Kleiner KrisenKompass: Respekt als Basis für Liebe und Wertschätzung

Haben Sie schon mal den Respekt vor sich selbst verloren? So kann es jedem früher oder später ergehen. Daniela und Sophus Renger verhelfen uns zu einem besseren Verständnis von Selbstrespekt, um diese Krise gut zu überstehen.

 

Sich selbst respektieren ist manchmal leichter gesagt als getan. Wie kann ich konkret vorgehen? Was sind die ersten Schritte?

Das, was die Suche nach Respekt und Selbstrespekt so schwierig macht, ist oft die Unsicherheit, wonach ich da eigentlich wirklich suche. So einig sich alle zu sein scheinen, dass Wertschätzung, Respekt und Selbstrespekt wichtig in unserem Leben sind, so gering ist gleichzeitig der Konsens, was sich hinter diesen Begriffen wirklich verbirgt. In der Alltagssprache kann z. B. Respekt sowohl Angst (Respekt vor einem großen Hund) als auch Leistungsanerkennung (Respekt vor der Leistung einer Fußballmannschaft), Gehorsam (Respekt vor Autoritäten) oder Gleichbehandlung (Respektieren der Menschenwürde) bedeuten. So scheitert auch unser ganz eigener Weg zu Respekt und Selbstrespekt oft daran, dass wir nicht klar benennen können, wonach wir eigentlich suchen. In den meisten Selbsthilferatgebern wird unter Begriffen wie Selbstrespekt und Selbstwertschätzung oft nur das globale Gefühl, sich selbst gut oder schlecht zu finden, verstanden. Woher sollte man da wissen, wo man ansetzen könnte, um Veränderungen zu erreichen? Erst wenn wir klar erkennen, was uns fehlt, können wir gezielt an unserem Selbstrespekt und unserer vollwertigen Anerkennung arbeiten.

Basierend auf einer Synthese wissenschaftlicher Ansätze ist der Vorschlag in unserem Buch, drei konkret unterscheidbare Formen der Selbstbewertung zu betrachten, an denen dann ganz gezielt gearbeitet werden kann.

  1. Selbstliebe beschreibt das Gefühl emotional auf einer sicheren Basis zu stehen und sich selbst zu mögen.
  2. Selbstwertschätzung verstehen wir als Überzeugung kompetent zu sein und etwas beitragen zu können.
  3. Selbstrespekt ist die Überzeugung gleichberechtigt und gleichwertig zu sein.

Insbesondere ein Mangel an Selbstrespekt fällt uns oft nicht gleich auf; wir interpretieren das Gefühl, uns etwas nicht zuzutrauen, allzu oft als Mangel an Selbstwertschätzung und versuchen dies z. B. durch mehr Leistung und dem Streben nach Lob aufzufüllen. Die Erkenntnis, dass aber oft eher ein Defizit im Selbstverständnis, gleichberechtigt zu sein und wirklich eigene Entscheidungen treffen zu dürfen, dahintersteht, erlaubt eine andere Perspektive und eröffnet neue Wege.

 

Warum ist es uns wichtig, was andere über uns denken und dass sie uns wertschätzen?

Alle drei Formen der Selbstanerkennung (Selbstliebe, Selbstwertschätzung und Selbstrespekt) werden in starkem Maße davon geprägt, wie uns andere Menschen behandeln. Wir ziehen aus Anerkennungserfahrungen in sozialen Interaktionen Informationen darüber, wer wir sind und verinnerlichen diese im Selbstbild. Drei Formen der kommunizierten Anerkennung lassen sich unterscheiden: bedürfnisbasierte Zuneigung, leistungsbasierte Wertschätzung und gleichwertigkeitsbasierter Respekt. Wenn eine Person über mangelnde Wertschätzung klagt, ist es ratsam zu erkunden, welche der drei Anerkennungserfahrungen eigentlich fehlt. Erst dann kann passgenau gegengesteuert werden, damit fehlende Anerkennung keine Defizite in der Selbstanerkennung verursacht. Mit dem Wissen über die drei unterschiedlichen Dimensionen können gezielt Quellen (z. B. bestimmte Personen oder Situationen) bestimmt werden, die wenig oder keine Anerkennung kommunizieren und diese können verändert bzw. ersetzt werden. Idealerweise sollten wir uns mit Menschen umgeben, die uns positive Anerkennungserfahrungen auf allen drei Ebenen ermöglichen.

 

Gerade in Zeiten gesellschaftspolitischer Krisen und kriegerischen Auseinandersetzungen beschäftigt uns, wie man Respekt für andere Menschen fördern kann. Was sagen Sie dazu?

Krisenzeiten sind meist dadurch gekennzeichnet, dass Menschen aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, sich gegenseitig vollwertige Anerkennung zu geben. In Zeiten, in denen es schwer fällt andere zu mögen (Zuneigung) oder deren Leistungen als wertvoll anzusehen (Wertschätzung), kommt es ganz fundamental auf den Respekt an. Andere als grundlegend gleichwertig zu respektieren ermöglicht, auch in diesen Zeiten zumindest im Dialog zu bleiben. Respekt gegenüber Personen, die wir eigentlich ablehnen, nennen wir Toleranz (siehe hierzu auch das Modell der Kieler Forschungsstelle Toleranz, KFT). Toleranz bildet die Grundlage, die wir unter allen Umständen in der Gesellschaft sicherstellen müssen, damit im Anschluss an eine Krise auf dieser Basis wieder Verbundenheit und Wertschätzung aufgebaut werden können. Respekt stellt also eine Schwelle dar, unter die wir nicht sinken dürfen. Gefördert werden kann das Gefühl respektiert zu werden bspw. dadurch, dass auch abweichende Meinungen geäußert werden können, solange sie nicht die Gleichwertigkeit anderer verletzen. Gegenseitiges Zuhören und ernst nehmen ist gerade in Krisenzeiten wichtig, um langfristig den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu gefährden.

 

Welche Frage hätten Sie noch erwartet, was möchten Sie uns gern noch mit auf den Weg geben?

Unser Buch macht deutlich, dass sich unglaublich viele psychische und soziale Phänomene als Suche nach Anerkennung und Selbstanerkennung deuten lassen. In so diversen sozialen Kontexten wie Erziehung, Schule, Therapie und Beratung, Arbeitswelt oder Politik und Gesellschaft, geht es letztlich darum, adäquate Anerkennungserfahrungen zu machen, zu verinnerlichen und weiterzugeben. Erschwert wird diese Suche durch unklare Begriffe und Definitionen. Wenn nicht klar ist, was mit Wertschätzung oder Respekt auf der eine Seite und mit Selbstwert und Selbstrespekt auf der anderen Seite gemeint ist, dann wissen Menschen nicht, wonach sie eigentlich suchen (sollen). Unser Buch gibt eine wissenschaftlich fundierte Schablone vor, welche drei zentralen Informationen im menschlichen Miteinander ausgetauscht und im Selbstbild verinnerlicht werden. Mit dieser Systematik im Kopf werden Sie auch bei der Lektüre anderer Bücher zahlreiche Aha-Erlebnisse haben und merken vielleicht, dass viele Themen in die unterschiedlichen Formen von Anerkennung eingeordnet werden können. Genauso kann die Schablone helfen, bei der eigenen Selbstreflexion in und außerhalb persönlicher Krisen die Defizite im Selbst zu orten und gezielt Veränderungen anzustreben.

 

Weitere Beiträge zu unserem Kleinen KrisenKompass finden Sie hier.

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