Nachdenken über die Rolle von Literatur im Kontext von Flucht und Vertreibung

Die Erfahrungen von Kenntnisnahme, Erinnerung und Anteilnahme sind offenbar anthropologische Grundkonstanten, die in einer Kultur dazu beitragen, Verbrechen, Repression und Gewalt gegen Menschen immerhin ansatzweise bewältigen zu können. Belletristik, die sich durch eine gewisse Nachhaltigkeit auszeichnet oder sogar eventuell das Potenzial hat, Teil eines Kanons zu werden, thematisiert menschliche Grunderfahrungen bzw. anthropologische Konstanten wie z. B. Liebe, Schmerz oder auch die Bedeutung von Arbeit.

Literatur hat einen wesentlichen Anteil daran, ein kulturell und gesellschaftlich so großes und bedeutsames Thema wie Flucht und Migration im Kleinen und im Einzelfall verdichtet darzustellen und so den anderen – den Sesshaften und Aufnehmenden – nahezubringen, und zwar anders als es Zahlen und Daten vermögen. Sie ist allgemein ein Medium, das individuelle Gefühls- und Gedankenwelten in Sprache übersetzt und Geschichten erzählt. Sie bietet eine einzigartige Möglichkeit der Introspektion und des direkten Einblicks in die Innenwelten der Protagonisten, was in der realen Welt mit realen Menschen – glücklicherweise – so nicht möglich ist.

Insofern lässt sich die Rezeption von poetischen Texten als eine sehr kraftvolle und supportive Methode verstehen, um den mit geflüchteten Menschen arbeitenden Fachkräften einen alternativen Einblick in sehr heterogene Lebenswelten sowie ein Gefühl zu deren kulturellen Stimmen zu ermöglichen. Auch in Bezug auf Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungsleistungen leistet Belletristik einen wichtigen Beitrag: „Gerade literarische Texte sind ein bevorzugtes Medium, um eine Pluralisierung von kollektiven Erinnerungen zu ermöglichen und verschiedene Versionen von Vergangenheit gegeneinanderzustellen […]. Auszugehen ist dabei von der Überlegung, dass sich literarische Texte auf eine konkret-historische Wirklichkeit beziehen können und die Möglichkeit haben, diese in Form von Fiktionen beobachtbar zu machen“ (Gansel, 2010, S. 7).

Laut Karina Berger (2015) ermöglicht Literatur dabei auch als Teil einer kollektiven Kultur einen Zugang zum Ungesagten, es sei ebenso interessant in ihr zu lesen, was nicht gesagt bzw. verschwiegen wird und was ungesagt zwischen den Zeilen zu lesen ist. Dazu zählt auch das Phänomen, dass die literarische Beschreibung und Verarbeitung historisch bedeutsamer Ereignisse oftmals sehr viel früher erfolgt als eine systematisierte und wissenschaftlich untermauerte Dokumentation, wie man beim Umgang mit dem Nationalsozialismus gut beobachten konnte. Literatur wird dann, so Bill Niven, zum „Medium einer persönlichen Vergangenheitsaufarbeitung und Gewissensbefragung. Teilweise wird sie auch zu einem Ersatzmedium fehlender Geschichtsschreibung, indem Autoren die politischen und sozialen Umstände zur Zeit des Nationalsozialismus bloßlegen, um so den Hintergrund zu ‚Flucht und Vertreibung‘ zu erläutern“ (Niven, 2015, S. 37).

Zum Teil wird die Literatur, die sich mit Flucht und Vertreibung beschäftigt auch als Literatur des Verlustes angesehen. Achim Nuber (2001) bezieht sich dabei auf Martin Walser, der Verlust und Mangel als eine der Hauptmotivatoren bezeichnet, überhaupt Literatur zu rezipieren: Wenn der Welt, in der man lebe, nicht ernsthaft etwas fehle, würde man nicht lesen. So betrachtet könne man Literatur als eine Poetik der Abwesenheit bezeichnen: „Die Vertreibungsliteratur wäre dann eine Spielart, wo der Verlust auf die Heimat und die entsprechenden historischen Vorgänge bezogen und präzisiert wird. Denkbar wäre auch eine Subsumierung der Exil-und Holocaustliteratur unter den Oberbegriff einer Literatur des Verlusts“ (Nuber, 2001, S. 279).

Literatur, die im Kontext von Flucht und Vertreibung entsteht, kann aber auch dazu beitragen, der Verlusterfahrung etwas Neues und in gewisser Weise auch Heilsames hinzuzufügen: Die iranische Autorin Mehrnousch Zaeri-Esfahani (2016) beschreibt die Rolle von Literatur bei ihrem Prozess des Ankommens in Deutschland so: „Nach mehr als 30 Jahren sind nicht nur Bücher geschrieben, sondern eine Quelle von Geschichten ist aufgetan, der Schmerz der Trauer ist gelindert, meine iranischen Wurzeln sind wiederbelebt und meine deutschen Wurzeln lebendiger und schöner denn je. Ich bin voll Dankbarkeit und Demut, dass die Literatur mir bei meiner Integration, bei dieser beschwerlichen, manchmal heiteren und manchmal verdrießlichen Identitätsbildung geholfen hat“ (Zaeri-Esfahani, 2017, S. 18).

Belletristik als Brückenmedium im psychosozialen Verstehen
Ergebnisse der Lesesozialisationsforschung zeigen, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Rezeption von Geschichten, der Ausbildung narrativer Fähigkeiten und der Kompetenz in der Bearbeitung eigener Lebensprobleme zu verzeichnen ist. Ausgebildete Narrative tragen dazu bei, sich kognitiv zu strukturieren und Strukturierung zu erzeugen sowie Kohäsion durch Lückenschließung herzustellen.
In der Literaturdidaktik spielen die Fähigkeit zur Empathie sowie Alterität eine zentrale Rolle. Als Empathie bezeichnet Frederking (2010) die Fähigkeit des Fremdverstehens, um das Erleben und die Deutungen von anderen perspektivisch nachzuvollziehen. In der psychosozialen Praxis ist eine anteilnehmende und empathische Haltung gegenüber Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, schwer gelitten haben, zum Glück eher die Regel denn die Ausnahme. Die Ausbildung von Empathie basiert zum großen Teil auf der eigenen biografischen Geschichte, d. h. also durch welches Maß an Feinfühligkeit und der Fähigkeit zur Perspektivübernahme sich die relevanten Bezugspersonen ausgezeichnet haben. Neben dieser unbestreitbar wichtigsten Quelle zur Empathieentwicklung kann aber auch die Rezeption von Literatur dazu beitragen, sich in andere Menschen einzufühlen und Horizonte zu öffnen, die das Denken und Fühlen facettenreicher machen.

Was aber bedeutet Alterität eigentlich genau? Laut Susanne Helene Becker (2017) eignet sich der Begriff der Alterität „am besten, um literarische Begegnungen mit dem Anderen zu beschreiben, weil der die Differenzerfahrung bzw. die Erkenntnis des Eigenen im Fremden einschließt – egal, ob es sich um kulturelle oder soziale Diversität handelt“ (S. 26). Die Erfahrung der Alterität, also die Begegnung mit etwas als fremd Erlebten lässt sich als Differenzerfahrung fassen und kann sich zwischen den Polen von Faszination (Xenoromantik) und erlebter Bedrohung (Xenonegativität) abspielen. Die Literaturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Johanna Bossinade (2011) versteht den Alteritätsbegriff weniger als Differenzerfahrung mit einem realen oder fiktiven Gegenüber, sondern vielmehr als einen intrapsychischen Bestandteil. Wenn man Bossinades Gedanken auf andere psychosoziale Kontexte überträgt, könnte das heißen, dass die aufkommenden und ängstigenden Fremdheitsgefühle im Kontakt mit Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, stärker als intrasubjektive denn als intersubjektive Gefühle zu begreifen sind. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Projektionen und inneren Bildern bzw. Stimmen kann durch die Rezeption literarischer Texte mitunter zunächst stärker und radikaler betrieben werden als in der Begegnung mit realen Menschen, weil Hilfe- oder andere Handlungsimpulse, die diese Gefühle überdecken, keine oder nur eine geringe Bedeutung haben.

Warum lohnt sich die Beschäftigung mit diesen Büchern?
Warum kann das Lesen von Romanen, die sich mit Flucht und Migration beschäftigen insbesondere für psychosoziale Fachkräfte, die mit Menschen mit Fluchterfahrungen arbeiten eine Bereicherung darstellen? Diese Bücher legen Zeugnis von einer von unzähligen Menschen geteilten Erfahrung ab, die darin besteht, ihr Zuhause verloren zu haben, und die diese Erfahrung – individuell extrem unterschiedlich verarbeitet – an die nächsten Generationen weitergeben. Darüber hinaus stellen die Romane durch die literarisch-ästhetische Gestaltung menschlich bedeutsamer Grunderfahrungen ein Kulturgut dar und tragen dazu bei, eine überdauernde Erinnerungskultur an Leid, begangenem Unrecht und individuellem Überleben zu schaffen. Dadurch, dass diese Zeugnisse weder für den therapeutischen oder für einen anderweitig geschützten Rahmen abgelegt, sondern der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, leisten sie einen wichtigen gesellschaftlichen Dienst. Sie tragen wesentlich dazu bei, die Auswirkungen von Flucht und Migration sichtbar zu machen, und zwar nicht in bebilderter und scheinbar objektiver Form von Elend und Hilfsbedürftigkeit, wie wir sie medial vermittelt bekommen, sondern in einer aktiven, subjektiven und detaillierten Schilderung von Menschen – Autor*innen –, die dieses selbst erlebt oder sich intensiv damit beschäftigt haben.

Barbara Bräutigam, Juli 2019

 

Quellen

  • Becker, S. (2017). Facetten des Fremdverstehens. JuLit (2), 25 - 32.
  • Berger, K. (2015). Belletristik in der Bundesrepublik. In S. Scholz, M. Röger, B. Niven (Hrsg.), Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung. Ein Handbuch der Medien und Praktiken (S. 15 – 27). Paderborn: Schöningh.
  • Bossinade, J. (2011). Die Stimme des Anderen. Zur Theorie der Alterität. Würzburg: Königshausen & Neumann.
  • Frederking, V. (2010). Identitätsorientierter Literaturunterricht. In: Frederking, V. Krommer, A. & Meier, C. (Hrsg.), Literatur- und Mediendidaktik (Bd. 2 S. 414 – 451) Baltmannsweiler: Schneider Verlag.
  • Gansel, C. (2010). Literatur und Erinnerungskulturen nach 1989 oder auf der Suche nach ‚blinden Flecken‘ im Gedächtnis. kjl & m, 61 (2), 3 – 13.
  • Niven, B. (2015). Belletristik in der DDR. In S. Scholz, M. Röger, B. Niven(Hrsg.), Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung. Ein Handbuch der Medien und Praktiken (S. 28 – 40). Paderborn: Schöningh.
  • Nuber, A. (2001). Kindheit und Jugend im Zeichen von Flucht und Vertreibung. In S. Feuchert (Hrsg.), Flucht und Vertreibung in der deutschen Literatur. Beiträge (S. 265 – 280). Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang.
  • Zaeri-Esfahani, M. (2017). Als Deutsch noch nicht meine Zunge war. JuLit, (2), 15 – 18.
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