erstaunlich umfangreichen materiellen und politischen Förderung von Kultur in der DDR, die eine Hochachtung und Wertschätzung der Kultur zum Ausdruck brachte, stand eine politisch-ideologische Bevormundung und strukturelle Begrenzung gegenüber, die einer Überschätzung ebenso wie einer Missachtung von Kultur gleichkam. Ebenso ist immer wieder festzustellen, wie gering die Durchschlagskraft der ideologischen Vorgaben war. „Von den offiziellen Doktrinen des Marxismus-Leninismus blieb die Masse des Volkes ganz unberührt, da sie keine handgreifliche Bedeutung für sie hatten (außer dann, wenn sie an einer Karriere interessiert waren, bei der solch esoterisches Wissen vorausgesetzt wurde).“[viii]

Aber über lange Zeit war der gesellschaftliche Ausbau von kulturellen Ideen geleitet. Und die Kulturpolitik, so die allgemeine Meinung auch in der DDR, konnte vielleicht besser oder schlechter, liberaler oder restriktiver, aber nicht wirklich von Übel sein, weil Kultur noch immer das „Wertvolle“ und „Erhabene“ präsentierte. Kultur, die im Osten entstand, konnte sowohl traditionell als auch modern sein, sie war östlichen wie westlichen Einflüssen ausgesetzt und stand in einer nationalen Tradition. Von der Gründung an lasteten auf der DDR „Stalinismus als Vorgabe, Nazismus als Hinterlassenschaft, und die Drohung durch das Kapital“.[ix] So offenbarte ihre Kultur zuweilen Enge und Einfalt und strebte zugleich nach Weite und Vielfalt. Konflikte zwischen Politik und Kultur gibt es freilich in jeder Gesellschaft, denn Politik geht vom Großen und Ganzen aus, während Kultur den einzelnen Menschen im Blick hat. „Ist Politik das Einende, so ist Kultur das Differenzierende“.[x] Gleichwohl soll mit dieser Kulturgeschichte die Frage nach der kulturellen Substanz und Eigenständigkeit der ostdeutschen Gesellschaft und nach dem widerständigen Potenzial ihrer Kultur zwischen Tradition, Innovation und Repression beantwortet werden.

 Gerd Dietrich, März 2019


Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1986-0424-304 / Junge, Peter Heinz /CC-BY-SA 3.0

[i] Niethammer, Lutz: Drei Fronten, ein Fehlschlag und das Unbewusste der Aufklärung. In: Frei, Norbert (Hg.): Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts? Göttingen 2006,  S. 114.

[ii] Kittsteiner, Hans Dieter: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Kulturgeschichte? In: Geschichte und Gesellschaft 1/1997, S. 16.

[iii] Mühlberg, Dietrich: Die DDR als Gegenstand kulturhistorischer Forschung. In: Ostdeutsche Kulturgeschichte. Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung, Heft 33, Berlin 1993, S. 24, 36f.

[iv] Lehmann, Günther K.: Macht der Utopie. Ein Jahrhundert der Gewalt, Stuttgart 1996, S. 406f.

[v] Kocka, Jürgen: Vereinigungskrise. Zur Geschichte der Gegenwart, Göttingen 1995, S. 93, 117.

[vi] Bourdieu, Pierre: Schwierige Interdisziplinarität. Zum Verhältnis von Soziologie und Geschichtswissenschaft, Münster 2004, S. 57

[vii] Engler, Wolfgang:  Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999, S. 197ff.

[viii] Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995, S. 491.

[ix] Zwerenz, Ingrid und Gerhard: Sklavensprache und Revolte. Der Bloch-Kreis und seine Freunde in Ost und West, Hamburg 2004, S. 164.

[x] Eagleton, Terry: Was ist Kultur? Eine Einführung, München 2001, S. 84.

 

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