Impuls R – Resilienz: Eine Krise ist immer die Krise eines bestimmten Systems

1. Impuls C – CHANCE
2. Impuls O – ORDNUNG
3. Impuls R – RESILIENZ
4. Impuls O – OPTIMISMUS
5. Impuls N – NACHHALTIGKEIT
6. Impuls A – ALTERNATIVEN

 

»Ich glaube, dass wir immer wieder bereit sein müssen, Dinge zu beenden, um den Zauber des Anfangens zu spüren und Chancen wirklich zu nutzen.
[…] Für Deutschland hat sich gezeigt, dass wir ein sehr gutes individuelles Gesundheitssystem haben, dass wir aber, wenn es um ‚communityhealth‘, um Gemeinschaft und um Prävention geht, noch keine ausreichende Resilienz haben. Deshalb müssen wir in dieser Hinsicht aus der Krise, aus der Pandemie lernen.«1
Angela Merkel


Bevor ich mich dem Thema Resilienz und ihren Faktoren und Fertigkeiten ausführlicher widme, nehme ich zunächst die Krise in den Fokus.
Eine Krise beinhaltet in ihrer Bezeichnung einen Höhe- oder Wendepunkt (tipping-point). Die erste Bedeutung hat mit einer allmählichen Entwicklung und ihrem Gipfelpunkt zu tun, die zweite mit einer Entscheidung. Bei einer beständig negativen Entwicklung spricht man von einer Katastrophe (wörtlich „Niedergang“), es stirbt etwas aus, verschwindet oder bricht zusammen.

Die Bedeutung von Krise (gr. krisis) lautet Entscheidung, entscheidende Wendung. Die Krise hebelt Bisheriges aus, stellt es infrage und ändert Bedingungen. Je nachdem wen oder was sie betrifft: den Menschen als Einzelnen in seiner Persönlichkeit oder in seinem privaten, beruflichen oder weiteren Lebenskontext, oder als Teil von Gruppen in ihren Systemen. Es gibt normative Krisen für fast alle Menschen, wie jene durch körperliche Veränderungen (Hormone) beeinflusst oder solche durch einschneidende Lebensereignisse und Übergänge in der Biografie: wie Schuleintritt (später -wechsel), Pubertät, Ausbildung, Studium, Berufseinstieg, Umzug, Heirat, Trennung, Scheidung, Arbeitslosigkeit, Verlust von geliebten Menschen, Krankheit, Midlife-Crisis, Menopause, Renteneintritt oder den Tod. Nicht-normative Krisen betreffen nicht alle Menschen. Sie entstehen durch Kriege, Naturkatastrophen, Unfälle, Überfälle, Vergewaltigung, Missbrauch, jegliche Gewaltanwendung etc.
Alle Arten von Krisen stellen das betroffene Individuum vor ganz neue Herausforderungen im Privaten und darüber hinaus. Dabei geht es um individuelle Wahrnehmungen, Reaktionen und Anpassungsleistungen.

Die Krise selbst bildet eine Seite der Medaille und die andere besteht im Umgehen mit ihr und ihrer Bewältigung (Coping). Normen, Werte, Regeln und Gesetze werden in Krisenzeiten auf die Waagschale gelegt und unterliegen einer Prüfung. Sie werden, wenn nötig, überarbeitet, manche werden außer Kraft gesetzt bzw. kommen nicht zur Anwendung, weil sie ihren Dienst getan haben, neue werden erstmalig eingeführt.


Die Krise und das System
Unser Leben besteht aus Systemen mit ihren Netzwerken. Diese Systeme sind auf den unterschiedlichen Ebenen unserer Lebens- und Alltagswelt miteinander verknüpft. Da wären etwa in unserem Körper auf der Mikroebene jene bis in die Zelle. Auf der Makroebene zeigen sich die systemischen Verknüpfungen in unseren sozialen Beziehungen in gesellschaftlichen, politischen, kirchlichen und wirtschaftlichen Bereichen in verschiedenen Kulturen, Ländern, Kontinenten – weltweit. Und letztlich darüber hinaus nicht zu vergessen ist das ganze Universum miteingeschlossen.

Krisen finden in unserem Leben innerhalb dieser Netzwerke unserer Systeme statt. Der gegenseitige Einfluss wirkt sich auf die dazugehörigen Elemente, sei es im Positiven als auch im Negativen, aus, wie z. B. auf gesundheitliches Wohlbefinden und somit auf die Ebenen von Geist, Seele und Leib als auch auf das Umfeld. Basierend auf Erkenntnissen der Systemtheorie bedeutet das, wenn sich ein kleiner Teil in irgendeiner Form im System verändert, beeinflusst das alle anderen dazugehörigen Teile, ob unbewusst oder bewusst.
Das Bild vom Mobile hilft diesen Sachverhalt zu veranschaulichen: Wird im Mobile ein Teil in Position, Größe oder Gewicht verändert, muss sich daraufhin alles andere wieder neu ausrichten oder ausbalancieren. So ist es auch in kleinen bis zu sehr großen Systemen.

In unserem menschlichen Körper bilden viele Systeme ein Beziehungs- und Reaktionsnetz mitsamt ihren Steuerungseinheiten. In Regelkreisläufen und Feedbackschleifen sind sie miteinander verbunden und auf ein sensibles Gleichgewicht hin angelegt. Kleinste sensorische Wahrnehmungen von außen bewirken, dass Signale oder Impulse Prozesse in bestimmten Schaltkreisen des Gehirns anstoßen. Dadurch werden minimale biochemische Stoffe wie Hormone und Neurotransmitter freigesetzt, die unser Denken, Fühlen und Handeln steuernd beeinflussen bzw. die Produktion von Substanzen wird initiiert.

Ich verdeutliche an einem kleinen Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit des ersten Lockdowns der Corona-Pandemie, wie sich eine Krise auf das System Familie auswirken kann. Es zeigt die gegenseitige Beeinflussung von Verhaltensweisen in verschiedenen Familienkonstellationen. Der Einfachheit halber habe ich die unterschiedlichen Aspekte gebündelt und auf ein fiktiv zusammengesetztes Familiensystem konzentriert:

Da ist also ein kleines Familiendorf auf einer gesellschaftlichen Mikroinsel mit seinem Mikroklima und seinen verschiedenen Kleinfamilien von Männern, Frauen und Kindern. Sie alle wohnen in schmucken Häusern. Die Klingelschildchen am Eingang sind mit ihren Namen versehen.
Das Familienwappen im Wohnzimmer über der Couch zeigt als Symbol eine Krone, auf einem gekreuzten Hammer und Schwert, um die ein Band geknotet ist mit der Aufschrift: Stolz und Leistung, Arbeit und Erfolg.
Außer Homeoffice und mittlerweile erschwertem Klopapier- sowie Nudelkauf und vielleicht auch mal nach Gutdünken die gesetzten Regeln beachtend, merken sie nichts von der Pandemie. Wie wenig der persönliche Freiheitsradius von ihnen durch die Pandemie als eingeschränkt empfunden wird, belegen die Selbstaussagen nach dem offiziellen Lockdown ab 23. März 2020:
„Alles soweit normal!“
„Uns geht es noch verhältnismäßig gut!“
„Wir merken hier nicht viel davon. Im Supermarkt fahren alle mit ihren Einkaufswagen durcheinander und halten auch keinen Abstand.“

Am Rande des Familiendorfs wohnt eine kleine Gruppe vergleichbar einer Satelliten-Einheit. Im Grunde genommen gehört sie nicht so ganz dazu, weil sie sich selbst als von den anderen unterschieden betrachtet und deshalb auch von den anderen als irgendwie komisch etikettiert wird – wie alles, was nicht in die eigene Vorstellung und das eigene Koordinatensystem passt und deshalb ausgegrenzt wird.

Dabei hat die Mehrheit für das Verhalten der Satelliten-Einheit die verkürzende Erklärung parat, dass diese ja nicht dazugehören oder ein Teil von ihr sein wolle! Und so wird in fein säuberlich zurechtgelegter Legitimation des eigenen Tuns dem anderen, wo immer es passt und ohne dessen Meinung im Gespräch einmal angehört zu haben, der schwarze Peter zugeschoben.
Unglücklicherweise ist die Satelliten-Einheit von den politischen Krisenanordnungen radikal und existenziell betroffen: Die eigene Firma muss zugemacht werden, weil sie nicht „systemrelevant“ ist. Plötzlich – von heute auf morgen – musste der Unternehmer alles schließen, er hat nun kein Einkommen mehr, die Angestellten sind in die Kurzarbeit und die Fixkosten laufen unaufhaltsam weiter. (Der Gedanke, die Miete dem Vermieter nun auch nicht mehr zu zahlen, war für den Geschäftsführer – im Gegensatz zu Verhaltensweisen von anderen Unternehmern – in ethischer Verantwortung ausgeschlossen!) Die zugesagte finanzielle Zahlung des Landes, die ohnehin nur einen Teil der Fixkosten abdecken würde, ist für ihn erst dann glaubhaft und hilfreich, wenn sie cash auf dem Konto verbucht ist.
Hinzu kommt die Ungewissheit darüber, wann der Lockdown aufgehoben wird. Bis dahin vergehen noch einige schlaflose Nächte und Furcht macht sich breit – banges Hoffen wäre eine Erleichterung.
Wer nun denkt, dass jemand aus der Satelliten-Einheit in seiner nunmehr besch… Lage von den Menschen aus dem Familiendorf Verständnis oder Empathie bekäme, der hat sich getäuscht. Er oder sie ist einer Illusion erlegen. Das ist zu viel der Erwartung. Wieso? Was bisher nicht vorhanden war, wird auch jetzt nicht – oh Wunder – da sein!
Im Gegenteil: Da sprießen zeitgleich Gedankenkonstrukte und Produkte der Überheblichkeit und Arroganz wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. Entsprechende Verhaltensweisen lassen nicht auf sich warten. Sie finden ihre kollektiven Verbündeten im System und treiben ihr Unwesen. Ist die Schadenfreude etwa auch eingeladen, um eine willkommene Begleiterin zu sein? Ob das Ganze nicht auch selbstverschuldet oder dem eigenen Versagen zuzuschreiben sei? Weil man eine solche Situation in der beruflichen Planung nicht mitbedacht und nicht in erster Linie auf das Pferd „Systemrelevanz“ gesetzt habe.
Erfahrungsgemäß erlebten verschiedene derart Betroffene – zusätzlich zu dem ohnehin schon schwer zu Bewältigenden – solche unangemessenen Verhaltensweisen von ihren Mitmenschen. Diese trieben ihr Unwesen auch in anderen Bereichen mit Beziehungen oder Beziehungsnetzwerken wie in der Familie, am Arbeitsplatz, in politischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Systemen …

Worin zeigten sich diese unangemessenen Verhaltensweisen?

Es wird/werden

  •  harte Bewertungen und Verurteilungen vorgenommen;
  • „schmutzige Wäsche“ gewaschen, im Sinne von alten Geschichten, die aus der Vergangenheit hervorgezerrt werden, verbunden mit Vorwürfen und verletzenden Beschuldigungen;
  •  einem ausgewählten Opfer Vergangenes böswillig entgegengeschleudert, obwohl es dieses schon längst als miteinander erledigt ansah;
  • „stinkende Misthaufen“ vor der Tür abgeladen;
  • „vergiftete Körner“ ausgelegt und mit einer falschen, unwahren als auch toxischen Information versehen (wie Rattengift mit Thallium);
  • sich ergötzt und erfreut über einen gelungenen „Verbal-Coup“ in einer ironischen, zynischen oder herabsetzenden Missachtung über den von dem Lockdown-Betroffenen;
  • mit Schadenfreude und Arroganz gespickte rauschende Feste auf virtuellen und sozialen Plattformen gefeiert, wobei sich die nunmehr koalierenden Parteien zuprosten nach dem Motto: „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!“;
  • die Betroffene wie „eine Sau durch das Dorf“ getrieben und jede:r nimmt sich einfach das Recht, sie im übertragenen Sinn anzuspucken, ihr weh zu tun und sie körperlich und verbal zu malträtieren und zu misshandeln – Bauernopfer und schwarzes Schaf in einem!

Selbstredend wird darin Persönliches und letztlich bisher Unbewältigtes abgearbeitet und verschafft den so agierenden Mitmenschen – wenn auch nur für kurze Dauer – eine kleine Erleichterung. Das Dumme ist nur: Das System oder ein Kollektiv vergisst nichts, es ist so lange abgespeichert, bis es „gelöscht“ oder überschrieben wird – wenn das überhaupt möglich ist.
Nun, das Ganze einmal spaßeshalber von der betroffenen Person in ihrer kreativen Reaktion (wohl im Bewusstsein der Unangemessenheit – es sei ihr gegönnt!) jedoch ihrerseits mit einem kleinen Schuss fantasievoller Ironie versehen:
Da würde sie doch gern einmal den Personen, die sich derart verhalten, einen codierten Zweitnamen auf das Klingelschild schreiben oder auf die Stirn – für sie unsichtbar – mit „Zaubertinte“ tätowieren: Znagorra, Teikgilliwsöb, Teihmmud, und Teikgisoltkepser?*
 

 

Christa H. Herold, Psychologische Beraterin, ist in eigener Praxis in der systemisch-lösungsfokussierten Beratung, Therapie und Supervision tätig. Darüber hinaus ist sie geprüfte Schriftpsychologin, Burn-out-Beraterin und zertifizierte Mediatorin. Alle Beiträge von Christa H. Herold finden Sie hier.

 

https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/rede-von-bundeskanzlerin-merkel-anlaesslich-des-davos-dialogs-des-world-economic-forum-am-26-januar-2021-videokonferenz--1844594

(* Auflösung der Reihenfolge nach: Arroganz, Böswilligkeit, Dummheit und Respektlosigkeit).

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