Mein Stand des Irrtums – Mein Lebenswerk, die Affektlogik – Erfolg oder Misserfolg?

Mein Konzept der Affektlogik und dessen Anwendung insbesondere in der therapeutischen Wohngemeinschaft Soteria Bern gilt (zusammen mit meinen Untersuchungen zum Langzeitverlauf von psychischen Krankheiten und zur sozialen Wiedereingliederung) mit einigem Recht als mein Lebenswerk. Jedenfalls habe ich mich gedanklich und publizistisch in den letzten dreißig bis vierzig Jahren vorwiegend mit ihm und seinen praktischen wie theoretischen Implikationen beschäftigt.

Nun hat mir Fritz Simon, der bekannte Systemtherapeut und Leiter des Carl Auer-Verlags, kürzlich angetragen, mein Buch „Affektlogik“,[1] das seit 1982 in fünf Auflagen bei Klett-Cotta erschienen aber seit über zehn Jahren vergriffen ist, im Auer-Verlag als Online-Publikation neu herauszugeben. „Ein so klassisches Buch sollte doch auf dem Markt verfügbar sein“, begründete Simon sein Angebot.

Sehr schön! Daraufhin habe ich, erstmals seit vielen Jahren, meine „Affektlogik“ wieder einmal von A bis Z durchgelesen. Anschließend bin ich, für mich selbst recht überraschend, zur Auffassung gelangt, dass sie tatsächlich immer noch lesenswert und sogar noch aktuell genug ist für eine Neuauflage. Auf klar überholte Darstellungen oder Widersprüche zu modernen Erkenntnissen zum Zusammenspiel zwischen Fühlen und Denken, dem zentralen Thema des Buchs, bin ich nicht gestoßen. Vielmehr hat sich inzwischen – soweit ich den aktuellen Stand noch einigermaßen zu überblicken vermag (was angesichts der ungeheuren Breitenentwicklung der Emotionsforschung seit den 1980er Jahren natürlich nur sehr annähernd der Fall sein kann) – fast alles, was ich schon vor über drei Jahrzehnten zu diesem Thema und dessen Implikationen postuliert habe, entweder bestätigt oder bleibt als Arbeitshypothese weiterhin gültig.
Darüber hinaus habe ich seither meine ursprünglichen Konzepte, die weitgehend von psychiatrisch-psychotherapeutischen Erfahrungen ausgingen, systematisch weiterentwickelt und auf andere Sachgebiete ausgeweitet, in denen affektiv-kognitive Wechselwirkungen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen.[2] Und auch andere Autoren haben meine Ideen aufgegriffen, kritisch analysiert und in gewissen Bereichen weiter vertieft. Die allermeisten Kritiker haben sie positiv beurteilt, auf grundsätzlichen Widerspruch bin ich praktisch nie gestoßen. Insofern scheinen meine Ideen also durchaus erfolgreich zu sein.

Selbstzweifel
Wirklich? Oder entspricht diese Einschätzung etwa bloß meinem eigenen affektlogisch verzerrten Wunschdenken? Wieso bleibt die Basistheorie (oder besser: „Metatheorie“, weil auf den wichtigsten gemeinsamen Fakten in verschiedensten Sachbereichen basierend) der Affektlogik, entgegen meinen Hoffnungen auf einen breiten wissenschaftlichen Widerhall, immer noch eine Art von Geheimlehre für eine Minderzahl von Experten aus allen möglichen Bereichen, nur nicht den „richtigen“ und tonangebenden? Warum haben sich trotz immer neuen wissenschaftlichen Bestätigungen selbst die Grundthesen der Affektlogik noch längst nicht allgemein durchgesetzt: die allgegenwärtigen Wechselwirkungen zwischen Emotion und Kognition, die ständigen Schalt- und Filterwirkungen von aktuellen oder vergangenen Affekten auf unser gesamtes Wahrnehmen und Denken, die Tatsache, dass jeder Mensch und jede Klein- oder Großgruppe die Welt aus einer je spezifischen affektiv-kognitiven Eigenwelt – man könnte auch sagen aus einer Art von eigener emotionsspezifisch eingefärbter „Kapsel“ oder „Blase“ – erlebt und wahrnimmt? Auch das zentrale Konzept der Emotionen als entscheidende Energielieferanten im gesamten psychosozialen Geschehen scheint bisher fast von niemandem ernsthaft aufgegriffen worden zu sein, obwohl doch kein Mensch bestreiten kann, dass emotionale Grundbefindlichkeiten wie Interesse, Angst, Wut, Freude oder Trauer, stammesgeschichtlich betrachtet, mit angeborenen sogenannten sympathicotonen (anspannenden) oder parasympathicotonen (entspannenden) Energieverbrauchsmustern einhergehen, die sich wegen ihrer Überlebensvorteile im Lauf der Evolution im gesamten Tierreich durchgesetzt haben, von ihren ersten Wurzeln in elementaren Reaktionsmustern im Sinn eines „Hin zu“ oder „Weg von“ bei einzelligen Pantoffeltierchen bis zu der hochkomplexen Emotionspalette des heutigen homo sapiens. Ebenfalls kaum verstanden wird offenbar, dass die energetische Betrachtungsweise die Möglichkeit eröffnet, zentrale energiedynamische Mechanismen, wie sie von weltberühmten Forschern wie Ilya Prigogine oder Hermann Haken in allen möglichen offenen Systemen nachgewiesen worden sind, auch auf Fühl-, Denk- und Verhaltenssysteme jeder Dimension zu übertragen. Insbesondere die wohl interessanteste Konsequenz dieser Erkenntnis, nämlich dass ein kritisches Übermaß von (hier emotions-)energetischen Spannungen auch in (individuellen oder kollektiven) Fühl-, Denk- und Verhaltenssystemen, genau wie in anderen dynamischen Systemen, einen nichtlinearen Sprung (eine sogenannte Bifurkation) von einer globalen Funktionsweise in eine andere zu provozieren vermag, ist bisher kaum bis überhaupt nicht ins wissenschaftliche Denken eingedrungen, obwohl damit so gravierende Ereignisse wie der plötzliche Ausbruch von Gewalt, Revolutionen oder Kriegen oder auch, bei disponierten Menschen, einer schizophrenen Psychose erstmals auf theoretisch klarer, praxisrelevanter und obendrein noch quantifizierbarer Grundlage erklärbar werden – von unzähligen weiteren Anwendungsmöglichkeiten einer energetischen Betrachtungsweise der Emotionen in Alltag, Verkauf und Werbung, in Wirtschaft und Politik bis zur Pädagogik, Mediation und Psychotherapie ganz zu schweigen.

Allein auf weiter Flur?
Manchmal kommt es mir gar so vor, als wäre ich (fast) der Einzige, der das facettenreiche Erklärungspotenzial der Affektlogik richtig erkennt, der klar durchschaut, wie allgegenwärtige Filter- und Schaltwirkungen von (aktuellen oder vergangenen) Emotionen unser Denken und Handeln bis in die „rationalsten“ Entscheidungen hinein untergründig steuern, wie wir alle in unseren je besonderen affektiv-kognitiven Eigenwelten befangen sind, und wie übergroße emotionale Spannungen die gewohnten Fühl-, Denk- und Verhaltenssysteme plötzlich krisenhaft über den Haufen zu werfen vermögen. Oder zumindest der Einzige, der alle diese Erscheinungen als einen großen Gesamtzusammenhang – also als kohärente Theorie – zu begreifen und deren weitläufige praktische und theoretische Implikationen einigermaßen zu überblicken vermag. Wie viele Unklarheiten ließen sich doch beheben, wenn meine Konzepte allgemeiner anerkannt wären!

Hierzu ein Beispiel
Vor einigen Tagen habe ich von meinem Freund Jaak Panksepp, dem bekannten amerikanischen Emotionsforscher, zwei kontradiktorische Papers rund um den „ewigen“ Disput zwischen Vertretern einer mehr kognitions- und einer mehr affektzentrierten Neurobiologie der Emotionen erhalten.[3] Für Joseph LeDoux, Richard Brown und andere prominente Vertreter der sogenannten „cognitive neurosciences“ werden beim Menschen Emotionen vorwiegend von Kognitionen, das heißt von der Hirnrinde (dem Neokortex) und dem Denken aus generiert und reguliert. Jaak Panksepp, Mark Solms und andere Anhänger einer „affective neuroscience“ vertreten hingegen die Auffassung, dass die Emotionen beim Menschen, ähnlich wie beim Tier, von körpernahen subkortikalen Hirnzentren gesteuert werden. Gleichzeitig geht es um das Problem des Bewusstseins und damit auch um die bedeutsame Frage, ob Tiere, und insbesondere höhere Tiere wie Säuger und Primaten, menschenähnliche Gefühle überhaupt „bewusst“ zu empfinden vermögen, oder ob es sich bei ihnen bloß um unbewusste situationsabhängige Reflexe mit täuschend ähnlichen körperlichen Reaktionen und Verhaltensweisen wie beim Menschen handelt.

Die beiden erwähnten Arbeiten sind sehr wichtig, auch weil sie eine ungeheure Menge von neueren wissenschaftlichen Daten verarbeiten. Entscheidende Voraussetzungen für eine sinnvolle Diskussion wie eine vorgängige Klärung von Schlüsselbegriffen wie Bewusstsein, Unbewusstes und Emotion oder Affekt sucht man in ihnen indessen vergebens. Offenbar, weil, wie mir Jaak geschrieben hat, in solchen „zu komplizierten philosophischen Vorfragen“ ohnehin keine Einigkeit zu erzielen gewesen wäre.
Um wie viel fruchtbarer wäre dieser ganze, meines Erachtens letztlich mehr verwirrende als klärende Disput geworden, wenn er von den klaren Definitionen von Affekt und Kognition und deren Wechselwirkungen ausgegangen wäre, die ich in der Affektlogik erarbeitet habe, und obendrein auch meine Überlegungen zur Rolle von Emotionen im Bewusstsein mitberücksichtig hätte, die vor Jahren in einer amerikanischen Zeitschrift erschienen sind![4]

Warum diese mangelnde Resonanz?
Wie ist wohl diese, in meinen Augen, im Verhältnis zu ihrem Potenzial unbefriedigende Rezeption der Affektlogik zu erklären? Ich habe keine eindeutige Antwort, bloß eine Reihe von Vermutungen. Sicher spielt das Sprachproblem eine gewisse Rolle, weil ich hauptsächlich auf Deutsch statt auf Englisch publiziert habe. Was nicht auf Englisch erscheint, gilt heutzutage als wissenschaftlich marginal und provinziell. Auch kann man mit Recht einwenden, dass die Affektlogik nur zu einem kleinen Teil von eigenen spezifischen Untersuchungen ausgeht.[5] Meine Leistung besteht hauptsächlich darin, dass ich Forschungsbefunde zum Zusammenspiel von Fühlen und Denken aus den unterschiedlichsten Sachgebieten, von der Psychiatrie und Psychologie und Neurobiologie bis in die Soziologie, die Chaostheorie und die Evolutionswissenschaften, systematisch gesammelt, gesichtet und aufgrund von gemeinsamen Faktoren zu einer kohärenten Metatheorie verbunden habe. Eine ihrer wichtigsten Grundlagen ist zum Beispiel die seit Jahrzehnten allgemein anerkannte Hebbsche Lernregel, wonach gleichzeitig erlebte nervöse Impulse (hier Gefühle und Gedanken) im Gedächtnis miteinander verknüpft und in der Folge in ähnlichen Situationen gemeinsam reaktiviert werden. Auch die vielfältigen Filter- und Schaltwirkungen von Emotionen auf alle kognitiven Funktionen (wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Konzentration, Gedächtnis, kombinatorisches Denken und Entscheiden), die in der Theorie der Affektlogik eine Schlüsselrolle spielen, sind durch eine Fülle von empirischen, in allen einschlägigen Handbüchern rapportierten Studien belegt. Genauso solide verankert ist die schon mehrfach erwähnte Erkenntnis, dass kritisch steigende emotionale Spannungen zu plötzlichen umfassenden Veränderungen unserer gewohnten Fühl-, Denk- und Verhaltensweisen bis hin zu psychotischen Störungen führen können. Dafür sprechen nicht nur unzählige Alltagsbeobachtungen, sondern auch die grundlegenden chaostheoretischen Untersuchungen von Hermann Haken zur Dynamik von offenen Systemen aller Art sowie, was speziell den Ausbruch von Psychosen anbetrifft, die ganze sogenannte Expressed-Emotion-Forschung.[6]

Am wahrscheinlichsten scheint mir, dass das Konzept der Affektlogik gerade wegen seines, in meinen Augen, Hauptvorteils, nämlich weil es Forschungsbefunde zum Zusammenspiel von Fühlen und Denken aus den unterschiedlichsten Sachgebieten zu einer kohärenten Metatheorie zu verbinden trachtet, gewissermaßen zwischen Stuhl und Bank gefallen ist. Jeder Fachspezialist denkt und forscht in seiner eigenen Sprache und neigt dazu, jedem anderen „Denkstil“ (wie dies Ludvik Fleck so treffend nannte)[7] mit Misstrauen und Abwehr zu begegnen. Allein schon die Tatsache, dass ich mich zentral mit den Wechselwirkungen zwischen Emotion und Kognition befasst habe, anstatt mich, wie die große Mehrzahl aller Emotions- oder Kognitionsforscher, auf den einen oder anderen Problembereich zu spezialisieren, ist ungewöhnlich bis befremdlich. Dass das tatsächliche psychosoziale Erleben – die Phänomenologie des Psychischen und Sozialen, so könnte man auch sagen – sich in Wirklichkeit gerade in diesem Zwischen- und Interaktionsbereich abspielt, wird „aus methodologischen Gründen“, wie es immer wieder so schön heißt, vom wissenschaftlichen Mainstream mit Vorliebe ausgeklammert.
In der Tat scheint die Interdisziplinarität der Affektlogik deren Anschlussfähigkeit paradoxerweise eher zu beeinträchtigen statt zu begünstigen. Anschlussfähig ist zwar das Zauberwort, das man in Ansätzen, die verschiedene Sichtweisen zu integrieren suchen, auf Schritt und Tritt antrifft. So zum Beispiel auch im Buch über emotionsbasierte systemische Psychotherapie der beiden Wiener Psychotherapeutinnen Elisabeth Wagner und Ulrike Russinger,[8] das ich zur Zeit mit Interesse lese. Indes scheint für diese Autorinnen aus der Affektlogik nur gerade mein schon in den Achtzigerjahren eingeführter Begriff der integrierten Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme als zentrale Bausteine der Psyche, den sie ständig verwenden, voll „anschlussfähig“ zu sein. Alles andere dagegen, das meines Erachtens gerade auch in der Psychotherapie eine zentrale Rolle spielt, scheinen die Autorinnen entweder zu übersehen oder für selbstverständlich zu halten: die allgegenwärtigen affektiv-kognitiven Wechselwirkungen, das davon abgeleitete Konzept einer Angstlogik, Wutlogik, Freude- oder Trauerlogik etc., die persönlichkeits-, gruppen- und kulturspezifischen affektiv-kognitiven Eigenwelten, die nichtlinearen Wirkungen von kritisch steigenden emotionalen Spannungen…

Paradox ist dies in meinen Augen nicht nur deshalb, weil gerade psychotherapeutische Erfahrungen ein wesentlicher Ausgangspunkt der Affektlogik waren. Meines Erachtens lassen sich die Konzepte der Affektlogik ohne Schwierigkeiten nicht nur in jede Psychotherapie, sondern mit Vorteil auch in alle anderen Wissensbereiche integrieren, in denen emotionale Faktoren eine Rolle spielen, so zum Beispiel in der Politik, der Werbung, dem Verkauf oder in der Unternehmensführung: Es genügt, immer dann, wenn Emotionen ins Spiel kommen, deren Schalt- und Filterfunktionen auf Denken und Handeln so zu berücksichtigen, wie sie in der Affektlogik dargestellt sind – und schon ist „der Anschluss“ perfekt.

Ein weiterer Grund für die mittelmäßige Rezeption der Affektlogik ist vermutlich der Umstand, dass ich mich als Sozialpsychiater in allerhand Probleme eingemischt habe, welche die Spezialisten anderer Disziplinen als ihr ausschließliches Hoheitsgebiet betrachten. Anders kann ich mir die abfällige Art und Weise kaum erklären, wie zum Beispiel die bekannte deutsche Historikerin und Emotionsforscherin Ute Frevert unser Buch „Gefühle machen Geschichte“,[9] kaum dass es erschienen war, in der „Neuen Zürcher Zeitung" verrissen und damit für weite Kreise inner- und außerhalb ihres Fachgebiets wissenschaftlich „erledigt“ hatte.[10] Insbesondere bemängelte sie unser Konzept von Kollektivgefühlen, ohne auf unsere sehr klare Definition dieses Phänomens als Gefühle, die von einer Mehrheit oder Minderheit von Mitgliedern eines Kollektivs geteilt werden, auch nur mit einem Wort einzugehen. Kurz zuvor hatte übrigens auch schon ihr Mitarbeiter Pascal Eitler unser Buch in einer Online-Rezension für Historiker ähnlich herablassend kritisiert.[11] Ich werde den Verdacht nicht los, dass bei den negativen Blitzreaktionen der beiden Rezensenten auch der Umstand mitgespielt hat, dass wir – und nicht sie – es waren, die erstmals die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf die (für das Verständnis historischer Prozesse ungleich wichtigeren) Wirkungen von Kollektivgefühlen auf das kollektive Denken und Verhalten gelenkt haben, statt sich bloß mit deren historischen Wandlungen – Freverts wie Eitlers zentrales Forschungsgebiet – zu befassen.

So oder so bleibe ich bei meiner Überzeugung, dass die Wirkung von kollektiven Emotionen viele spektakuläre geschichtliche Prozesse (wie zum Beispiel den Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus oder den endlosen Israel-Palästinakonflikt) weit besser verständlich macht als alle möglichen anderen Erklärungsversuche. Und das Buch „Gefühle machen Geschichte“ bleibt in meinen Augen, obwohl weit weniger beachtet als die Affektlogik, schon wegen seiner weitläufigen sozialen, politischen und wissenschaftlichen Implikationen mein wohl bestes und wichtigstes Werk.

Alle bisher genannten Einzelgründe (und vielleicht noch andere, mir verborgene dazu) spielen vermutlich eine gewisse Rolle bei der mäßigen Rezeption der Affektlogik. Indessen könnte hinter ihnen allen, wie mir Elke Endert einmal sagte, noch etwas viel Tieferes und Grundsätzlicheres stecken: nämlich die instinktive Abwehr gegen eine zutiefst kränkende Erkenntnis, die ebenfalls die Akzeptanz der Psychoanalyse (von der die Affektlogik ja seinerzeit ausgegangen ist) seit mehr als hundert Jahren beeinträchtigt: nämlich die Erkenntnis, dass all unser Denken und Handeln in einem noch viel größeren Umfang, als es schon die Psychoanalyse behauptet hatte, nicht primär rational, sondern von vielfältigen affektiven Befindlichkeiten geleitet ist.


Luc Ciompi (*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.



[1] Ciompi, L. (1982). Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. Ein Beitrag zur Schizophrenieforschung. Stuttgart: Klett-Cotta.

[2] Ciompi, L. (1988). The psyche and schizophrenia. The bond between affect and logic. Cambridge (Mass.)/London: Harvard University Press.

Ciompi, L. (1988). Außenwelt – Innenwelt. Die Entstehung von Zeit, Raum und psychischen Strukturen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Ciompi, L. (1993). Die Affekte als zentrale Organisatoren der Psyche. Zum psycho-sozio-biologischen Integrationsmodell der Affektlogik und seinen Konsequenzen. System Familie, 6, 196–208.

Ciompi, L. (1993). Die Hypothese der Affektlogik. Spektrum der Wissenschaft, 2, 76–82.
Ciompi, L. (1997). Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Ciompi, L. (1997). The concept of affect logic: an integrative psychosocio-biological approach to understanding and treatment of schizophrenia. Psychiatry, 60 (2),158–170.
Ciompi, L. (1999). An affect-centered model of the psyche and its consequences for a new understanding of nonlinear psychodynamics. In W. Tschacher, J. P. Dauwalder (eds.), Dynamics, synergetics, autonomous agents. Nonlinear system approach to cognitive psychology and cognitive science (pp.123–131). Singapure et al.: World Scientific.
Ciompi, L. (2003). Reflections on the role of emotions in consciousness and subjectivity, from the perspective of affect logic. Consciousness and Emotion, 4, 181–196.
Ciompi, L. (2004). Ein blinder Fleck bei Niklas Luhmann? Soziodynamische Wirkungen von Emotionen nach dem Konzept der fraktalen Affektlogik. Soziale Systeme, 10, 21–49.
Ciompi, L. (2005). Emotional-kognitive Dynamik in der Psychopathologie, nach dem Konzept der Affektlogik. In M. Wimmer, L. Ciompi (Hrsg.), Emotion – Kognition – Evolution. Biologische, psychologische, soziodynamische und philosophische Aspekte (S. 151–165). Fürth: Filander-Verlag.
Ciompi, L. (2015). The key role of emotions in the schizophrenia puzzle. Schizophrenia Bulletin, 41, 318–322.

Ciompi, L., Hoffmann, H. (2004). Soteria Berne: an innovative milieu therapeutic approach to acute schizophrenia based on the concept of affect-logic. World Psychiatry, 3, 140–146.
Ciompi, L., Panksepp, J. (2005). Energetic effects of emotions on cognitions - complementary psychobiological and psychosocial findings. In R. Ellis, N. Newton (eds.), Consciousness and Emotion (pp. 23–55). Amsterdam/NL; Philadelphia/PA: J. Benjamins Publishing Company.

Ciompi, L., Baatz, M. (2005). Do mental and social processes have a fractal structure? The hypothesis of affect-logic. In G. Losa, D. Merlini, T. F. Nonnenmacher, E. Weibel (eds.), Fractals in biology and medicine, Vol IV (pp. 107–119). Basel: Birkhäuser Press.

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[3] Panksepp, J., Lane, R. D., Solms, M., Smith, R. (2017). Reconciling cognitive and affective neuroscience perspectives on the brain basis of emotional experience. Neuroscience and Biobehavioral Review, 76, 187–215.

LeDoux, J., Brown, R. (2017). A higher-order theory of emotional consciousness. Proceedings of the National Academy of Science (PNAS), Early Edition January, 1–10. http://joseph-ledoux.com/pages/PNAS-2017-LeDoux-1619316114.pdf

[4] Ciompi, L. (2003). Reflections on the role of emotions in consciousness and subjectivity, from the perspective of affect logic. Consciousness and Emotion, 4, 181–196.

[5]Ciompi, L., Müller, C. (1976). Lebensweg und Alter der Schizophrenen. Eine katamnestische Langzeitstudie bis ins Senium. Berlin u. a.: Springer.

Ciompi, L., Dauwalder, H. P., Agué, C. (1979). Ein Forschungsprogramm zur Rehabilitation psychisch Kranker. III. Längsschnittuntersuchungen zum Rehabilitationserfolg und zur Prognostik. Nervenarzt, 50, 366–378.
Ciompi, L., Baatz, M. (2008). The energetic dimension of emotions – an evolution-based computer simulation with general implications. Theoretical Biology, 3, 42–50.

Ciompi, L., Hoffmann, H., Broccard, M. (Hrsg.) (2001). Wie wirkt Soteria? Eine atypische Schizophreniebehandlung kritisch durchleuchtet. Bern/Stuttgart: Huber.

[6] Leff, J., Vaughn, C. (1985). Expressed emotions in families. Its significance for mentalillness. New York/London: Guilford Press.
Kavanagh, D. J. (1992). Recent developments in expressed emotion and schizophrenia. British Journal of Psychiatry, 160, 601–620.

Haken, H., Haken-Krell, M. (1992). Erfolgsgeheimnisse der Wahrnehmung. Synergetik als Schlüssel zum Gehirn. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.

[7] Fleck, L. (1935/1993). Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Hrsg. v. L. Schäfer, T. Schnelle. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

[8] Wagner, E., Russinger, U. (2016). Emotionsbasierte Systemische Therapie. Intrapsychische Prozesse verstehen und behandeln. Stuttgart: Klett-Cotta.

[9] Ciompi, L., Endert, E. (2011). Gefühle machen Geschichte. Die Wirkung kollektiver Emotionen - von Hitler bis Obama. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

[10] Frevert, U. (2011). Wie machen Gefühle Geschichte?, Neue Zürcher Zeitung vom 18.10.2011. Zugriff am 10.04.2019 unter https://www.nzz.ch/wie_machen_gefuehle_geschichte-1.13034816

[11] Eitler, P. (2011). Rezension von „Gefühle machen Geschichte”. Mailing-Liste "H-Soz-Kult" des historischen Instituts der Humboldt-Universität Berlin vom 7.Juli 2012. Zugriff am 10.04.2019 unter https://www.hsozkult.de/searching/id/rezbuecher-16395?title=l-ciompi-u-a-gefuehle-machen-geschichte&q=Pascal Eitler&page=5&sort=&fq=&total=154&recno=82&subType=reb

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