Mein Blick aufs Ganze – Schwarz in schwarz

Schwarz in schwarz ist alle Welt gekleidet: Trauerfarbe. In den Bahnhöfen, auf der Straße, im Bus. Jeder Mann und jede Frau ist ähnlich ernst und düster uniformiert - und wenn’s mal nicht schwarz in schwarz ist, so sind es bestimmt dieselben unsäglichen indigoblauen Jeans wie schon seit Jahrzehnten. Alle diese Pseudocowboys und -girls in zerschlissenen Hosen und Lederjacken und Stiefeln: wie unförmig, wie hässlich, wie unelegant und phantasielos!
Was ist nur in unsere Welt und insbesondere in unsere Frauen gefahren, die früher so gerne mal elegant und bunt wie Schmetterlinge waren? Wie heute nur noch in Afrika, in Indien und einigen anderen armen Entwicklungsländern, wo die Frauen in ihren farbigen Gewändern wie Königinnen einherschreiten und auch sehr viel fröhlicher in die Welt schauen als bei uns, wie, zumindest im Sommer, auch noch ein wenig im südlichen Europa, in Rom oder Athen, immer weniger dagegen in unserem reichen aber düsteren und traurigen Norden.

Warum? Wir bemerken ja diese allgemeine Verdüsterung gar nicht mehr, sie ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden und gilt sogar noch als cool und schick. Schwarz mache schlank, schwarz sei elegant, heißt es immer wieder. Mag ja sein, aber warum denn alle so langweilig gleichförmig, die Langen und Dünnen genauso wie die Kurzen oder Dicken? Warum nicht mal was Originelles, was Buntes und Auffallendes? Nur ja keine störenden Gefühle zeigen, ist offenbar die Devise, nur noch ernst und tüchtig, sachlich und effizient will man scheinen, nur ja nicht mal fröhlich entspannt und schon gar nicht verspielt oder sorglos.

Pessimistischer Alltag
Ganz ähnlich sachlich und effizient ist übrigens im Verlauf der letzten Jahrzehnte unbemerkt auch die Sprache geworden. Man redet im Alltag lange nicht mehr so ruhig und entspannt miteinander wie noch vor dreißig, vierzig Jahren, man wendet sich auch niemandem mehr wirklich zu, man bellt ihn nur noch an, abgehackt, fast militärisch, befehlend oder feststellend. Habituelles Imponiergehabe begegnet einem allüberall: am Telefon, am Schalter, in den Läden und sogar im Krankenhaus. Ich weiß schon, was ich sagen will und bin mir dessen sicher, du weißt nichts, du armer Tropf, du hast mir nichts zu sagen und schon gar nicht was Überflüssiges zu fragen, das sind die untergründigen Botschaften.
Im auffallenden Gegensatz zum aufstrebenden Ostasien oder zum sorgloseren Südamerika ist die westliche Welt in den letzten Jahrzehnten kollektiv immer depressiver, pessimistischer und verängstigter geworden, behaupten aufmerksame Beobachter wie zum Beispiel der vielgereiste Diplomat und Politologe Dominique Moisi in seinem Buch „Der Kampf der Emotionen“[1]. In der Tat glauben die meisten jungen Menschen bei uns offenbar nicht mehr an eine bessere Zukunft. Dies jedenfalls stellte in ihrer Begrüßungsansprache auch Elisabeth Schenk-Jenzer fest, die Rektorin der Literarabteilung „unseres“ Städtischen Gymnasiums Kirchenfeld in Bern, das wir anlässlich einer Zusammenkunft der Reste unsere seinerzeitigen Maturaklasse OPc 1949 vor Jahren besuchten. Außerdem wies die (selbst durchaus fröhlich und optimistisch wirkende) Rektorin zu unserer Überraschung auf einen allgemeinen Konformismus und eine Abneigung gegen alles Besondere hin; wichtig sei für die allermeisten Gymnasiasten in erster Linie, sich auf einen möglichst lukrativen Beruf vorzubereiten, was alle drei Maturanden, die die Rektorin eigens für uns aufgeboten hatte, durchaus bestätigten[2] – alle drei selbstverständlich schwarz in schwarz gekleidet.

„Um Himmels willen, werdet doch wieder etwas farbiger und fröhlicher!“, möchte man den jungen Leuten zurufen.

Ist das alles Zeitgeist?
Auf die Gefahr hin unzulässig zu verallgemeinern, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, auf der Basis von solchen Beobachtungen so etwas wie eine Diagnose eines vorherrschenden Zeitgeistes zu wagen, der all unser Denken und Handeln – unsere kollektive Affektlogik – wie selbstverständlich durchdringt. Neben und hinter einer allgemeinen Angst (und nicht selten auch Wut), zu kurz zu kommen, scheint unser kollektives Fühlen und Denken beherrscht zu sein von einem allgegenwärtigen Drang nach mehr und immer mehr von allem. Wir alle – und zwar keineswegs nur die Armen, sondern gerade auch die Reichen, insbesondere wir vergleichsweise steinreichen Schweizer – wollen immer noch mehr Komfort, noch mehr technischen Schnickschnack, noch mehr Hilfsmittel jeder Art, auch immer weiter weg reisen, immer schneller kommunizieren und vor allem: immer mehr Geld verdienen, immer noch reicher werden, immer mehr Rendite erzielen – in jeder nur möglichen Hinsicht.

Mir scheint, dass diese offenbar dem Menschen (nicht aber dem Tier) von jeher in einem gewissen Maß eigene Grundhaltung in den letzten paar Jahrzehnten – sicher dank der modernen Kommunikationsmedien – die ganze Menschheit in einem Ausmaß vereinnahmt und „versklavt“ hat, wie dies bislang noch nie der Fall gewesen ist. Es scheint, als würden wir alle miteinander, immer schwärzer gekleidet und entsprechend gestimmt, immer hektischer einem strahlenden goldenen Kalb nachjagen, das wir uns selbst konstruiert und je länger desto phantastischer ausgeschmückt haben: immer längeres und noch besseres Leben, perfektere Maschinen, lernfähige Roboter, „künstlich intelligente“ Haushaltsgeräte, Autos, Flugzeuge und, in naher Zukunft, auch „digital verbesserte“ Menschen. Ständiges weltweites Wirtschafts- und zugleich Bevölkerungswachstum, ständig mehr Güter, mehr „Zeug“ aller Art - und zugleich immer größere Abfallberge, immer mehr Erd-, Luft- und Wasserverschmutzung, Klimaerwärmung, immer grausigere Hurrikans, Überschwemmungen, Erdrutsche, Tsunamis und andere Naturkatastrophen.

Was ist aus den alten Werten der Beschränkung, der Demut, der Bescheidenheit geworden, was aus tiefen Weisheiten wie „weniger ist mehr“, „small is beautiful“, „in der Beschränkung zeigt sich der Meister“?
Ich befürchte, dass die generelle Mentalität des Immer-noch-mehr-von-allem-haben-Wollens der eigentliche und tiefere Grund ist, warum wir vielleicht tatsächlich alle miteinander geradewegs auf eine umfassende Katastrophe zurasen, wie längst nicht nur notorische Pessimisten behaupten.

Stimmt die Diagnose wirklich?
Aber stimmt diese Diagnose auch noch, wenn ich mich in meiner nächsten Umgebung, bei meinen zwei Söhnen und den drei Enkelkindern, in meinem engeren Bekanntenkreis und bei den vielen jungen Leuten umsehe, die ich in meinen Vorträgen und Seminaren kennenlerne? – Überhaupt nicht, oder doch nur sehr bedingt. Mein ältester Sohn (58) etwa, ein erfolgreicher, in London, und Genf tätiger alternativer Filmtoningenieur, ist in keiner Weise aufs Geldverdienen aus, ganz im Gegenteil: er lebt sehr bewusst in großer Bescheidenheit. Auch mein zweiter Sohn (55), seines Zeichens „psychomotricien“ (eine in der Westschweiz verbreitete Piaget’ sche Variante der Heilpädagogik), behandelt an einer großen Schule schwierige Immigrantenkinder und ist sozial vielfältig engagiert, wie auch seine Frau als „grüne“ Lokalabgeordnete. Ihre drei Jungen zwischen 16 und 21 Jahren sind zwar, genau wie praktisch alle ihre Altersgenossen, oft schwarz oder – der neueren Mode gemäß – schwarz-weiß gekleidet und verfügten schon von klein auf über eine für uns Alte beängstigende Fülle von Plastikspielzeugen und anderen Gadgets. Aber gleichzeitig waren und sind sie auch ganz „normale“, unbekümmerte und unternehmungslustige Jugendliche wie eh und je, mit großen Hoffnungen, Idealen und ersten Enttäuschungen in der Liebe und anderswo. Nicht viel anders sieht es bei der großen Mehrzahl der Psychiater/-innen, Sozialarbeiter/-innen, Psychologinnen und Psychologen und weiteren Berufstätigen aus dem sozialen Feld aus, mit denen ich auf Lehrveranstaltungen in Kontakt komme. Auch in den Zeitungen, Büchern und übrigen Medien, die ich konsumiere, begegnen mir immer wieder ganz andere, dem diagnostizierten Zeitgeist diametral widersprechende Töne. Also ist es vielleicht doch so, wie Hölderlin es einmal so wunderbar sagte: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“[3]


Luc Ciompi
(*1929), Schweizer Psychiater, Schizophrenieforscher, Vorkämpfer für eine integrative Psychiatrie und Begründer der Affektlogik, wird neunzig. Er lässt uns teilhaben an einer Fülle von persönlichen, wissenschaftlichen und weltanschaulichen Reflexionen. Sie zeigen, dass auch das hohe Alter eine faszinierende Zeit voller unerwarteter Höhen und Tiefen sein kann. Alle bisherigen Beiträge von Luc Ciompi finden Sie hier.


[1] Moisi, D. (2009). Kampf der Emotionen. Wie Kulturen der Angst, der Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen. München: Deutsche Verlagsanstalt.

[2] Fast genau zum gleichen Schluss ist auch eine soziologische Studie aus Deutschland gekommen, auf die ich kürzlich gestoßen bin. Vgl. Koppetsch, C. (2016). Die Wiederkehr der Konformität? Wandel der Mentalitäten – Wandel der Generationen. Systeme – Interdisziplinäre Zeitschrift für systemtheoretisch orientierte Forschung und Praxis in den Humanwissenschaften, 30 (81), 75–87.

[3] Hölderlin, F. (1808). Patmos. In F. Hölderlin (1953), Sämtliche Werke. Band 2: Gedichte nach 1800 (S. 172–180). Stuttgart: Kohlhammer. S. 172.

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