Corona und Frühpädagogik

Das Leben unter Corona Einschränkungen stellt für die Arbeit mit den Jüngsten in der Krippe und Kindertagespflege eine komplexe Gemengelage dar, die einige Dilemmata enthält. Einige davon seien hier benannt.

Ist Kinderbetreuung systemrelevant? Sie ermöglicht vielen Eltern überhaupt zu arbeiten. Die Pädagogen fühlen sich oft nicht angemessen wahrgenommen, geschweige denn entsprechend eingeordnet und wertgeschätzt. Da liegen sie mit den Pflegekräften auf einer Linie. Es bedarf offensichtlich grundsätzlicher Veränderungen…

In den Kitagruppen gibt es durch Corona veränderte Bedingungen, die fachpolitisch schon lange gefordert werden: Kleinere Gruppen mit mehr Personal. Mehr Personal?

PädagogInnen befinden sich in einem Dilemma. Einerseits können sie sich über die kleinere Gruppengröße freuen. Andererseits macht es unsicher, wenn man weiß, dass man zu der einzigen Berufsgruppe gehört, die keine Masken trägt, obwohl sie Kontakte zu vielen Menschen hat.

„Beschäftigte, die in der Betreuung und Erziehung von Kindern tätig sind, waren von März bis Oktober 2020 am stärksten von Krankschreibungen im Zusammenhang mit Covid-19 betroffen. Das zeigt eine Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten der AOK-Mitglieder durch das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). 2.672 je 100.000 Beschäftigte fehlten in dieser Berufsgruppe krankheitsbedingt im Zusammenhang mit Covid-19 an ihrem Arbeitsplatz. Damit liegt der Wert 2,2-fach über dem Durchschnittswert von 1.183 Betroffenen je 100.000 AOK-versicherte Beschäftigte.“ Ein interessanter Aspekt wäre eine weitere Analyse dieser Auswertung im Hinblick darauf, um welche Erkrankungen es sich handelt. 

 

Das Coronavirus und die Wahrnehmung von Kleinkindern

Ein ganz anderer Aspekt: Aus der Sicht eines Kleinkindes führt das Maske-Tragen dazu, dass es genauer wahrnehmen muss und mehr Zeit braucht, um die Person zu erkennen, sie zu hören und ihre Mimik einschätzen zu können. Oft übertragen Erwachsenen die eigenen Wahrnehmungsfähigkeiten auf die jungen Kinder. Um mit Kindern angemessen umzugehen, muss man jedoch um die Besonderheiten ihrer körperlichen, sensorischen, motorischen und psychischen Entwicklung wissen: Die Sehschärfe von Kleinkindern weicht noch deutlich von der des Erwachsenen ab. So können kleine Kinder einen Gegenstand nur für kurze Zeit scharf sehen. Die neuromuskulären Voraussetzungen für eine längere Fixation entwickeln sich noch. Das Gesichtsfeld von kleinen Kindern ist ca. 30 Grad geringer, auch die Perspektive ist eine andere als die von Erwachsenen. Durch die „Froschperspektive“ und das kleinere Sehfeld haben Kinder einen anderen Gesamtblick auf eine Situation oder auf Personen. Auch ist der Hörwinkel ist gegenüber dem Erwachsenen um 30 Grad reduziert. Dieses andere Hören wird durch das Tragen einer Maske noch zusätzlich erschwert. Die Geräuschlokalisation kann leicht fehlgedeutet oder Geräusche und Ansprachen können überhört werden.

Hier ist also ein hohes Bewusstsein einer zugewandten, langsamen, ruhigen und deutlichen Kommunikation notwendig. Auch kann man so besser nachvollziehen, dass in den Einrichtungen für frühkindliche Betreuung und Versorgung für die Jüngsten die ErzieherInnen meist keine Maske tragen. Das kann allerdings die PädagogInnen selbst verunsichern oder beängstigen. Das zu thematisieren ist sicher nicht einfach, aber ausgesprochene Befindlichkeiten und die Vereinbarung von gemeinsamen Haltungen kann Sicherheiten schaffen und es ermöglichen, Verunsicherte ernstzunehmen. Ich richte mich vor Ort immer nach den Wünschen der Teams und erlebe es als sehr entspannend für die Arbeitsatmosphäre, wenn sich alle an klar benannte Verhaltensregeln halten. Besonders erfreulich finde ich, wenn die Wünsche von einzelnen Teammitgliedern berücksichtigt werden.

Die Schilderung von Dennis Meiners, live aus der Krippe, schildert auch hier eine andere Seite, die zu den neuen Erfahrungen dazu gehört:

Ein einjähriges Krippenkind ist seit zwei Monaten eingewöhnt und fühlt sich sicher. Da ich als zusätzliche Fachkraft für Sprache angehalten bin, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, kennt mich dieses Kind nur mit Maske, wenn ich von der Türschwelle winke oder "Guten Morgen" in die Gruppe sage. Als mich dieses Kind das erste Mal anlächelt, weil es mich erkennt, lupfe ich aus sicherer Entfernung meine Maske, um das Lächeln zu erwidern und um dieses erste Beziehungsangebot nicht ins Leere laufen zu lassen. Die Reaktion kommt prompt: Das Kind ist irritiert, da es meine untere Gesichtshälfte noch nie gesehen hat. Es hört auf zu lächeln und sucht bei der Bezugserzieherin Schutz. Es ist das Vertraute, das Gewohnte, das Wiederkehrende, die Verlässlichkeit, die Krippenkinder brauchen und die ihnen Sicherheit gibt. Und wenn die Kinder mit den Masken in Coronazeiten aufwachsen, gehören diese zur vertrauten Normalität.

Schauen wir nun einmal auf die ErzieherIn und ihr Team. So manche hat die Zeit im Homeoffice genutzt und in den letzten Monaten Bilanz gezogen. Die Bewertung der persönlichen beruflichen Situation aus einer eher distanzierten Sicht kann zu verschiedenen Konsequenzen führen. Offene Gespräche mit KollegInnen und Vorgesetzten, Initiierung von Supervisionsprozessen, auch Stellenwechsel sind vermehrt zu beobachten. Das bedeutet einerseits viel Bewegung im Team, aber andererseits eingeschränkte Möglichkeiten, die dabei auftauchenden Probleme bzw. Chancen in Präsenztreffen zu bearbeiten. Digitale Konferenzen erreichen hier ihre Grenzen. 

 

Das Coronavirus und die Zusammenarbeit mit Eltern

Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern ist neu zu bewerten und zu gestalten. In der Pädagogik sind viele KollegInnen froh, endlich qualitätsvolle Versorgung der Jüngsten in kleineren Gruppen leisten zu können, aber sie wissen auch, dass es Eltern gibt, die Betreuung bräuchten, auch wenn sie nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten.

Die neuen Grenzen in der Zusammenarbeit mit den Eltern, wie z.B. die Kinder an der Tür zu übernehmen, können zu entspannten Situationen im Hause führen. Und doch vermissen alle die „Tür- und Angelgespräche“, die den täglichen Kurzaustausch sichern. Gerade für die Jüngsten wichtig, da sie noch nicht selbst befragt werden können.

Dazu kommt die neue Aufgabe, wie der Kontakt zu den Familien zu pflegen ist. Und schon taucht das nächste Dilemma auf: Was ist mit den nicht betreuten Kindern? Sind sie alle gut versorgt, bekommen sie die nötigen Bildungsanreize? Mediziner warnen vor Lockdownfolgen: „Wir laufen derzeit Gefahr, etwa 20 % der Kinder einfach von ihrer weiteren Entwicklung abzuhängen – in sprachlicher Hinsicht aber andererseits auch in gesundheitlicher Hinsicht“, sagte der Kinderarzt Thomas Buck im Göttinger Tageblatt, der Vorstandsmitglied der Ärztekammer Niedersachsen ist. In den Arztpraxen sehe man „ganz klar“ die Folgen des Lockdowns: Bewegungsmangel, Sprachentwicklungsstörungen, psychische Probleme, Depression und Traurigkeit.“

Gerade der Bewegungsmangel ist auch innerhalb der Kita auszumachen. Außengelände werden unterteilt, Ausflüge sind nicht möglich, offene Konzepte werden zurückgefahren. Die Folge eingeschränkter Bewegung für Bildungsprozesse ist hinreichend bekannt.

Oft werden hier die Hilfen von Ärzten und Therapeuten von Eltern und Pädagogen in Anspruch genommen. Unbestreitbar ist, dass es für die Eltern ein großer Kraft- und Geduldsaufwand ist, die Kinder zuhause und evtl. bei gleichzeitig laufendem Homeoffice zu betreuen. Oft fehlen besonders jetzt die Großeltern, befreundeten Familien und damit die außerhäuslichen Kontakte.

Sicher ist, dass Kinder hier mehr brauchen, als die Behandlung von Spezialisten. Die diagnostizierten Verhaltens- und Befindlichkeitsauffälligkeiten sind ja eine Folge der veränderten Lebenssituation der Kinder und liegen nicht in ihrer Person begründet. Schauen wir also besonders dorthin, wo Kinder als auffällig diagnostiziert werden, was sie brauchen. Ihr Verhalten zeigt immer einen Notstand an, den wir oft durch das Angebot von Zuwendung, Respekt und der Gestaltung einer reizvollen Umgebung bessern können. Hier wäre eine Lockerung im Sinne von Patenschaften für Kinder eine Idee. Auch der Kitaalltag kann neu bewertet werden.

Das Coronavirus und die Kitamitarbeiter

Durch die veränderten Bedingungen und die kleineren Gruppen trat bei vielen PädagogInnen eine Irritation ein. Wie sind Tagesabläufe zu gestalten? Wie Hygienepläne umzusetzen? Wie schützen wir uns selbst? In dieser Zeit konnten aufmerksame ErzieherInnen beobachten, dass die Kinder die Zeit nutzten. Sie kamen von selbst auf die Erwachsenen zu, wenn sie Materialien für die Umsetzung ihrer Ideen hatten. Sie forderten Hilfe an, wenn sie sie benötigten. Einige KitamitarbeiterInnen erzählten mir von ihrem Glück, wenn sie auf die Anliegen eingehen konnten. Sie hatten Zeit. Sie hatten bei all der Organisation des neuen Alltags noch keine Angebote geplant und staunten nun über den Einfallsreichtum der Kinder und ihren selbstmotivierten Bildungsaktivitäten. Da hörte ich auch schon mal ein „Könnte es nicht immer so sein?“

Die benannten Dilemmata sind nicht einfach zu lösen. Sie sich bewusst zu machen ist ein erster Schritt, um im Gespräch zu bleiben oder ins Gespräch zu kommen. Sich mutig eine andere Brille aufzusetzen und Altes mit neuer Brille sehen, Kritisches und Chancenreiches entdecken, das könnte eine Sichtweise sein.

„Wenn Sie die Art und Weise ändern, wie sie die Dinge betrachten, ändern sich die Dinge, die sie betrachten.“ (Max Planck)

 

Literatur

https://www.aok.de/fk/aktuelles/erzieher-besonders-oft-wegen-covid-19-krankgeschrieben/

Göttinger Tageblatt vom 1.2.2021“Mediziner warnen vor Lockdown-Folgen für Kinder, S. 1.

 

Annette Drüner ist Dipl. Sozialpädagogin, Supervisorin, Fortbildungsreferentin, Coach und Erzieherin. Sie ist seit Jahren selbstständig tätig in den Bereichen Fortbildung, Coaching, Supervision und Beratung. So entwickelte sie auch ein eigenes Aus- und Fortbildungskonzept zur Frühpädagogik „Geborgen und frei – Kinder bis drei“. Ihr Buch erscheint am 15. Februar.

 

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