Impuls A – Alternativen: Anders betrachten und erkennen

1. Impuls C – CHANCE
2. Impuls O – ORDNUNG
3. Impuls R – RESILIENZ
4. Impuls O – OPTIMISMUS
5. Impuls N – NACHHALTIGKEIT
6. Impuls A – ALTERNATIVEN

 

Auf der Mikroebene des Zwischenmenschlichen betrachtet, bemühen sich vom Lockdown Betroffene auch in der Zeit danach, die oftmals die härtere ist, das Beste aus der Situation zu machen. Sie kämpfen um den Erhalt des Geschäftes u. a., um den Arbeitsplatz und je nachdem um ihre Mitarbeiter:innen wie Lachse, die gegen eine heftige Strömung zu ihrem Zielort zum Laichen schwimmen.
Bedingt durch zu beachtende Coronamaßnahmen litten jene Menschen unaussprechlich, die selbst in Alten- und Pflegeheimen leben oder dort Angehörige haben und dadurch die Härte der notwendigen Hygienemaßnahmen und Zugangsbeschränkungen erbarmungslos zu spüren bekamen.
Widerstand bäumte sich in so manchem Betroffenen auf, weil die persönliche Begegnung, die treue Fürsorge und die empathische Verantwortung füreinander auf dieser letzten gemeinsamen Wegstrecke des Lebens ihnen ein selbstverständliches Grundbedürfnis war und es ihnen von heute auf morgen radikal verwehrt wurde. Wochenlang durfte z. B. ein Elternteil nicht besucht werden. So musste ein Sohn schmerzvoll erleben, dass ihm lediglich kurz vor dem absehbaren Tod der Mutter ein Abschiedsbesuch gestattet wurde.
Welches innere Leid, welcher Schmerz und welches Herzeleid sind da zu verkraften! Und nicht nur das, was bleibt darüber hinaus noch an innerer Verletzung oder als Traumatisierung übrig? Welche Fragen und Gefühle von unerfüllten Bedürfnissen brechen zeitgleich und zusätzlich auf: „Hätte sie/er ohne Corona noch länger gelebt?“ Und: „Ich wollte doch noch so viel mit ihr/ihm besprechen oder von ihr/ihm wissen!“

In einem anderen Fall holte der Sohn die hochbetagte leicht demenzielle Mutter, die bisher noch gut allein leben und sich noch größtenteils selbst versorgen konnte, nunmehr in seine Familie. Bedingt durch ihre Unbedarftheit und unkritische Einschätzung einer Ansteckungsgefahr gegenüber den Personen, die das Essen auf Rädern an sie auslieferten, wuchs die Sorge um die Gesundheit der Mutter. Für den Sohn selbst war die Umstellung auf Homeoffice und das ganze Drumherum sowie auch die Einhaltung der erforderlichen Regeln in der Familie belastender geworden. All dies musste gemanagt werden und erhöhte zusätzlich den Druck.
Die pragmatische Entscheidung, seine Mutter in die Familie zu holen, erleichterte ihn wohl auf der einen Seite. Jedoch die nunmehr räumliche Enge und die dadurch bedingten aufsprießenden Schrulligkeiten sowie die zunehmend offenkundiger werdenden allzu schrägen Verhaltensweisen seiner Mutter waren für ihn immer schwerer zu ertragen. Sein ohnehin schon dünner gewordenes Nervenkostüm wurde noch stärker strapaziert.
Vieles tat weh, wenn nun in den Gesprächen auch noch längst Verjährtes von alten unausgesprochenen Animositäten mitsamt ihren Verletzungen, Kränkungen und Diskriminierungen zur Sprache kamen. Das jahrelang stillschweigend gehegte „Weggeschlossene“ drängte mit Wucht ans Tageslicht. Die sich daraufhin entwickelnden affektiven Reaktionen hatten eine ungeahnte Sprengkraft mit Reichweite! Da dürfte ein „Corona-Angehörigen-Burnout“ nicht mehr lange auf sich warten lassen. Er steht schon regelrecht in den Startlöchern. Bisweilen wurden von dem Sohn schon unter Normalbedingungen vor der täglichen Begegnung mit der Mutter vor ihrer Haustür die „Glacéhandschuhe“ angezogen, bzw. die „Watte“ hervorgezogen, in die sie rücksichtsvoll eingewickelt wurde. Doch jetzt im Ausnahmezustand blieben die Handschuhe aus und die Watte in der Verpackung: das notwendige Fingerspitzengefühl im Miteinander wurde tageweise in den Urlaub geschickt. Das Maß füllte sich und es gibt Grenzen!
Wenn das Fieberthermometer der Emotionen auf über 42 Grad angestiegen war, entstand schon mal ein heißes Süppchen an dem man sich die Zunge heftig verbrennen konnte: Da wurden dann auf einmal klarere Worte benutzt oder gar gezielter und verletzender eingesetzt, Tränen flossen auf beiden Seiten und eine bisherige Zimmerlautstärke entwickelte sich zu lautem Gebrüll wie im Affenkäfig. Sarkasmus, Ironie und Zynismus gesellten sich ungebeten hinzu. Emotionen wie Wut, Zorn und Sich-schuldig-Fühlen wallten auf und wurden manchmal erst nach Stunden wieder runtergekocht.


Im Anschluss wurden die Scherben zusammengekehrt! Und am besten tat man das gemeinsam: jeder hatte einen Besen in der Hand und beide kehrten auf eine Kehrschaufel. Das gegenseitige Bemühen um ein gutes Auskommen konnte im Laufe der Wochen manchmal als erfolglos und gescheitert angesehen werden.
Was ist zu tun? Ratsam ist es, ein probates Emotionsmanagement mit hilfreichen Werkzeugen auf den Plan rufen zu können, um so verfahrene Situationen hoffentlich wieder gut in Ordnung zu bekommen – für beide Seiten.

Dieser Prozess des ernsthaften Redens, gegenseitigen Zuhörens und offenen Aussprechens zieht ein besseres Verstehen nach sich. Er kommt regelrecht einer Reinigung oder Bereinigung (gr. Katharsis) gleich und kann die Beteiligten befreien. Neue Qualitäten entwickeln sich gleichsam auch nach der Einsicht und Reue sowie der Bereitschaft, dem anderen zu verzeihen und sich zu versöhnen. Es entsteht ein Raum für ein empathischeres Verständnis und der Umgang miteinander verbessert sich.
Auch die wirksame Qualität, dem Gegenüber zeitnah eine konkrete Rückmeldung (Feedback) von dem zu geben, was im Prinzip doch einigermaßen im Miteinander gut gelungen war (oder auch nicht) und auch was man sich ein wenig anders gewünscht hätte, verbessert das Verstehen füreinander.
Empathie und Sicheinfühlen beginnen in erster Linie in einem selbst: mit einer mitfühlenden Kommunikation, die durch eine Stimmigkeit mit mir und in mir selbst und alsdann auch mit dem Mitmenschen gekennzeichnet ist. Sie zeigt sich in angemessenen Reaktionen, sozialen Verhaltensweisen und wirksamem Handeln. Aber das Beschriebene bildet zunächst lediglich eine wunderbare theoretische Vorgehensweise ab, die es in die Praxis umzusetzen gilt, was jedoch nicht so einfach ist.

In konfliktbehafteten Situationen, wo Beleidigungen, Drohungen, Einschüchterungen, Zorn und Kränkungen ihre Feste feiern – mit eventuell teilweisen tragischen Verstrickungen –, ist es hilfreich, sich eine verbesserte Kommunikationsstrategie anzueignen. Eine solche setzt in einer verbalen negativen sich entwickelnden Schlacht schon den Anfängen einer Entgleisung der Affekte etwas entgegen, um einer weiteren emotionalen Krise präventiv entgegenzuwirken.

Unsere emotionale Intelligenz ist in ihrer Reifung nicht in einem bestimmten Zeitfenster – wie unser Körperlängenwachstum – abgeschlossen. Nein! Die frohe Botschaft besteht darin, dass das Gehirn sich im Laufe unseres Lebens permanent verändert, d. h. darauf reagiert, was von ihm gefordert oder eben nicht gefordert wird. In diesem Zusammenhang spricht man von Neuroplastizität. Je nach äußeren Eindrücken über die Sinne und das Verhalten baut und verstärkt das Gehirn über entsprechende Impulse für seine Verschaltungen und Baumaßnahmen entsprechende Netzwerke. Nichtgelerntes kann bedingt nachgeholt werden. Also braucht die emotionale oder soziale Intelligenz, wenn sie noch nicht ausreichend ausgebildet ist, einfach dann noch etwas „Nachhilfeunterricht“ oder ein paar Steigbügel, damit schwierige oder herausfordernde Situationen einerseits noch bearbeitet und andererseits zukünftig vernünftiger gemanagt werden können. So werden in einer „Nachreifung“ die Schaltungen für bessere emotionale Wege ausgebaut und der Anwender wird fitter, dieses erweiterte Repertoire in z. B. einer „Schlacht der eskalierenden Worte“ besser zeitnah zu nutzen, um Schlimmeres zu verhindern. Oder bestenfalls, dass sich bei Vorwürfen oder Angriffen eine Entgleisung gar nicht so weit entwickeln kann, weil es in der Kommunikation gelingt:

  • dem anderen besser zuzuhören,
  • die Sache auch mal aus dessen Perspektive sehen zu können,
  • „in seinen Schuhen gehen zu können“,
  • die Begründungen des anderen für dessen Denken, Fühlen, Handeln zu verstehen,
  • sich aber auch von diesen abzugrenzen durch das Markieren seiner Sichtweise,
  • bei sich selbst (in seiner Mitte) und der Verantwortung für seine Gefühle zu bleiben,
  • seine Aussagen in Ich-Botschaften auszudrücken weiß,
  • seine Bedürfnisse kennt und sie angemessen benennen kann.

Als hilfreiches, strategisches Mittel für eine rundum verbesserte Kommunikation, empfiehlt es sich für alle Altersklassen, die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, (1934–2015)1 zu lernen. Und das am besten schon so früh wie möglich und angepasst an die jeweilige altersentsprechende Entwicklungsstufe und Sprachfähigkeit der Persönlichkeit. 

Aus eigenen von Kindesbeinen an schweren diskriminierenden und gewaltvollen Erlebnissen und den Erfahrungen aus seiner psychologischen Arbeit mit teilweise schwerst Betroffenen hat der US-amerikanische Psychologe Rosenberg sein Modell entwickelt. Der Ansatz ist beeinflusst durch Carl R. Rogers’ Klientenzentrierter Gesprächpsychotherapie mit den Säulen der Akzeptanz, Kongruenz und Empathie und Mahatma Gandhis Inspiration der Gewaltfreiheit (Ahimsa).
Das Modul der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) soll den Anwendenden helfen, mit ihrer Wut, ihrem Ärger, ihrer Schuldzuschreibung gegen sich selbst oder andere angemessen in eine gute Kommunikation einzutreten. Dabei unterstützen vier Schritte: Beobachtung (A), Gefühl (B), Bedürfnis (C), Bitte (D).
So lernen die Anwendenden das Erleben einer für sie negativen Situation, lediglich als eine Beobachtung zu schildern (A) und die Bewertung außen vor zu lassen. Sie sollen nur ihr ein der ihnen unangenehmen Situation auftretenden Gefühle beschreiben (B), die Ausdruck bestimmter Bedürfnisse sind, die sie zu benennen haben (C), und um einen kleinen handlungsorientierten Schritt im Hier und Jetzt zu bitten (D). Die Kurzformel lautet: Wenn ich A sehe, dann fühle ich B, weil ich C brauche, deshalb möchte ich jetzt gern D.
Ein Beispiel: Wenn ich sehe, dass du das Frühstücksgedeck auf die Spülmaschine stellst, anstatt es einzuräumen (A), dann bin ich ärgerlich oder auch wütend (B), weil mir wichtig ist, dass sich jeder an die gemeinsame Absprache hält (C), deshalb bitte ich dich, das nächste Mal darauf zu achten (D).
Mit der GFK wird es möglich, Konfliktsituationen proaktiv zu gestalten. Gelingt dieses, mündet es ein in einen beidseitigen Win-win-change. Um die GFK wirklich effektiv zu lernen, werden Seminare angeboten mit weiteren Trainingseinheiten.

Ehrlich gesagt: Dieses andere und neue miteinander Reden ist nicht leicht, da hakt und hapert es oftmals bei jedem Schritt – von A bis D oder bei manchem auch so intensiv bis Tränen fließen. Wohl ist dieser Stil des kommunikativen Vorgehens zunächst befremdlich, aber es ist möglich, diese lebensfreundliche Sprache zu erlernen und weiterhin zu trainieren bis sie zu automatischen Reaktionen insbesondere in konfliktreichen Situationen führt, um einen verfangenen Teufelskreis zu durchbrechen. 

Das gegenseitige Verstehen und das Verständnis füreinander stehen im Mittelpunkt. Da gilt es erst einmal, mit sich selbst gut in Kontakt zu sein und es immer besser hinzukriegen, sich aus den Fängen des Bewertens zu befreien und sich dann weiter über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse klar zu werden, um sie benennen zu können, und in seinem Reden und Handeln eindeutig und stimmig zu sein. Darüber hinaus ist die Person auch imstande, die Bitte für eine kleine Handlung Richtung Lösung zu formulieren. Es zahlt sich unbedingt aus, diese Fertigkeiten der GFK zu lernen, um sich so mit den Menschen, die es einem wert und wichtig sind, wirklich besser zu verständigen und sie letztlich besser zu verstehen. Natürlich gilt das auch für eine gelingende Kommunikation mit Personen in den verschiedenen Berufs-, Arbeits- und Lebensbereichen. Es ist Ziel der GFK, eine möglichst vernünftige und einfühlsame Art und Weise im Miteinander zu finden. Die Gewaltfreie Kommunikation ist eine Sprache des Lebens und dient der verbesserten Lebensqualität für einen selbst und seinen ganzheitlichen Lebenskontext.

An den Schnittstellen einer Krise und den Verengungen des Lebens geschehen Veränderungen in verschiedenen Changeprozessen.

Das Handeln im Heute bestimmt das Morgen und so sollte im innovativen Denken, das jeweils Angestrebte oder Gewollte auf seine Brauchbarkeit und Nützlichkeit überprüft werden. Wie schon mehrfach erwähnt, steckt in der Bedeutung des Begriffes Krise die Ent-Scheidung. Eines wird von dem anderen mehr oder weniger getrennt. Wesentliches rückt in den Vordergrund und wird auf Elementares im Tun konzentriert.
Wohl hängen wir in unserem Schreiten nach vorn nicht in einem luftleeren Raum, denn bisher bewährte pragmatische Fertigkeiten aus der Vergangenheit können in eine neue Matrix zu dem neu Erworbenen eingebunden bzw. integriert werden.

In dieser turbulenten Zeit wurde so manches – zunächst unmöglich Erscheinende – erstaunlich schnell gelernt und umgesetzt. Mancher Politiker spricht von einem Lernen, das derzeit um zehn Jahre vorgezogen worden sei. In dieser Sichtweise schwingt Anerkennung mit! Sie sieht und honoriert das, was wir zusammen in diesem Land in dieser gepressten und auch gestressten Zeit bisher getan und bewerkstelligt haben.
Wir waren nicht als Einzelne sondern insgesamt als gesellschaftliches System wie in einer „Schwarmintelligenz“ dazu in Lage, Bestimmtes in dieser Schnelligkeit zu schaffen, weil wir dafür im Prinzip schon mit den inneren „Instrumenten“ ausgestattet waren. Das stellt sich oft – wie in persönlichen Lebenskrisen – erst im Rückblick heraus! Jedenfalls können wir uns gemeinsam darüber freuen und dafür sogar dankbar sein. Diese versteckten Ressourcen kamen jetzt, in diesem von außen forciertem Druck, schneller zum Vorschein und fanden zu einer effizienten Anwendung – trotz und bei allem, was nun auch nicht so gut funktionierte und rund lief. Wie sollte es auch, wo ohne entsprechende Vorbereitungszeit und Vorerfahrung mit einem solchen Virus nur erst einmal schnelles adäquates Reagieren angesagt war?

 

Christa H. Herold, Psychologische Beraterin, ist in eigener Praxis in der systemisch-lösungsfokussierten Beratung, Therapie und Supervision tätig. Darüber hinaus ist sie geprüfte Schriftpsychologin, Burn-out-Beraterin und zertifizierte Mediatorin. Alle Beiträge von Christa H. Herold finden Sie hier.

 

 

Marshall B. Rosenberg (2016). Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens (12., überarb. u. erw. Aufl.). Paderborn: Junfermann.

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