Gefühle lernen – Bericht aus einem Trauerseminar für Geschwisterkinder

Vor Kurzem fand ein Trauerseminar für Geschwister statt. Alle teilnehmenden Kinder und Jugendlichen hatten ein Geschwisterkind durch einen Todesfall verloren. Das allein ist schon Besonderheit und Herausforderung in der Trauerbegleitung. Wenn ein Geschwisterkind stirbt, können verschiedene Fragen und Zweifel aufkommen. Geschwister, so sehr sie sich auch achten und lieben, können sich in ihren Leben immer wieder als Konkurrenz gegenüberstehen. Sie werden in ihren Schulleistungen, Talenten und Interessen verglichen. Außerdem teilen sie sich die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Eltern. Dennoch können Geschwister einander große Stützen, Wegbegleiter und Leidensgenossen sein. Stirbt ein Geschwisterkind, verschiebt sich die Aufmerksamkeit der Eltern jedoch nicht plötzlich auf das lebende Kind, wie man erwarten könnte. Die Eltern sind vor die Aufgabe gestellt, ihr verstorbenes Kind zu betrauern und das andere Kind weiterhin zu würdigen, lieben und es selbst in seiner oder ihrer Trauer zu unterstützen.

Neben der Beziehung der Geschwister nimmt auch die Todesart großen Einfluss auf die Trauer: Wenn jemand durch einen Unfall stirbt, spricht man von einem plötzlichen Tod. Ein plötzlicher Tod ist meist schwerer als ein Tod durch Krankheit zu realisieren. Es bleibt keine Zeit, sich vorzubereiten oder um Ressourcen und Unterstützungen zu aktivieren. Die Welt wird von einem auf den anderen Moment auf den Kopf gestellt. Die Kinder und Eltern sind plötzlich verwaist.

Es gibt auch Kinder, die an Krankheiten sterben. Bei Kindern und Jugendlichen, von denen ein Geschwisterkind durch eine lange Erkrankung gestorben ist, beginnt die Trauer bereits zu Lebzeiten. Die erkrankten Geschwister benötigten häufig mehr Aufmerksamkeit, da sie gepflegt werden und viele Termine bei ÄrztInnen und TherapeutInnen wahrnehmen mussten. Weil viel Energie der Eltern in die Pflege des erkrankten Kindes fließt, sind Geschwisterkinder häufig besonders selbstständig, aber auch besonders fürsorglich und einfühlsam.

Neben der Trauer um verlorene Zeit und Anerkennung der Eltern trauern verwaiste Kinder und Jugendliche um das Geschwisterkind selbst. Zu sehen, wie Fähigkeiten abnehmen und zu wissen, dass Bruder oder Schwester sterben werden, ist meist eine starke Belastung.

Ein Wühltisch voller Gesprächsstoff

Das eingangs erwähnte Trauerseminar sollte den Kindern und Jugendlichen Raum geben, all diese möglichen Belastungen, Erinnerungen, Fragen und Wünsche zu offenbaren und mit anderen Kindern zu teilen. Die Gruppe war inklusiv und damit für Kinder mit und ohne Behinderung geöffnet. Thema des gesamten Wochenendes waren „Gefühle“. Zum Einstieg lagen die unterschiedlichsten Gegenstände auf einem Tisch aus. Auf diesem „Wühltisch“ waren ein Schraubenzieher, ein Kaleidoskop, eine Krone, eine rote Karte, ein Xylophon, ein Spiegel, ein Foto vom Meer, ein Telefon, ein Spielauto und viele weitere Dinge zu finden. Die Kinder und Jugendlichen wurden aufgefordert, sich einen Gegenstand, der zu ihnen passt, auszuwählen.

Ein Mädchen wählte das Telefon, weil es damit zu Hause anrufen kann, wenn es ihre Mutter vermisst. Ein 5-jähriges Mädchen nahm sich einen Luftballon mit lachendem Gesicht, weil es selbst gerne lacht, und ein Jugendlicher entschied sich für sein Handy, weil er damit gerne Musik hört. Alle Kinder und Jugendlichen konnten, inspiriert durch den ausgewählten Gegenstand, der Halt und Ablenkung bot, von sich erzählen. Das Erzählen ist besonders wichtig, da Trauerbegleitung nur mit einer Beziehung zueinander funktionieren kann. Bei Gruppen oder einzelnen, einander unbekannten Menschen sollte man sich Zeit für ein Antasten und Kennenlernen nehmen. Schließlich werden in Trauerbegleitungen ganz persönliche Erlebnisse und Gedanken geteilt – das geht nicht mit „irgendwem“.

Welche Gefühle kennst und erkennst Du?

Nach der Kennenlernrunde stiegen wir in das große Thema „Gefühle“ ein. Dazu waren Bierdeckel mit Smileys, die viele Kinder vom Handy oder Tablet kannten, in der Mitte verteilt. Einige Kinder konnten bereits schreiben und haben die Smileys selbst in ihren Nachrichten benutzt. Zusammen überlegten wir, was die unterschiedlichen Gesichter bedeuten können: Alle waren sich einig, dass das lachende Gesicht „fröhlich, glücklich und gut“ ist. Der Smiley mit den nach unten gezogenen Mundwinkeln ist „traurig“. Auch das ist für die Kinder schnell zu erkennen. Dann war da allerdings noch ein Gesicht mit weit aufgerissenem, lachendem Mund und einer Träne im Auge. Ein Mädchen nahm den Bierdeckel und sagte: „Der ist traurig“. Einige Kinder widersprachen: „Aber der lacht doch.“, ein anderer Junge sagte: „Der weint vor lauter Lachen“. Das Mädchen hatte sich das Merkmal vorgenommen, dass ihr direkt aufgefallen war: Die Träne. Das Zusammenbringen von zwei verschiedenen Gefühlsausdrücken war zu komplex, weswegen sie sich auf eines konzentriert hatte. Auch Erwachsenen fällt es manchmal schwer Gefühle zu erkennen und zu deuten. Es ist Übungssache.

Am nächsten Tag wurden wir kreativ. Wir wollten ein Ausdrucksmittel schaffen, auf welchem die verschiedensten Gefühle sichtbar wurden und auf welchem man sich je nach Laune positionieren konnte. Vielleicht kennen Sie aus dem Krankenhaus den dünnen Papierstreifen mit einer Skala von 1 bis 10? Neben der 1 ist ein fröhliches Gesicht abgedruckt und neben der 10 sieht man ein weinendes Gesicht. Die Skala hilft Kindern, Menschen mit Behinderung, älteren Menschen und allen anderen dabei, die Intensität ihrer Schmerzen zu beschreiben. Wenn ein Mensch sagen würde „Meine Schmerzen sind so lala“ wäre dies für das behandelnde Team weniger hilfreich. Die Angabe „Meine Schmerzen sind bei einer 3“ hilft ÄrztInnen und Pflegenden, die richtige Dosis Schmerzmittel einzustellen. Das „sichtbar-Machen“ der Schmerzen hilft also dem behandelnden Team und den Patientinnen und Patienten die Frage „Wie stark sind die Schmerzen?“ zu beantworten.

In dem Seminar wollten wir eine Skala zu der Frage „Wie geht es mir gerade?“ entwerfen und damit Gefühle wie die Schmerzen auf der Medizinskala sichtbar machen.

Die Frage „Wie geht es dir?“ wird den meisten Menschen wahrscheinlich mehrmals am Tag gestellt. Nicht immer nehmen wir uns die Zeit darüber nachzudenken, wie es eigentlich in uns aussieht, was uns beschäftigt und wie wir uns insgesamt fühlen. Häufig rutscht ein „Gut, und dir?“ heraus, bevor Zeit zum Nachdenken bleibt. In dem Trauerseminar haben wir uns Zeit genommen und überlegt, welche Antworten es geben könnte. „Aber da gibt es doch nur zwei Antworten:“, sagte eine jüngere Teilnehmerin: „Gut und schlecht“. Wir überlegten gemeinsam und kamen auf die Idee, die Frage umzugestalten: Aus der Frage „Wie geht es mir gerade?“ wurde „Wie fühle ich mich gerade?“. Die Erkenntnis, dass es hierzu viele Antworten gibt, gewannen wir bereits am Vortag.

Für die Gefühlsskalen wollten wir keine kleinen Papierstreifen, sondern große Holzbretter nutzen. Das Holz war hell und konnte von den Kindern und Jugendlichen bemalt werden. Eine Jugendliche malte bunte Streifen auf das Holzbrett und schrieb je ein Gefühl dazu. Gelangweilt, stolz, einsam, wütend, traurig, fröhlich, erschöpft und andere Gefühle fanden auf ihrer Skala Platz. Mit einer Stecknadel konnte sie sich immer wieder neu zu einem oder mehreren Gefühlen zuordnen.

 

  Foto: Gina Krause

Es war wichtig, dass die Kinder selbst entschieden, welche Gefühle auf ihrer Skala Platz benötigten und welche Farben dazu passten. Die jüngeren Kinder brauchten keine Worte für ihre Gefühlen. Sie wussten genau, welche Farbe ihr Gefühl ausdrückt.

Farben, laute Musik, Bewegungen, die eigene Stimme und viele andere Dinge können Gefühle ausdrücken. „Jeder Eindruck braucht einen Ausdruck.“ heißt ein Grundsatz in Trauerbegleitung und Pädagogik. Gefühle, die unterdrückt werden, suchen sich ihren eigenen Weg nach draußen. Zum Beispiel in Form von Bauchschmerzen, wie es auch einige Kinder aus dem Seminar kannten.

Um Gefühle auszudrücken, ist es hilfreich sie zu erkennen. Beim Erkunden der Gefühle können Fotos von Gesichtern, Symbole, Smileys, Farben oder eine Gefühlsskala helfen. Es gibt jedoch Menschen, die trotz dieser Unterstützungen Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle zu erkennen.

Woher wissen wir überhaupt, dass wir traurig, glücklich oder wütend sind? Wir wissen es, weil es uns schon als Baby gesagt wurde. Das liegt in uns allen. Sie kennen es sicherlich selbst, wenn sie einem Baby begegnen. Sie gehen näher an das Kind heran, imitieren sein Gesicht und sagen „Och, bist du aber müde“. Mit jeder Wiederholung verinnerlicht das Kleinkind, dass es müde, hungrig, traurig oder fröhlich ist. Kindern und Erwachsenen, denen als Baby oder Kleinkind ihre Gefühls- und Gemütslage nicht gespiegelt wurde, fällt es schwerer ihre eigenen Gefühle einzuordnen. Außerdem kann es Erkrankungen geben, die den Gefühlsausdruck oder das Erleben von Gefühlen erschweren.

Alle Gefühle brauchen Ausdruck

Ein Jugendlicher im Trauerseminar malte das komplette Holzbrett schwarz und hämmerte eine goldene Kette ans Ende. In unserer kleinen Kunstaustellung erzählte er uns, dass er ein Gewehr gebastelt hatte.

In der Schule hätte man nun vielleicht gesagt, dass er die Aufgabe nicht verstanden hat. Doch das Gegenteil war der Fall. Er hatte sich ein Instrument gebaut, um ein Gefühl auszudrücken und das mit aller Deutlichkeit: Wut.

„Ich brauche das, um mich vor der Lehrerin zu beschützen.“, erzählte er uns. „Du bist wütend auf deine Lehrerin?“, fragte ich. „JA! Sie gibt mir nur noch schlechte Noten. Und sie hört mir nicht zu“.

Nach einem Todesfall kann die Leistung in der Schule für eine Zeit abnehmen. Hilfreich können enger Kontakt zu den Lehrenden und gemeinsame Gespräche mit Eltern, Kind und Klassenlehrer/in sein. Die Lehrenden sind für Kinder und Jugendliche teilweise wichtige Bezugspersonen, die täglich mit den Kindern in Kontakt stehen und Orientierung in der turbulenten Trauerzeit geben können. Dies hätte sich auch der Jugendliche aus dem Trauerseminar gewünscht.

Nach unserer Kunstaustellung gingen wir gemeinsam nach draußen. In der Trauerbegleitung ist das Erkennen der Gefühle immer gepaart mit dem Ausdruck der Gefühle und Handlungen. Wer etwas malt, singt, schreibt oder erzählt tut etwas und kann sich der Ohnmacht entgegenstellen. Wir nahmen eine Handvoll Knallerbsen mit nach draußen. Für jede Knallerbse, die die Kinder knallten, konnten sie sagen, was sie damit loswerden wollten. „Dass meine Lehrerin gemein zu mir ist“, sagte der Jugendliche und knallte gleich mehrere Knallerbsen auf den Boden. Er konnte ein Stückchen Wut herauslassen, das tat ihm gut.

Gina Krause, Oktober 2018

 

© Titelfoto Gina Krause

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