Epilog: Eine kleine persönliche Bilanz

Epilog

Alles, was wir im Leben wählen, hat (s)einen Preis. Dabei gilt es, sich zu fragen: Bin ich bereit, mit dem Preis zu leben, den ich zahlen muss?

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, auf all die Unebenheiten, Berge und Täler, die Höllen- und Himmelfahrten mitsamt ihren Herausforderungen, dann möchte ich gerade das aus diesen schwierigen und sehr schweren Zeiten Gelernte nicht missen.

Eine Krise löste die andere mit unterschiedlichem Belastungsgrad ab. Überdies darin auch noch eine Chance zu entdecken, war zunächst kein Thema für mich. Mit großer Abwehr wurde diese Sichtweise von mir geflissentlich als Ironie und Zynismus des Lebens abgetan und ich distanzierte mich zeitweise bewusst davon.

Nach einiger Zeit des Abstands und der inneren Auseinandersetzungen erlaubte ich diesem Gedanken, vorsichtig und auf leisen Sohlen wieder in mein Leben zu kommen. Dabei war für mich die erste kleine Veränderung am schwersten und schwierigsten: angefangen an einem ersten vorsichtig veränderten Blick, etwas oder jemanden aus einer anderen Perspektive zu sehen und weiter darüber zu reflektieren und nachzudenken. Danach in meinem Tun oder Verhalten einen ersten kleinen und anderen Schritt zu machen.

Warum fiel mir das alles so schwer, oder was sträubte sich in mir?

  • War es die Angst, ich könnte dieser alternativen Sichtweise nicht gewachsen sein?
  • Oder Angst, dass die darin bewusst gewordenen Konsequenzen nicht in mein (Lebens-)Konzept passen könnten?
  • Befürchtete ich, dieser neue Schritt könnte mit einem Scheitern enden?

 Nachdem ich diesen ersten zaghaften Schritt gemacht und Mut gewonnen hatte für weitere und vorsichtig einen vor den anderen setzte, wuchs meine Freude über das Gelingen als der Summe von kleinen unmerklichen Erfolgen. Natürlich ging ich auch mal zwei vor und einen zurück, das gehört dazu. Dabei verflogen meine Bedenken mehr und mehr. Schließlich überwogen allmählich die Aufs gegenüber den Abs und siegten über das vergangene Misslungene, das Gescheiterte und das Gefühl der Schuld. Das Selbstmitleid und das Versagen verabschiedete sich immer öfter, weil sie allmählich ihre Existenzberechtigungen einbüßen mussten. Gefühle der Hoffnung und Zuversicht, des Mutes und des Optimismus machten es sich gemütlich und forderten ihren Platz ein.

Über die Jahre hinweg lebe ich nun von und mit den profunden und hart errungenen Ergebnissen aus all diesen einschneidenden Herausforderungen mit ihren tiefen seelischen Erlebnissen und prägenden Erfahrungen. Sie bilden heute ein breites und reiches Portfolio an Fähigkeiten, Fertigkeiten im Sinne von Werkzeugen für die verschiedenen Lebensaufgaben, denen ich – damit ausgerüstet– heute besser und kompetenter begegnen kann.

Das Leben ist weder ein Testballon noch eine Generalprobe, aber auch keine Mogelpackung. Es ist letztlich auch nicht nur gut oder schlecht. Habe ich es vor allem nicht selbst in der Hand und die Wahl, mein Leben proaktiv und aus Liebe zum Leben zu gestalten?

Im Rahmen meiner persönlichen Bedingungen kann ich dazu beitragen, die Welt mit ihrer Schöpfung an meinem Platz ein bisschen besser zu machen und handfeste Antworten in meiner Verantwortung zu transformieren.

Das klingt wahrscheinlich alles so glatt abgespult – scheint aber nur so! Auch bei mir wurde innerhalb dieser unglaublichen und teils so irrational anmutenden Pandemiezeit mit Szenen wie aus einem Science-Fiction-Film, in dem ich eine aktive Figur spiele, durch dieses neue Drehbuch an meiner bisherigen Rolle von außen heftig gerüttelt. Und das gerade, wo ich es mir endlich wieder einmal – nach einer harten Phase – gemütlich gemacht hatte. Und ich mich darauf freute, wieder einmal als Kontrastprogramm zu dem vorher Erlebten den dumpfen Trott von Bequemlichkeiten und erkannten Nicht-Selbstverständlichkeiten in einer „Ich bin jetzt dran“-Einbahnstraße genießen zu können. Das war mir wohl doch nicht gegönnt, nun: Es ist mir auch nichts Neues!

Auf denn, um mit den sieben (für mich markanten) Worten aus Hermann Hesses bekanntem Gedicht „Stufen“ zu sprechen: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“.
Trotz und in allem möchte ich auch ganz leise flüstern: „Danke, Corona! Danke dafür, dass du mich erneut aufgerüttelt und mir einen kleinen Schups gegeben hast!“ So setze ich mir wieder einmal mein Krönchen bewusster auf und bin jetzt erneut bereit, mit den derzeit veränderten Bedingungen meines Lebens kreativ und innovativ umzugehen.

Nein, ich werde nicht kneifen. Ich will mich diesen Stolpersteinen und Herausforderungen stellen, handeln und neue Erfahrungen sammeln. Mit nächsten festen und auch mal wackeligen Steps taste ich mich vor.

Ja, ich glaube an in ein spannendes, hoffnungsvolles und zufriedeneres Morgen und will sehr gern mit dem Meinen aktiv dazu beitragen.

 

Christa H. Herold, Psychologische Beraterin, ist in eigener Praxis in der systemisch-lösungsfokussierten Beratung, Therapie und Supervision tätig. Darüber hinaus ist sie geprüfte Schriftpsychologin, Burn-out-Beraterin und zertifizierte Mediatorin. Alle Beiträge von Christa H. Herold finden Sie hier.

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