Intensivtierhaltung - Landwirtschaftliche Positionierungen im Spannungsfeld von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft

Intensivtierhaltung

Landwirtschaftliche Positionierungen im Spannungsfeld von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft

Selbst während der Corona-Krise ist Landwirtschaft – beispielsweise in Debatten über die Versorgung der Bevölkerung, die Beschäftigung von Saisonarbeiter:innen und die Bedingungen in Schlachthöfen – ein gesellschaftlich präsentes Thema geblieben. Die Diskussionen um Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion werden künftig – auch angesichts der Ernährung von 2050 prognostizierten zehn Milliarden Menschen weltweit – nicht abflauen, sondern noch sehr viel stärker an Bedeutung gewinnen. In den westlichen Industrienationen stehen allerdings angesichts einer nicht mehr von Mangel – wie etwa noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts und infolge der beiden Weltkriege der Fall –, sondern von Überfluss gekennzeichneten Ernährungssituation nicht mehr die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung an sich, sondern die Art und Weise, wie deren Produktion erfolgt, im Fokus des Interesses von Medien, Verbraucher:innen und damit auch der Politik.

Grundsätzlich sind globale Vernetzungen und Zusammenhänge wie etwa der Flächenfraß für Sojaanbau in Südamerika, land-grab­bing-Problematiken und vor allem die ökologisch-klimatischen Folgen der Agrarwirtschaft zunehmend in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Ganz besonders der Bereich der Intensivtierhaltung kanalisiert hier seit Jahrzehnten durch Bilder von gequälten Tieren und wiederkehrende Lebensmittelskandale und weckt – meist negative – Emotionen.

Warum eine Arbeit über Intensivtierhalter schreiben und: Lassen diese überhaupt mit sich reden?

Zwar wird öffentlich viel über Intensivtierhaltung, selten aber mit Intensivtierhalter:innen gesprochen, obgleich sie eine der wichtigsten Akteursgruppen für die gesellschaftlich gewünschte Transformation hin zu einer nachhaltigeren und ethischeren Landwirtschaft bilden. Meine Arbeit setzt hier an: Sie lässt die Betroffenen selbst zu Wort kommen und rückt die Positionierungen der Landwirt:innen ins Zentrum der Untersuchung. Sie macht die hinter dem Konstrukt einer medial transportierten, einheitlichen Agrarlobby stehenden Menschen sichtbar und möchte dabei weder Verteidigung noch Anklage sein – beides liegt bereits in zahlreicher Form vor. Stattdessen geht es mir darum, den Lebensrealitäten einer kaum beforschten Berufsgruppe nahezukommen und mich intensiv mit dem Denken und Handeln der Interviewpartner:innen auseinanderzusetzen.

Bereits der Zugang zu den Intensivtierhalter:innen wurde im privaten wie auch im universitä­ren Umfeld immer wieder zum Ausgangspunkt zahlreicher Fragen: Wie konnte ich die Landwirte und Landwirtinnen überhaupt dazu bringen, mit mir zu sprechen? Waren die nicht völlig verschlossen? Wie lange vorher musste ich mich anmelden, damit die skandalösen Zustände in den Ställen noch in Ordnung gebracht werden konnten? Und: Hatten sie mich da überhaupt hineingelassen? Diese Annahmen reflektieren wiederum gesellschaftlich dominante Bilder von Landwirt:innen als abweisenden Menschen, die – gerade im Bereich Intensivtierhaltung – grundsätzlich etwas zu verbergen haben. Entsprechende Projektionen erwiesen sich allerdings in der Praxis als weitgehend unbegründet – stattdessen kristallisierte sich ganz im Gegenteil ein starkes Redebedürfnis der Befragten heraus: Die Interviewsituationen gerieten häufig fast schon zu therapeutisch anmutenden mehrstündigen Sitzungen.

Marginalisierung, Anerkennungsverlust und Defensivstrategien

 „Alle sind gegen uns“, so das Gefühl der Intensivtierhalter:innen, aus dem sich wiederum der Rückzug in selbstbestätigende innerlandwirtschaftliche Kanäle speist – stets wiederkehrende Rechtfertigungen und ähnliche Formulierungen fanden sich so nicht nur in den Interviews selbst, sondern auch in gleichzeitig analysierten Bauernverbands-Broschüren, landwirtschaftlichen Lehrbüchern und Fachzeitschriften. Resignative Haltungen gegenüber von der Produktion entfremdeten Verbraucher:innen, Misstrauen gegenüber journalistischen Berichterstattungen und Marginalisierungsempfindungen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Material.

Diese Wahrnehmungen basieren nicht nur auf medialen Darstellungen, sondern auch auf persönlichen Erfahrungen – so hatten auf rund einem Viertel der Betriebe teils mehrjährige Bürger:innenproteste gegen geplante Stallbauten stattgefunden. Angriffe als Tierquäler, Vergleiche mit KZ-Bedingungen und Kulminationen bis hin zu Morddrohungen und Involvierungen der Kinder im Schulumfeld führten hier zu erheblichen Belastungen. Entsprechende Eskalationen bedingen wiederum auf Landwirtschaftsseite langfristige Abwehrhaltungen gegenüber aus ihrer Sicht unsachlich und ideologisch agierenden Umwelt- und Tierschützer:innen, während auch deren Anliegen – nämlich die Stallbauten zu verhindern – zumeist an langjährigen Gerichtsverfahren scheiterten.

Höfesterben und Wachstumsdruck

Ganz klar liest sich aus den Quellen heraus auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Angst der Befragten, im Zuge des fortbestehenden „Höfesterbens“ zur Betriebsaufgabe gezwungen zu werden. „Wachsen oder weichen“, so die Bilanz der Untersuchung, ist längst kein abgeschlossenes Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern ständige Alltagsrealität und Bedrohungsszenario. Die Aussagen der Intensivtierhalter:innen bilden Anpassungen an kapitalistischen Wachstumsdruck, selbstausbeuterische Arbeitspensen und eine starke Verinnerlichung von Leistungsdenken ab, das sowohl auf die gehaltenen Tiere als auch die im Feld tätigen Menschen übertragen wird. Dazu kommen aus Konkurrenz-Verhältnissen und angespannten Pachtmarkt-Situationen resultierende Vereinzelung, Entsolidarisierungsprozesse und psychische Negativfolgen.

Die Interviewpartner:innen räumen der Politik nur wenig bis kein Potenzial zur Lösung ihrer Probleme ein – zu stark sind aus ihrer Sicht Einschränkungen durch internationale Handelsbeziehungen, erschwerte einheitliche Regelungen durch die EU-Mitgliedschaft und die Interessen anderer Lobby-Gruppen. Kontrastär zum durch Medien und NGOs vermittelten Bild sehen die Landwirt:innen ihre Berufsgruppe – vor allem aufgrund ihrer zahlenmäßig geringen Bedeutung von nur noch rund 270.000 Betrieben deutschlandweit – als wenig einflussreich an und empfinden die eigene Handlungsmacht im Kontext komplexer globaler Verflechtungen eher als Handlungsohnmacht.

Mensch-Tier-Beziehungen in der Intensivtierhaltung

Aus der Mikroanalyse einzelner neuralgischer Punkte wie den Positionierungen der Landwirt:innen zu Kupier- und Kastrationsverboten, Antibiotikaeinsatz oder Platzbedarf geht gleichzeitig eindeutig hervor, dass Verbesserungs- und Ausbildungsbedarf besteht. So werden gerade mit Blick auf höhere Tierschutz-Standards kritische Aspekte zum einen weiterhin ausgeblendet, zum anderen erhält ethologisches Wissen auch rund fünfzig Jahre nach der wissenschaftlichen Etablierung der Verhaltensforschung gegenüber einer Leistungsoptimierung der Nutztiere offenbar in landwirtschaftlicher Lehre und Studium immer noch kaum Raum. Eingriffe am Tierkörper rechtfertigten die Interviewpartner:innen so beispielsweise ganz überwiegend als nicht-schmerzhaft – so wurde etwa das Kupieren von Hühnerschnäbeln und Ferkelschwänzen wiederholt mit menschlichem Fingernägel-Schneiden verglichen. Entsprechende Aussagen verweisen sowohl auf erhebliche Informationslücken als auch auf die grundsätzliche Tendenz, strengere Vorschriften – gleiches gilt für den Umweltschutz – als unnötige, gesellschaftlich und medial aufgebauschte Skandalisierungen von harmlosen Arbeitsabläufen darzustellen.

Aus der Studie geht aber auch eine erhebliche Diskrepanz zwischen tierschutzrechtlichen Vorgaben und deren Umsetzung in der Praxis hervor: Berichte zu erhöhtem Kannibalismus, mehr Rangkämpfen und Tiertoden in Folge der in den letzten Jahren erfolgten Verschärfungen durch Kupierverbote und Gruppenhaltungen sind als Aussagen der landwirtschaftlichen Praktiker:innen durchaus ernst zu nehmen. Dazu kommt, dass die Landwirt:innen selbst ganz offen das Scheitern von Kontrollmechanismen thematisierten, die in erster Linie der Etablierung stark kritisierter, als Gängelung empfundener bürokratischer Strukturen dienen und anstelle von Tierwohl-Verbesserungen lediglich höhere Papierberge erzeugen.

Verantwortungsabwehr und Überforderung beim Umwelt- und Klimaschutz

Der Pestizid- und Antibiotikaeinsatz geht ohnehin zurück, Gülle muss nur richtig verteilt werden, Soja eben von irgendwo herkommen, das Kupieren von Schnä­beln und Ringelschwänzen ist ebenso wie die betäubungslose Ferkelkastration kaum schmerzhaft für die Tiere, deren Wachstum und Leistung ohnehin ihr Wohlbefinden belegen und Verhaltensspektrum keine große Rolle spielt – so lassen sich die mehrheitlichen verharmlosenden Positionierungen meiner Interviewpartner:innen durchaus über­spitzt zusammenfassen. Ebenso wie den „Gegner:innen“ unterstellt, findet ein Hin­terfragen eigener Standpunkte kaum statt, ein kritisches Überdenken negativer Folgen des Systems Intensivtierhaltung bildete im Material die Ausnahme. Immer wieder wurde in den Interviews auf andere Industrie- und Berufszweige eingegangen, darunter vor allem die Automobilbranche und den Flugverkehr, die genau wie das Konsumverhalten der Verbraucher:innen zum Gesamtbild gehörten. Ähnlich abwehrend die Auseinandersetzung mit den Themen Biodiversitätsverlust und Nitratbelastung, wo sich ein sehr selektiver Umgang mit wissenschaftlichen Informationen äußerte: Der eigenen Wirtschaftsweise kritisch gegenüberstehende Studien etwa zum Insektensterben wurden ganz überwiegend als unseriös oder falsch zurückgewiesen – so herrschten Erzählungen von Messfehlern, nicht-repräsentativen Untersuchungen oder toten Insekten an Autoscheiben als Hauptschuldigen vor. Gleichzeitig kristallisiert sich eine Überforderung der Landwirt:innen angesichts der Menge und Härte der an sie herangetragenen Kritik heraus – die Rückübertragung der Schuld an die gesamte Gesellschaft bietet hier Entlastung.

Gerade bei den in der Studie analysierten Gesetzesänderungen und Tierhaltungs-Verschärfungen zeigt sich: Wo eine Stellschraube im durchgetakteten, aufeinander abgestimmten System Intensivtierhaltung verändert wird, entstehen an anderer Stelle neue Probleme. Das Dilemma der Landwirt:innen besteht vor allem darin, dass die kulturellen Entwicklungen, die ihren moralischen Anerkennungsverlust bedingen, nämlich ein generell zunehmendes gesellschaftliches Hinterfragen von Wachstumsdruck und Produktivitäts-steigerung, auf fehlende langfristig-politische Konzepte treffen. Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse der Studie, dass permanentes gesellschaftliches und mediales Negativ-Positioniert-Werden zu einem trotzig-verletzten inneren Abwehrvorgang führt, ein dialogisches Aufeinander-Zugehen – nicht nur – auf Seiten der Landwirt:innen also erschwert. Was für die Auseinandersetzung um die dringend notwendigen künftigen Weichenstellungen einer Agrarpolitik in Zeiten von Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Ressourcenausbeutung also dringend notwendig wäre, ist, die Landwirt:innen – und hiermit meinte ich vielmehr die Praktiker:innen selbst als ihre Vertretung durch den Bauernverband – zurück in den öffentlichen Diskurs zu holen.

 

 

Dr. Barbara Wittmann hat 2020 ihre von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderte und von der Bayerischen Akademie des Ländlichen Raumes ausgezeichnete Doktorarbeit zu Positionierungen landwirtschaftlicher Intensivtierhalter:innen abgeschlossen. Nach Studium und Ausbildung zur Kirchenmalerin war sie in der Vergleichenden Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg als Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte tätig. Derzeit ist sie als Researcher-in-Residence am Rachel Carson Center for Environment and Society der LMU München assoziiert.

 

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