Impuls C – Chance: Ist die Krise wirklich immer und für alle eine Chance?

1. Impuls C – CHANCE
2. Impuls O – ORDNUNG
3. Impuls R – RESILIENZ
4. Impuls O – OPTIMISMUS
5. Impuls N – NACHHALTIGKEIT
6. Impuls A – ALTERNATIVEN

Das Coronavirus wütet auf den ersten Blick schonungslos ohne Rücksicht auf das Ansehen der Person, des Geschlechts, des Alters (bedingt), der Ethnie, der Religion, des Bildungsstandes, von Sein und Haben, dem Inhalt des Portemonnaies, der Größe der Wohnung und des Autos. Unterschiede zeigen sich erst, wenn individuelle Lebensbedingungen und Finanzen darüber entscheiden, ob die Hygiene- und Abstandsregeln vollumfänglich eingehalten werden können. Nicht alle haben einen privaten Pkw und sind in der Lage, die öffentlichen Verkehrsmittel zu umgehen, nicht allen ist es problemlos möglich, besonders Gefährdete im eigenen Haushalt durch getrennte Sanitäranlagen etc. zu schützen. Auch gibt es Unterschiede bezogen auf den gesundheitlichen Status Quo eines Infizierten, die jeweilige medizinische Versorgung in den Ländern, die Bereitstellung von Impfstoff und die Ausstattung der Kliniken. Weiterhin spielen die länderspezifischen Kriterien eine Rolle, also die Entscheidungen, die Politiker:innen im Umgang mit dem Virus getroffen haben oder treffen, bezogen auf Maskenpflicht, Shutdown und Lockdown. Auch die von der Politik geschaffenen Ausnahmeregelungen (etwa die nächtliche Ausgangssperre) zählen dazu, mit denen die Ausbreitung des Virus kontrolliert und eine noch größere Katastrophe verhindert werden soll. Die Entscheidungsträger:innen setzen aber insbesondere darauf, die Bevölkerung bei den einzelnen Schritten für eine selbstverantwortliche Mitarbeit zu gewinnen. Und zusehends kristallisierten sich in diesem Flaschenhals besondere Charaktere und Verhaltensweisen heraus.

Blüten, die die Krise treibt

Eine kleine Retrospektive: Während des ersten Lockdowns im Frühling 2020 machten auf einmal viele junge Leute aus der Not eine Tugend. Sie hatten plötzlich Zeit übrig – Zeit, die bislang immer wertvoller werdende Ressource. Es war ihnen nicht egal, wie es anderen Menschen in dieser Ausnahmesituation oder als Betroffene, gar mit Risikoeinschränkung, ging! Nein. Da hingen von heute auf morgen DIN-A4-Zettel in Türeingängen, an Laternenpfählen – mit freundlichen Worten und empathischer Einladung, ihre Hilfe, ihre Hände und Füße, ihre Muskeln und ihre Zeit anzufragen (und die Zeit für ihr HÄND-Y stellten sie hintan!). Wow, ich staunte beim Lesen dieser Aushänge, es erwärmte mein Herz und meine Augen schwitzten ein wenig.
Ja, sie sahen jetzt auf von ihrem geliebten und fast lebensnotwendigen Smartphone und ihr Blick wendete sich nach rechts und links. Die Bewegung ging vom Ich zum Du! Und nicht nur in der Theorie, sondern mit dem Angebot praktischen Anpackens, als Angebot an solche Menschen, die Hilfe brauchten. Ja, die jungen Leute waren sofort da im Einsatz für den Nächsten und wollten Botengänge, Besorgungen und sonstige Unterstützungen leisten. Später fuhren sie in der kalten Jahreszeit mit einem Leiterwagen und einem Topf mit heißer Suppe durch die Straßen und boten sie Wohnungslosen an.
Da wettere mir noch einmal jemand in einer boshaften und plumpen Verallgemeinerung gegen diese „egoistische Jugend“! (Und nebenbei scherzhaft nach einem Blickwechsel gefragt: Brauchen wir jetzt noch die zusätzlich empfohlenen kleinen Lichtsignale am Verkehrsampelpfahl für jene Menschen mit dem auf ihr Handy gesenkten Blick?)

Das waren erste mitmenschliche Blüten dieser Krise. Wunderbare ungeahnte Bilder taten sich auf, farbenfrohe, kreative und mit vielfältigen Facetten. Danke dafür!
Danke euch stillen Held:innen im Nachbarschaftsdschungel einer Großstadt, wo diese Gesten nicht so oft vorkommen wie in kleinstädtischen und erst recht dörflichen Einheiten des Zusammenlebens. Hier in der Großstadt ist nun mal die Anzahl der anonymen Bewohner:innen nicht gerade klein und nicht wenige fallen durch das soziale Raster! Natürlich gibt es die „Veedelskultur“ in Köln, aber jetzt auf einmal brachen diese Blumen – im Bild gesprochen – plötzlich auf, trieben mit enormer Kraft durch den Asphalt oder zwängten sich zwischen den engen Ritzen der Pflastersteine auf dem Gehweg hervor. Sie lächeln einen nun an und erfreuen das Gemüt.

Blickwechsel: Wer sich als Selbstständige:r in dieser Zeit mit Menschen auf der bisher noch „sicheren“ Seite der Arbeitswelt unterhielt, erlebte manche Mühe in der Kommunikation. Insbesondere dann, wenn es sich hierbei um eine Person mit einem Nine-to-five-Job handelte, die sich in der Annehmlichkeit befand, (noch) fest angestellt zu sein und das Gehalt am Monatsende nach wie vor zuverlässig auf dem Konto verbucht zu bekommen. Die Angestellten taten sich schwer mit manchen Aussagen oder Beschreibungen von „the day after“, dem Tag nach dem ersten Lockdown am 23. März 2020. Da fehlte es an Verständnis oder auch Empathie dafür, was ein:e vom Lockdown Betroffene:r an Widrigkeiten erlebte, wie etwa in dem umsichtigen Bemühen, das Unternehmen irgendwie noch zu retten oder durchzubringen. Ganz zu schweigen von dem, was Selbstständige innerlich durchmachten an Ängsten, Mutlosigkeit, schlaflosen Nächten und wachsender Unruhe.
Es ist den solcherart Sorgenfreien kein Vorwurf zu machen. Weshalb auch? Nur warum fiel es ihnen so schwer, eine etwas gelingende und verständnisvolle Kommunikation zu führen? Vielleicht weil für diese Personen vieles von dem Beschriebenen weder in ihrem Bezugsrahmen vorkommt noch in ihr Weltbild passt. Es lag eben auch außerhalb ihres Erfahrungshorizontes.

So konnte eine Angestellte, die sich im Homeoffice befand, die Schilderungen von ihrem Bekannten, der sein Geschäft direkt nach dem Lockdown am 23. März schließen musste, und von seinen schlechten und negativen Erfahrung mit Sachbearbeitern seiner Hausbank erzählte, diese gar nicht nachvollziehen. Sie äußerte mindestens dreimal: „Das kann ich gar nicht glauben! Es wurde aber doch gesagt, dass den Selbstständigen und Kleinunternehmern geholfen würde!“ Es war für den ohnehin Gebeutelten eine Herausforderung, daraufhin nicht ausfallend zu reagieren. Er fühlte sich auch von ihr (wie von seiner Bank) letztlich nicht ernst genommen.

Die Praxis sah eben anders aus, als die über die Medien angekündigten Notfallhilfen und Rettungsschirme es die Bevölkerung glauben ließen: Die IHK war aktuell nicht mehr erreichbar. Bankgestellte äußerten gegenüber dem Kunden, dass er – obwohl jahrelanger Stammkunde – für diesen Kredit nicht in Frage käme und an das Festgeld sei angeblich auch nicht ranzukommen usw.

Klar, die Meinung seitens der Nicht-so-direkt-Betroffenen speist sich vorwiegend aus den offiziellen Nachrichten. Die sachliche Unterstützung –als auch die mentale –waren direkt nach Ausbruch der Krise und der unausweichlich gesetzten Regeln und Entscheidungen in jeder Hinsicht enorm wichtig. Die Arbeit an den vielen, sich plötzlich auftuenden Baustellen kostete unermesslich viel Kraft, insbesondere mentale und psychische.

Da freute sich ein:e derart Krisen-Betroffene:r dann – im Unterschied zur vorher beschriebenen Person – über ein verständnisvolles Gegenüber, das einen selbst wirklich empathisch abholte. Dieses zeigte sich unter anderem darin, dass etwas, bezogen auf eine gegebene Antwort, nicht noch einmal oder mehrmals erklärt werden musste, damit es verstanden wurde. Oder aber als interessierte Reaktion und zum besseren Verständnis eine Frage gestellt wurde. Das half wenigstens für einen Moment etwas beim Durchatmen.

Worin offenbart sich die Qualität einer Freundschaft und der Ausdruck von Empathie als Einfühlungsvermögen?
Mir wird (wirklich) geglaubt, was ich gesagt habe. Ich muss nicht noch einmal etwas wiederholt ausführen oder erklären. Ich bekomme keine wohlmeinenden Ratschläge, die mir letztlich vermitteln, dass ich selbst zu bestimmten Dingen nicht in der Lage oder gar zu blöd dazu sei, selbst darauf zu kommen oder auch nur daran zu denken oder XY in Erwägung zu ziehen.

Keine:r – auch nicht eine:r – braucht in dieser Situation Überheblichkeitsgesten oder Besserwissertum, insbesondere, um es einmal trivial auszudrücken: kein Klugscheißerverhalten. (Nebenbei bemerkt bedürfte es dafür – im übertragenen Sinn– Toilettenpapier, und dann wäre das garantiert schon längst nicht mehr verfügbar!)

Lapidar wurde gegenüber betroffenen Unternehmer:innen geäußert, die von heute auf morgen ihre Firma schließen mussten: „Dann muss du eben in die Insolvenz gehen“, „Kannst du nicht was anderes machen?“ „Bist du jetzt zu Hause?“

Ach, so ist die Denke mit einfachem Strickmuster: Ein:e Selbstständige:r kann jetzt, so einfach mal, den Kuli auf dem Schreibtisch ablegen, den Computer herunterfahren und die Tür hinter sich abschließen – mitsamt der Verantwortung für den Betrieb, die Beschäftigten sowie den Verbindlichkeiten. Letzteres ist ja auch nur eine abstrakte Größe! Fertig! Und nun endlich kann er:sie sich in die schon lange, heiß ersehnte Freizeit begeben, um das zu tun, wozu schon immer keine Zeit war – oder bedingt durch den Aufbau der Firma bis sie endlich mal Gewinn abwarf: jahrelang keine Zeit blieb. Schließlich wird das Geld aus dem Rettungsschirm adäquat (also ohne Verlust) in Form eines Schecks von einer Drohne in einem Päckchen im Garten oder vor der Haustür abgeworfen. Und alle Fixkosten sind für einige Monate abgedeckt! Perfekt – das klappt doch im 21. Jahrhundert!

Manche:r gab abstruse Vorschläge, die durchsetzt waren von Ironie und Zynismus. Sie bedienten die Regel: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen! Nein, das braucht keine:r in dieser Situation, diese einfachen, mit der Strickliesel gestrickten Denk-Würstchen. Und dennoch sind sie da, die Denk-Würstchen-Fabrizierer! Sie präsentieren dem ohnehin auf dem Zahnfleisch gehenden, unternehmerischen Menschen ihre „klugen“ Ratschläge in einer Arroganz, als hätte sich dieser für drei Jahrzehnte einfrieren lassen und sei justament – oh Wunder – zu der nunmehr weiter entwickelten Gesellschaft gestoßen! Da muss er dann natürlich noch vieles Lernen oder auch Nachreifen!

 

Christa H. Herold, Psychologische Beraterin, ist in eigener Praxis in der systemisch-lösungsfokussierten Beratung, Therapie und Supervision tätig. Darüber hinaus ist sie geprüfte Schriftpsychologin, Burn-out-Beraterin und zertifizierte Mediatorin. Alle Beiträge von Christa H. Herold finden Sie hier.

 

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