Kleiner Krisenkompass: Innere Freiheit entwickeln

Sind wir denn wirklich alle »neurotisch« und was bedeutet das für den Umgang mit uns selbst und mit anderen? Diana Pflichthofer zeigt, wie sich gerade in COVID-Zeiten Klippen der Entwertung und Leugnung umschiffen lassen.

 

Das Virus lässt uns nicht los: Gibt es eigentlich eine Corona-Neurose und wenn ja, wie ließe sich diese beschreiben?

Aus meiner Sicht gibt es ganz sicher keine »Corona-Neurose«, sondern die COVID-19-Pandemie ist ein in mehrfacher Hinsicht belastendes Ereignis, mit dem man psychisch unterschiedlich umgehen kann und mit dem – wie wir sehen können – auch sehr unterschiedlich umgegangen wird. Je bedrohlicher und verunsichernder ein Ereignis ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf sogenannte »frühe Abwehrmechanismen« zurückgreifen und »neurotisch« reagieren: Spaltungen mit Idealisierungen und Entwertungen, Leugnungen und Projektionen.

Die Welt erscheint plötzlich schwarz-weiß, aufgeteilt in »Gut« und »Böse«. Das ließ sich auch während der Pandemie beobachten, als früh, auch seitens der Politik, moralisiert wurde: die Geimpften als die »Guten«, die Nichtgeimpften als die »Bösen«, als seien beide jeweils ganz homogene Gruppen, in denen die Individuen – weil sie ein Merkmal teilen, nämlich ihren Impfstatus – als einander gleichende Individuen angesehen wurden. Umgekehrt wird die Gruppe der Geimpften ebenfalls als homogene Gruppe der »Bösen« angesehen, indem man ihnen Dummheit oder einen diktatorischen Willen unterstellt.

 

Gefühlt ist der Umgang miteinander in den letzten Monaten nicht einfacher geworden: Wie gehen wir ganz generell mit aus unserer Sicht neurotischen Zeitgenossen um?

Diese Frage ist eigentlich recht typisch, weil sie implizit transportiert, dass »die Anderen« neurotisch sind und nicht man selbst. Neurotisches Verhalten ergibt sich aus ungelösten unbewussten Konflikten, aus unbewussten widerstreitenden Gefühlen und Impulsen. Das sichtbare neurotische Verhalten stellt –aus der Innenwelt des betreffenden Menschen – eine Kompromisslösung dar. Und das betrifft uns alle.

Wir können alle, unter bestimmten Umständen, neurotisch reagieren. Insofern ist es für den Umgang mit anderen Menschen zunächst von Vorteil, sich selbst zu kennen. Das könnte den Blick von »oben nach unten«, ich, die Gesunde, sie, die Neurotische, verhindern und für ein Grundwohlwollen sorgen. Wie ich auf das neurotische Verhalten eines Zeitgenossen reagiere, hat sicher immer auch damit zu tun, wie sehr ich mich durch dessen Verhalten eingeschränkt oder belästigt fühle. Stört es mich, wenn einer vierzig Gartenzwerge im Garten hat? Ja? Dann ergäbe sich die Frage: Warum eigentlich?

 

Gerade jetzt, wo es vielen Menschen immer schwerer fällt, zufrieden durch den Alltag zu gehen: Wann dürfen wir gern mal einen neurotischen Zug pflegen, wann sollten wir aber auf jeden Fall von ihm abspringen?

Die Frage impliziert, dass wir darauf Einfluss haben, indem wir uns entscheiden können, von einem Zug abzuspringen. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Zunächst einmal muss man ja erkennen oder überhaupt für möglich halten, dass ein Verhalten »neurotisch« ist. Um das Beispiel von eben aufzugreifen: Ist es neurotisch, vierzig Gartenzwerge im Garten zu haben, oder einfach nur skurril? Da sind die Grenzen doch fließend.

Eine für mich wichtige Frage ist, inwieweit ich die innere Freiheit habe, so oder anders zu reagieren. Muss ich immer noch neue Gartenzwerge kaufen, weil ich nicht an einem vorbeigehen kann? Muss ich sie im Garten behalten, obwohl sie mich selbst schon nerven?

Und kann ich vor mir selbst zugeben, dass ich mich eigentlich innerlich zu diesem Verhalten gezwungen fühle und Angst spüre, wenn ich nur erwäge, es anders zu machen? Wenn man spürt, dass man bezüglich seines Handelns und Denkens wenig innere Freiheit hat, man sich irgendwie »gezwungen« fühlt, dann kann ein Verhalten Symptomcharakter haben und neurotisch sein, also eine Kompromissbildung darstellen.

 

Welche Frage hätten Sie noch erwartet, was möchten Sie uns gern noch mit auf den Weg geben?

Das »Neurotische« findet man nicht nur in der Psychiatrie oder in psychotherapeutischen Kliniken und Praxen, man kann ihm eigentlich überall begegnen: in Vorstandsetagen, Dax-Konzernen, in der Politik, in Schulen, Krankenhäusern, im Fernsehen, auf dem Schützenfest und dem Karneval, und ja, auch in psychoanalytischen Institutionen.

 

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