Körperorientierte Systemische Therapie im nichtheilkundlichen Bereich unter den Voraussetzungen von Abstand und Masken - eine Herausforderung

Körperorientierte Systemische Therapie im nichtheilkundlichen Bereich unter den Voraussetzungen von Abstand und Masken - eine Herausforderung

Besonders in Zeiten dieser Pandemie und den damit verbundenen Restriktionen ist die körperorientiere systemtherapeutische Arbeit wichtiger denn je. Der Zugang zu sich selbst ist umso wichtiger, da er die Voraussetzung für die Begegnungen mit anderen Menschen ist.

Viele Klient*innen im ambulant betreuten Einzel- und Gruppenwohnen für psychisch beeinträchtigte, wohnungslose Menschen wünschen sich zunehmend Unterstützung, sich selbst (wieder) wohlwollend begegnen zu können, um sich wieder stabil und handlungsfähig zu fühlen. Sie äußern diesen Wunsch auch gegenüber Systemischen Therapeut*innen, die meist im sozialarbeiterischen Kontext ohne Heilerlaubnis tätig sind.

In dem Buch „Systemische Therapie jenseits des Heilauftrags“ beschreiben sowohl die Herausgeber*innen Tanja Kuhnert und Dr. Mathias Berg als auch weitere Systemiker*innen diverser Kontexte die Notwendigkeit systemtherapeutischer Arbeitsweisen in nichtheilkundlichen Arbeitsfeldern.

Kuhnert beschreibt systemtherapeutisches Denken und Handeln als das angezeigte Denk- und Handlungsmodell für Menschen in einem ambulant betreuten Wohnen. Sie begründet dies mit den komplexen Problemlagen, die sowohl psychische, körperliche und soziale Bedeutung haben (s. Kuhnert, 2020, S.215).[1] Ludwig nimmt Bezug auf Ludewigs Definition psychischer Störungen als polysystemisch, biopsychosoziale Phänomene und beschreibt körperorientierte systemtherapeutische Interventionen und Ziele für die Einzel- und Gruppenarbeit mit psychisch beeinträchtigten Menschen (s. Ludwig, 2020, S.163). Hierbei werden die kognitiven, verbalen, emotionalen, somatischen, energetischen, motorischen und interaktionellen Ebenen angesprochen. Auch Nassenstein beschreibt den Körper als gewinnbringende Ressource für die Prozessgestaltungen - insbesondere bei Menschen mit einer psychiatrischen Symptomatik (s. Nassenstein, 2020, 190). Strecker verdeutlicht in einem Fallbeispiel körperorientierte systemtherapeutische Methoden im Rahmen der Seelsorge zum Thema Scham und Schuld (s. Strecker, 2020, 298).

Nähe trotz körperlicher Distanz und Maskierung - überhaupt möglich?

Seit März 2020 müssen sich auch Klient*innen und Helfer*innen aller Couleur (Therapeut*innen, Sozialarbeiter*innen, Pfleger*innen etc.) an die für in Deutschland geltenden Pandemie-Restriktionen halten: u.a. an Kontaktbeschränkungen, Mindestabstand und das Tragen einer Maske. Der allgegenwärtige Mindestabstand verstärkt die ohnehin bestehende Exklusion der Klient*innen, die sie durch ihre multiplen Problemlagen erfahren - vor allem aber zu sich selbst. Körperorientierte systemtherapeutische Interventionen ermöglichen Klient*innen einen unmittelbaren Zugang zu ihren Gefühlen, wodurch Verhaltensweisen reflektiert und Veränderungsprozesse direkt erlebt und gestaltet werden können (s Ludwig, 2020, S.162f.). Insbesondere das Wahrnehmen von Gefühlen, wie jahrelang unterdrückte Wut, Traurigkeit, Scham und Schuld sowie sensible Themen, wie Bedürfnisse nach Nähe und Kontakt - sowohl zu sich selbst als auch zu anderen - macht therapeutische Termine in Präsenzform dringend notwendig.

Wie viel Abstand und Maskierung verkraftet die Seele eines Menschen, die sich nach Zugehörigkeit, Verbundenheit und echter Begegnung sehnt?

Die seit elf Monaten vorgeschriebenen Restriktionen verhindern den authentischen zwischenmenschlichen Kontakt. Insbesondere psychisch beeinträchtigte Menschen mit Exklusionserfahrungen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Angststörungen sind nun in besonderem Maße gefordert, emotional stabil zu bleiben - auch, um Klinikaufenthalte zu verhindern.

Im vergangenen Jahr hat sich vermehrt gezeigt, dass Klient*innen persönliche Begegnungen benötigen, um an emotionalen Themen arbeiten zu können - denn dafür braucht es ein Berührt-Sein mit sich selbst und das Wahrgenommen werden durch ein präsentes Gegenüber. In den körperorientierten systemtherapeutischen Terminen wird Klient*innen der Zusammenhang von Körperhaltung, Gedanken/Glaubensmustern und Gefühlen deutlich. Die Arbeitsweise basiert darauf, „nah an der Klientin zu sein“, d.h. minimale Veränderungen der Körperhaltung, Körperbewegungen, Mimik, Atmung, Töne, Stimme wahrzunehmen und in den Veränderungsprozess zu integrieren, so dass Lösungsbewegungen entstehen können. Wahrgenommen zu werden und über diese Bezeugung (witnessing) verbunden zu sein, ist ein wichtiger Teilaspekt dieses Arbeitsansatzes. Das Tragen einer Maske, die die Begegnung mit sich selbst und mit anderen immens einschränkt, kann das Gelingen heilsamer Begegnungen verhindern. Andererseits werden einige körperorientierte Interventionen durch physische Berührung verstärkt oder gar erst wirksam, was das Tragen einer Maske bei derzeitigen Hygiene- und Schutzkonzepten notwendig macht. Sicherlich hat jeder Helfende im Laufe des vergangenen Jahres ihren/seinen eigenen Umgang mit den derzeitigen Herausforderungen zum Thema Nähe und Distanz gefunden.

Mir ist es für einen gelingenden Arbeitsprozess wichtig, sowohl die vorgeschriebenen Maßnahmen einzuhalten als auch meine eigenen Bedürfnisse zu achten und zu respektieren. Ich kann präsenter, achtsamer und demnach verbundener sein, wenn ich ohne Maske arbeite. Ferner ist es mir wichtig, dass mein Gegenüber meine Mimik uneingeschränkt erkennen kann. Die meisten meiner Klient*innen machten im Laufe der Zeit ähnliche Erfahrungen.

Da Sicherheit und Vertrauen zentrale Grundvoraussetzungen für eine gelingende Arbeitsbeziehung sind, spielt das Erfüllen von Sicherheitsbedürfnissen meiner Klient*innen eine entscheidende Rolle. So finden Termine entweder draußen und ohne Maske oder im Therapieraum mit oder ohne Maske statt. Die meisten Termine beginnen im Sitzen mit etwa vier Metern Abstand, bei denen auf das Tragen von Masken verzichtet werden kann. Während körperorientierter systemtherapeutischer Interventionen ist das Tragen einer Maske dann für die Klient*innen und mich indiziert, wenn die Interventionen das Verlassen des Mindestabstands erfordern, um eine entsprechende Wirkung erzielen zu können. Beispielsweise bei Nähe und Distanz - Interventionen (Stopp-Übungen), in der es um das Wahrnehmen von Gefühlen beim Ausloten eigener Grenzen geht. Die Klient*innen kommen bei dieser Intervention u.a. in den Kontakt mit ihrer eigenen Kraft der Selbstachtung und Selbstwirksamkeit (s. Ludwig, 2020, S. 168).

Meine bisherige Erfahrung ist, dass das Tragen einer Maske den Prozess nur relativ gering beeinflusst, wenn diese erst nahezu am Ende der Intervention zum Einsatz kommt. Wichtig ist, dass sich die Klient*innen im vorherigen Arbeitsprozess bereits in die jeweiligen Situationen hineinfühlen konnten und ihnen ein Zugang zu ihren Gefühlen möglich wurde. Ferner versuche ich das Aufsetzen der Maske für die Klient*innen und mich so beiläufig wie möglich zu gestalten.

Ein Fazit

Körperorientierte systemtherapeutische Termine werden vermutlich noch geraume Zeit durch Restriktionen beeinflusst sein und ausschließlich im Einzelkontakt stattfinden können.

Im Klient*innen-Kontakt können durch die derzeitige Situation verschiedene Themen zu Tage treten, die wiederum Thesen oder Fragen initiieren können: Wobei hilft mir das Tragen einer Maske? Wobei behindert sie mich oder was verhindert sie gar? Gibt es Anteile in mir, die erleichtert sind, sich nun offiziell verstecken zu dürfen und anonymer zu sein? Ist der Abstand eher hinderlich oder angenehm? Wie ist eigentlich meine Haltung zu „Nähe und Distanz“? In welchen Situationen gelang es mir bisher, Abstand und Grenzen einzuhalten oder zu setzen? In welchen Situationen eher weniger? Und wofür?

Auch Helfer*innen können sich beispielsweise folgende Fragen stellen: Wie können wir Nähe, Vertrauen, Miteinander und Verbundenheit - also echte Begegnungen - schaffen, obwohl Masken und Abstandregelungen Teil unserer Arbeitsrealität sind? Was sind Voraussetzungen für heilsame Begegnungen und neue Erfahrungen? Wie möchten wir derzeit im Kontakt sein? Wie gehen wir selbst mit unterschiedlichen Bedürfnissen um?

Diese Pandemie lädt unweigerlich zur Reflexion des Selbstverständnisses unserer jeweiligen Arbeitsprofession ein und deren Restriktionen wecken Flexibilität bei Helfer*innen und Klient*innen. Sie bringen Dilemmata unterschiedlicher innerer Bedürfnisse zum Vorschein. Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit, Selbstbestimmung, Zugehörigkeit, Verbundenheit und echter Begegnung. Eine Chance für Reflexion und Austausch. Daher: Lassen Sie uns transparent und kreativ sein.



[1] Alle Quellen, auf die ohne nähere Angaben verwiesen wird, beziehen sich auf: Kuhnert, T., Berg, M. (Hg): Systemische Therapie jenseits des Heilauftrags. Systemtherapeutische Perspektiven in der Sozialen Arbeit und verwandten Kontexten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

 

Marion Ludwig ist Diplom-Sozialpädagogin (FH), Systemische Therapeutin / Familientherapeutin (DGSF) und systemische Körperpsychotherapeutin (GST). Sie ist seit 19 Jahren in verschiedenen Einrichtungen und Positionen beim selben Träger der Wohnungslosen- und Eingliederungshilfe tätig und arbeitet seit 2015 in einem ambulanten Wohnverbund für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.

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