Intensität und Verbindung online – geht das?

Von Astrid Hochbahn

 

Viele Menschen verbinden mit Online-Formaten eine steife Atmosphäre, in der Gefühle und »Wesentliches« nicht so recht auf den Tisch kommen. Damit tut man dem Digitalen unrecht. Ich erlebe täglich, dass auch online geweint und gelacht wird und intensive Prozesse möglich sind. Nicht ALLES geht online gut – aber doch eine Menge. Was ist nötig, damit eine Online-Beratung oder Weiterbildung nicht zweite Wahl und enttäuschend ist?

»Wenn Sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben Sie einen scheiß digitalen Prozess« – so heißt es böse in der IT-Branche. Das Gleiche gilt für Trainings und Beratungen: Wer in Präsenz gut darin ist, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen bzw. Nähe und Verbindung herzustellen, dem wird dies auch in digitalen Formaten nicht allzu schwerfallen. Wer es jedoch offline nicht schafft, Intensität und Nähe zu schaffen, sondern – aus welcher Motivation auch immer - Distanz und Unnahbarkeit verbreitet, dem wird dies auch online nicht gelingen. Es braucht den Willen, sich auf andere einzulassen, und das entsprechende Rüstzeug, Menschen zu Kontakt, um eine Atmosphäre der Offenheit herzustellen.

Allerdings: In einer Seminarsituation haben die Teilnehmenden eigene Möglichkeiten, gut für sich selbst zu sorgen. Selbst wenn die Seminarleitung wenig Raum für Kontakt schafft. Die Teilnehmenden treffen sich auf dem Flur oder beim Kaffee. Sie sitzen nebeneinander und finden Zeit für ein kurzes Pläuschchen. All dies gibt ihnen ein Gefühl von Verbundenheit, das für viele mindestens so wichtig ist wie die offizielle Agenda.

Online sind Sie als Leiter:in gefragt, all dies zu ermöglichen und zu organisieren.

  • Sie können die Teilnehmenden mit einer interessanten Frage zu zweit in Breakout-Rooms schicken, um sich kurz kennenzulernen. Dies schafft einen intensiveren Dialog, in dem sie sich miteinander vertraut machen können.
  • Der Austausch in Kleingruppen in Breakout-Rooms ermöglicht Diskussionen oder das Erarbeiten von Gruppenergebnissen.
  • Sie können Teilnehmenden zu Geh-Sprächen einladen und das Sitzen vor dem PC unterbrechen. Die Teilnehmenden tauschen Handy-Nummern aus und unterhalten sich über eine Frage bei einem gemeinsamen Spaziergang. Dies schätzen Menschen gemeinhin sehr nach der Mittagspause, wenn alle im Suppenkoma sind, oder am späten Nachmittag, wenn sich Ermüdungserscheinungen zeigen.
  • In Universitäts- – und mitunter auch in anderen – Kontexten hat es sich oft eingebürgert, dass die Teilnehmenden ihren Bildschirm ausschalten. Sie als Leiter:in sollten darum bitten, dass alle, denen es technisch möglich ist, mit Bild sichtbar bleiben. Denn wenn sich die Teilnehmenden nicht sehen, entsteht kein Kontakt. Sie sprechen zu schwarzen Kacheln mit Namensschrift. Das ist nicht nur für die Teilnehmenden untereinander frustrierend und führt zu Distanz – auch für Sie ist es nicht schön. Dann wird es zwischendurch mal so sein, dass sich eine Person kurz abmeldet, weil sie z.B. gerade isst – aber die generelle Regel ist, dass man sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzt.
  • Mit Ihrer Offenheit und Ehrlichkeit steuern Sie ein Stück weit, wie persönlich der Austausch wird. Wenn Sie sich zeigen, wenn Sie locker sind und nicht steif, entspannen sich auch die Teilnehmenden. Wenn Sie auf Fragen eingehen, den Chat nutzen, technische Fragen klären, wenn Sie entspannt damit umgehen, wenn etwas (technisch) nicht klappt und sich nicht mit Perfektionismus jagen, laden Sie zu Nähe ein. Sie zeigen: Wir gestalten das hier gemeinsam.

Es gibt viele Methoden, mit denen Sie eine Videokonferenz auflockern können. Sie können eine Präsentation zeigen – am besten wenig textlastige, bebilderte Präsentationen, die zu Identifikation und Emotion einladen. Sie können ein Umfragetool wie Mentimeter nutzen – Zoom z.B. hat Umfragen auch integriert. Erfahrungsgemäß finden Teilnehmende es sehr spannend, die Meinung der anderen zu erfahren. Sie können mit Aufstellungen arbeiten. Sie können ein digitales Whiteboard nutzen, um allein oder gemeinsam mit den Teilnehmenden etwas zu zeichnen oder aufzuschreiben. Sie können externe Whiteboards wie Conceptboard oder Miro einbinden, die ihnen vielfältige Seminarmethoden vorkonfiguriert haben.

Doch nicht nur digitale Hilfsmittel können Sie einsetzen. Wenn Sie sich erlauben, zu experimentieren, entstehen erstaunliche Möglichkeiten:

  • Vieles, was Sie in Präsenz-Situationen einsetzen, können Sie mit etwas Fantasie auch digital nutzen. Ich bringe in Seminare z.B. gerne Material mit, mit dem die Teilnehmenden kreativ ihren zukünftigen Weg visuell gestalten können. Das ist eine große Kiste mit Steinen, Spielzeugfiguren, Autos, Puppenstuben-Möbeln, Schleich- und Holztieren, Sternen und Glitzerstoff, Bändern usw. In der Regel lade ich Zweier-Teams dazu ein, sich dabei gegenseitig zu begleiten. In Online-Seminaren gibt es keine gemeinsame Material-Kiste – die Teilnehmenden müssen also nutzen, was sie zuhause haben. Ich demonstriere ihnen, wie sie mit Haushalts-Gegenständen ihren Weg visualisieren können. Dann schicke ich jeweils zwei Teilnehmende in Breakout-Rooms. Wer den Weg legt, muss sich Gegenstände aus dem eigenen Haushalt holen und den Laptop entsprechend so aufstellen oder zwischendurch halten, dass die andere Person das Geschehen ebenfalls sehen kann. Oder sie schicken sich zwischendurch ein Foto. Ich habe dazu eingeladen, die Herausforderung möglichst kreativ zu lösen und erlebe immer wieder, dass in der Regel alle Teams Mittel und Wege finden.
  • Wenn ich in einer Beratung unterschiedliche innere Stimmen oder Anteile visualisieren will, nutze ich dafür mitunter meine Hände oder Stofftiere und Puppen. Jede übernimmt einen inneren Anteil.
  • Sie können Menschen einladen, verschiedene innere Anteile selbst zu erkunden, indem sie sich auf verschiedene Plätze oder Stühle im Raum stellen. Das können Sie sehr gut auch online begleiten.

Ich bin überzeugt davon, dass wir erst am Anfang einer Entwicklung stehen und uns zukünftig weitere interessante technische Möglichkeiten zur Verfügung stehen werden, die digitale Beratungs- und Trainings-Setting kreativ anreichern. Sehr interessant finde ich z.B. Tools, die komplette virtuelle Welten entstehen lassen. Auch wenn nicht alles online möglich ist – es ist auf alle Fälle möglich, wesentliche und intensive Prozesse zu gestalten.

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