Anderthalb Jahre Pandemie: Wo stehen wir, und wo geht es hin?

Der LOCKDOWN

Gedanken einer Unternehmerin

der Lockdown war die Schocknachricht
treibt mir die Blässe ins Gesicht
die Einnahmen stürzen in freiem Fall
nicht nur bei mir – fast überall

ich habe echt Schiss
in meiner Seele ist ein Riss
der eine Teil ist optimistisch
der andre traurig und besetzt mich

es zieht uns alle in einen Bann
ich weiß nicht mehr, wie lange ich kann
wie soll ich meine Kosten begleichen
wird letztlich denn das Geld noch reichen

die Straßen durchweht gespenstische Stille
nichts darf man tun – trotz gutem Willen
der Lockdown killt uns hoffentlich nicht
ich will weiter kämpfen mit Zuversicht

Christa H. Herold
23. März 2020

 

Stellen Sie sich einmal vor: Wir haben SARS-CoV-2 im Griff, das Virus findet kaum noch einen Wirt für die schamlose Ausnutzung seiner Ziele. Was passiert dann? Wie zeigt sich das in meinem oder Ihrem Leben? Gibt es hier einen Unterschied zwischen vor und nach der Pandemie?
Noch sind wir nicht soweit, noch können wir die Fragen nicht beantworten. Aber wir können bis zur Kontrolle des Virus einiges im Rahmen unserer Möglichkeiten bewirken. Wir sind den Umständen der Pandemie nicht grundsätzlich hilflos ausgeliefert, sondern haben innerhalb dieser kritischen und herausfordernden Situation Möglichkeiten, um sie zu verbessern und aus ihr durch kreatives Mitgestalten einen persönlich wertvollen Nutzen für uns selbst zu ziehen.

Wir alle – rund um unseren Planeten – leben in einer spannenden und herausfordernden Zeit. Nicht nur, dass der Übergang vom Industrie- in das Informationszeitalter bzw. die Digitale Revolution uns Aufgaben der angemessenen Bewältigung im Innen und Außen aufträgt – und als ob das nicht allein schon reichen würde –, bekommen wir jetzt auch noch zu alledem „die Krone aufgesetzt“. Es ist eine Krone in Gestalt des Coronavirus und dieser ist nicht lokal begrenzt, sondern wütet nunmehr weltweit in einer Pandemie und fordert seinen Tribut. Das Leben scheint die Fiktion zu kopieren, wenn sich Szenen aus so manchem Science-Fiction-Film nun in der Realität abspielen. Wie oft haben wir alle schon die Entstehung und globale Ausbreitung eines Virus, der die gesamte Menschheit bedroht, auf der Leinwand oder dem Bildschirm gesehen? Unzählige Male. Aber nun erleben wir die Virusausbreitung und ihre schrecklichen Auswirkungen in der Realität, in den verschiedenen Ländern und in einer unterschiedlichen Betroffenheit.


***

Das Ziel von SARS-CoV-2 sind kleinste körperliche Verbände von schwerpunktmäßig ausgewählten Organen und deren spezialisierten Zellen. Von den von ihm eingenommenen Machtzentralen aus beeinflusst das Coronavirus das gesundheitliche Wohl und Wehe eines Menschen mit unterschiedlich starker Auswirkung, je nach Alter, Vorerkrankungen und Immunstatus sowie sonstigen unkalkulierbaren Faktoren. Für manche:n ist bei einer Infektion je nach Belastung und Auswirkung das ganze Leben an Leib, Seele und Geist auf den Kopf gestellt. Hilflosigkeit, Ohnmacht und Resignation machen sich breit.
Sind die individuellen Bewältigungsmechanismen geringer als die an die Person gestellten Anforderungen und Schwierigkeiten, entwickeln sich innere Konflikte und Probleme bis hin zu einer Krise sowie darüber hinaus auch zu seelischen oder körperlichen Symptomen und letztlich zu einem Krankheitsgeschehen.

Ich kriege die Krise
Von alledem nur einmal die Krise betrachtet, sie hat ihr Eigenleben und ihre spezielle Dynamik, zu fragen ist:

  • Haben sich Prioritäten verändert?
  • Was ist nunmehr wichtig und was verliert an Bedeutung?
  • Welche alten – vielleicht verdrängten Gefühle – verbinden sich mit aktuellen in einer neuen Matrix und treiben ihr unberechenbares Unwesen?
  • Welche Ressourcen stecken – trotz allem in der neuen Situation –, um ein kreatives neues Land oder einen bisher unbekannten Raum zu betreten?

Krisen treiben mit ihren Drucksituationen auf manch einer geistig-seelischen Ebene seltsame bis irrationale Blüten: Archaische Grundmuster tun sich auf! Es zeigen sich im Verhalten einiger Menschen mitunter Dynamiken, die sich markant von denen im normalen Alltag unterscheiden.
Ein banales Beispiel: Was hatte es damit auf sich, als plötzlich in Deutschland im März 2020 in sämtlichen Geschäften das Klopapier ausverkauft war? Klopapier! Es zählte anscheinend auf einmal zu dem Elementarsten unseres Lebens und nahm auf der Bedürfnisliste die Nummer eins ein. Ein fast totaler Ausverkauf des Begehrten war die Folge. Manche:r wird die damals unsinnig gehorteten und letztlich zeitlebens unverbrauchten, verschweißten Packungen noch den Kindern vererben können.
Ich stellte mir hierbei augenzwinkernd die Frage: Ist nun der saubere Po wichtiger als die Nummer zwo – die Nudel? Wohl gab es davon hier und da noch welche zu kaufen, dann aber auch nicht mehr die preiswerten – jene für den kleinen Geldbeutel. Hey, die Nudel ist ein Lebensmittel und rangierte im Frühling 2020 auf der zweiten Stelle der Bedürfnisliste der Deutschen! Gut, Hefe war auch sehr begehrt. Warum? Waren alle dem häuslichen Backwahn von Pizza, Brot und Plundergebäck verfallen?
Wenn die ganze Sache mit dieser Krise bzw. der Pandemie nicht so viele schreckliche und bedrückende Aspekte umfassen würde, könnte man über diese Sachverhalt Witze reißen. Oder vielleicht sollte man es erst recht tun, weil dadurch ein wenig innere Distanz zu den schweren Gedanken, belastenden Gefühlen und den vielen gestellten Fragen – ohne hinreichende Antwort – geschaffen wird?

***

Lassen Sie uns nach Betrachtungen, Einbeziehungen und Würdigung all des Schweren, Negativen und Schwierigen nicht fixiert oder verhaftet bleiben. Nach meiner persönlichen Erfahrung aus äußerst schwierigen Lebensphasen stehen wir nicht immer nur hilflos mit dem Rücken an der Wand. Gibt es unterschiedlich lange Durststrecken zu überstehen? Ja! Ist man von zweifelnden und schmerzvollen Gedanken hin- und hergerissen? Ja! Gibt es Zeiten, wo man nicht ein noch aus weiß und wie man denken, fühlen und insbesondere handeln sollte? Ja!
Jedoch spielt bei alledem eine große Rolle, wie jeweils damit umgegangen wird und welche Bewältigungsstrategien umgesetzt werden. Dazu addieren sich jene Erfahrungen aus der Vergangenheit, gewonnen aus schon früheren schwierigen und herausfordernden Situationen. Diese sozial-emotionalen Kompetenzen und Werkzeuge sind in uns vorhanden als Ressourcen, Fähigkeiten und Fertigkeiten.
Darauf aufbauend können wir uns in der jetzigen Situation Erinnerungen durch die Fragestellungen ins Gedächtnis rufen:

  • Wie bin ich damals mit der inneren Krise umgegangen?
  • Wie und wodurch habe ich das geschafft?
  • Was hat gut geklappt?
  • Was habe ich daraus gelernt?
  • Und was von alledem kann ich auch hier und heute experimentell oder nutzbringend anwenden?

Mitunter hilft schon ein kurzer Blick auf die Antworten und anschließend tut sich etwas anderes für Sie auf, wie eine Idee oder der praktische Ansatz für eine innovative Veränderung, die dann tatsächlich kreativ umgesetzt werden kann.
In allem Schrecklichen, Katastrophalen und gespickt mit Unsicherheiten, was uns umtreibt und in die Knie zwingt, möchte ich gern Mut machen.

Das Akronym CORONA lieferte mir eines Tages in der Morgendämmerung die Idee für eine Grundlage von sechs Themenbereichen. Sie bilden eine hilfreiche Struktur zum Nachdenken, Reflektieren und in stillen Minuten gar zum Umdenken. Sie können aktuell ein freundlich gesinnter Impulsgeber für ein bewusstes Selbstcoaching sein:

  1. Impuls C – CHANCE
  2. Impuls O – ORDNUNG
  3. Impuls R – RESILIENZ
  4. Impuls O – OPTIMISMUS
  5. Impuls N – NACHHALTIGKEIT
  6. Impuls A – ALTERNATIVEN

Der Mensch ist keine Insel oder die Welt ist ein Dorf
In dieser Pandemie wird in aller Schonungslosigkeit und Krassheit erstmalig deutlich, wie unleugbar wir auf diesem Planeten systemisch miteinander verbunden als auch voneinander abhängig sind. Es wird offensichtlich, wie Vorhaben sich oftmals äußerst schwierig gestalten können, wenn etwa zeitweise zu stark differierende Zielsetzungen einander widersprechen, Interessen zu weit auseinanderklaffen, bestimmte Werte keine gemeinsame Basis finden und auch sozial-emotionales Verhalten Einzelner immens unterschiedlich ist. Dabei mag für manche:n die egoistische Manier hintangestellt sein, da es im Hier und Jetzt und für Morgen auf das Gemeinsame ankommt, um im Ziel anzukommen: in einem Leben ohne SARS-CoV-2.
Letztlich hilft es keinem Land, wenn es allein durchgeimpft und symptomfrei ist. Dann kann es sich gleich abschotten, eine hohe Mauer bauen und sich bei der Globalisierung ausklinken. Für die Folgen oder Konsequenzen dessen bedarf es keiner großen Fantasie. Außer der oft gestellten Frage nach dem, was mein Land für mich tun kann, ist jene nach dem, was ich für mein Land tun kann von Gewicht. Diese Frage stellte John F. Kennedy am 20. Januar 1961 in seiner Antrittsrede für das Amt des US-Präsidenten,1 und sie gilt noch heute: Jede*r kann nach eigener Maßgabe und eigenem Wollen mit dazu beitragen, dass sich die eigene und die allgemeine Lage verbessert. Ich tue das Meine.

Einiges ist mit einem Augenzwinkern zu lesen, denn die Denkanstöße sind mitunter durchaus humorvoll, hier und da auch mal provozierend, um ein wenig Distanz hineinzubringen und das Harte und Schwere dieser Zeit etwas aufzulockern. Mitunter hole ich den großen antiken chinesischen Weisheitslehrer und Philosophen Lao-Tse (oder Laudse) mit ins Boot, um an markanten Stellen mit einem seiner kleinen Weisheitssplitter einen Gedankengang zu vertiefen oder auch aufzustören.
Wenn wir uns selbst coachen und mit Herz und Verstand gut auf die Beine stellen, hilft dies weiter bei der Verbesserung und Verstärkung der persönlichen Selbstwirksamkeit– speziell mit Blick auf die nicht immer leichte anstehende Kommunikation und Beziehungsarbeit. Stünde am Ende der Lektüre jeweils ein persönlicher Mini-Gewinn, eine Ermutigung, dann wäre ich froh und das Meine getan. Gesund und mit zuversichtlichem Herzen – das wünsche ich uns allen.

 
Christa H. Herold, Psychologische Beraterin, ist in eigener Praxis in der systemisch-lösungsfokussierten Beratung, Therapie und Supervision tätig. Darüber hinaus ist sie geprüfte Schriftpsychologin, Burn-out-Beraterin und zertifizierte Mediatorin. Alle Beiträge von Christa H. Herold finden Sie hier.

 

1Der exakte Wortlaut lautete: „And so, myfellow Americans: ask not what your country can do for you — ask what you can do for your country. My fellow citizens of the world: ask not what America will do for you, but what together we can do for the freedom of man.“ https://en.wikisource.org/wiki/John_F._Kennedy%27s_Inaugural_Address

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