Die Zukunft des Gottesdienstes beginnt jetzt

Heilige Orte geben Raum

Ich freue mich, wenn Kirchen aufmachen und die Leute reinlassen, auch und gerade, wenn da nichts passiert. Ich freue mich, wenn man da rumlaufen kann. Diese unnütz großen Hallen. Wer hält schon solchen Raum vor, ohne daran zu verdienen? Eigentlich kann sich das niemand leisten. Aber überall auf der Welt gibt es sakrale Zonen mit luxuriöser Ausstattung. Überfließende Gestaltung, die zeigt, dass wir vom Überschuss an Sinn leben, nicht nur vom Verdienen. Helfende Leute pflegen die Gärten drumherum, sie stellen Blumen auf, in Asien wohnen junge Mönche auf dem Tempelland. Das Volk spendet für sie. Man will, dass diese Stätten belebt sind, selbst wenn man nicht hingeht.
Mich hat immer fasziniert, dass Gesellschaften sich diese heiligen Areale erlauben. Da braucht es nichts anderes als Dasein. Man kann etwas ablegen jenseits des Tauschzwangs. Sich verneigen auch, weil Verneigen Ehrfurcht erzeugt, und Ehrfurcht ist ein archaisches Gefühl, das Leben groß macht.

 

Horizonte heiliger Handlungen

Mich haben z.B. die spooky Tänze der Sufis beeindruckt, die Maskenspiele auf Java, das fromme Schattenspiel und die Stille der Quäker, die warten, bis etwas in ihnen entsteht, ganz zu schweigen von den gregorianischen Gesängen im Kloster, den Elektro-Beats in der Kathedrale und den Schlaf-Wochenenden im Dom. Auch die kleinen Messen auf irgendeinem Dorf mit sieben Willigen, die Andachten auf Krankenhausfluren und vor der Post. 

Das war mein Horizont beim Unterrichten von heiligen Handlungen aller Art, Bestattungen, Einweihungen, Jubiläen, Trancegesang, Gottesdienst am Sonntag. Ich habe über 20 Jahre lang versucht das Innenleben der alten Formen mit kirchlichen Leuten zusammen aufzuspüren, den Schrei hinter einem Gebet aus der Bibel, die Lust zu etwas zu stehen im Bekenntnis, die inneren Filme beim lauten Lesen eines Bibeltextes, die ungeheure Wirkung leergeräumter Kirchen und was man da alles machen kann.

 

Christlicher Gottesdienst

Dies Buch ist eine Verbeugung vor den Formen, die die Kirche aufbewahrt und mit jeder Generation neu transformiert. Es beschreibt das Innenleben des Abendmahls, der Liturgie des Anfangens oder erzählt vom  Sinn des öffentlichen Betens, geht durch die Kirchräume und deutet deren Aufbau, fragt nach dem Sinn einer Totenrede oder hilft dabei, selber Riten zu (er)finden. Das alles, damit die Nachgeborenen Essenzen der Tradition mit herübernehmen in ihre ganz eigene Praxis. 

Wer in irgendeiner Weise rituelle und verbale Formen mitgestaltet, kann hier praktisch Grundgesetze für die Zukunft lernen.
Denn das Virus beschleunigt gerade eine heilige Anarchie: überall in der Kirche erfinden Leute neue Gottesdienste, Wege zu den Leuten und alternative Aktionen im Kirchraum. Die Leitenden, haben es aufgegeben, das kontrollieren zu wollen -   im Gegenteil, manche atmen selber auf. Es ist so viel freie Bahn wie nie, weil an vielen Orten Ballast und Formenzwang abfällt, vielleicht auch, weil es nichts mehr zu verlieren gibt.
Wer jetzt einsteigt und loslegt, kann Zukunft der Kirche gestalten. Aber dafür sollte man ein paar Kompositions-Linien kennen. Auch wie sie sich praktisch organisieren. Dafür hilft dies Buch mit seinen Vorschlägen, den Begründungen und einer Menge konkreter Übungen für Leute, die Gottesdienst lernen wollen. 

 

Rituale in christlichen Kirchen 

Gottesdienst wird es immer geben. Dass er momentan in seiner Standardform schlingert, sagt, dass wir über kirchliche Formen und Uni-Formen nachdenken müssen. Aber die Krise stellt die Freude der Menschen am Rituellen nicht infrage.

Religiöse Rituale sind komplexe Gebilde wie alle Feiern – und wie das Leben selbst. Sie führen auf, was das Leben zu bieten hat: den Reigen um Geburt und Tod, die Stationen auf dem Weg dazwischen. Sie geben dem Seelen-Chaos anlässlich eines Todes Fassung. Sie stellen das Glück von Eltern in einen kosmischen Rahmen, sie schleifen in zarter Penetranz Sonntag für Sonntag alte Weisheiten in die Biografien der Leute ein. Sie können sich auch außer Haus gebärden und dem Überfall auf eine Schule und der Fassungslosigkeit danach Halt und Raum geben. Sie antworten nicht, aber sie schaffen Platz für Eingebungen. Sie helfen sortieren am dritten Ort jenseits der eigenen Irritation und der anderer.

Dies alles gilt überkirchlich. Selbst wenn die Vermittlungen der großen Konfessionen weniger gefragt sein werden, gilt: Rituale geben Fassung und sind deshalb ersehnt – und das umso mehr, je unübersichtlicher und selbstbestimmter die Lebensbezüge werden.

Die Protestanten haben den Gottesdienst für Ehrenamtliche freigegeben, manchmal aus Not, weil der Klerus unbezahlbar oder rar war. Oder aus Freude an der Vielstimmigkeit. Deswegen braucht es Unterricht im Fach Gottesdienst. Dabei merkten oft auch die Profis, was sie alles nicht gelernt hatten in ihrer Ausbildung. Hier kann man nachlernen.

 

Gemeinsam Ausprobieren 

Rituelle  Formen bilden tief liegende Überzeugungen ab. Die werden bisweilen an der eigenen Schmerzgrenze verteidigt. Und das oft umso kräftiger, je dunstiger ihr Ursprung ist. Man weiß objektiv wenig über Wirkung und Herkunft eines Liedes, einer Geste, einer Versikel, aber besteht darauf wie auf heimischem Griesbrei. Das ist menschlich einsichtig und sozial provinziell.

„Provinz“ in der Doppelwertigkeit des Begriffs: Er meint Dialekt, Lebensraum, der Fassung gibt, Wärme auch. Gleichzeitig kann er erweitertes Leben abschnüren. Beides ist zu sichten und zu würdigen. Das gelingt erst im gemeinsamen Ausprobieren und nicht allein in einer Debatte „über“ liturgische Bewegungen.
Ich erinnere daran so penetrant, weil ich die Scheu vieler kirchlicher Leute kenne, den „Ernstfall“ Gottesdienst zu üben, zu schleifen und dabei ihr Inneres zu pflegen und aufzuführen. Ich respektiere, dass sie sich aus der konkreten Übung herausreden wollen mit allerlei Ansichten. Man würde ihr Herz sehen. Aber ich gebe dem nicht nach. Erst das gemeinsame Erleben plus Reflexion zu genau dem, was geschah, macht wirksam klug. Alle, die weiter gern Gottesdienst feiern, werden viel mehr erproben müssen, wenn sie kultisch leben wollen.
Im Buch finden sich einfache und eindrückliche Übungen für die gemeinsame Erfahrung.

 

Thomas Hirsch-Hüffell, Pastor i. R., hat von 1997 bis 2018 das Gottesdienstinstitut der Nordkirche in Hamburg geleitet.

 

 

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