Nostalgie – Zeithistorische Forschungen

Das aktuelle Themenheft »Nostalgie« der Fachzeitschrift »Zeithistorische Forschungen« (01/2021) beleuchtet sie als Begriff, Phänomen und Problem. Häufig dient der Begriff dazu, anderen einen Mangel an Gegenwartssinn und Zukunftsoffenheit zu bescheinigen oder ihnen gar eine Verklärung der Vergangenheit vorzuwerfen. Dieses Themenheft soll zu einem differenzierteren Umgang mit kulturellen und politischen Aspekten der Nostalgie in Geschichte und Gegenwart beitragen.

Während die Soziologie und vor allem die Psychologie der Nostalgie durchaus positive Effekte beimessen, hat sie in der Geschichtswissenschaft keinen guten Ruf. Historikerinnen und Historiker haben bisher eher wenig Interesse an einer konzeptionellen Auseinandersetzung mit der Nostalgie gezeigt. Zudem hat sich die Nostalgie-Forschung meist auf den nordamerikanischen und europäischen Raum konzentriert. Insofern ist es eine wichtige Blickerweiterung, dass der Aufsatz von Makoto Harris Takao im vorliegenden Heft nach der Bedeutung Japans für eine globale Geschichte der Emotionen fragt. Anglozentrische Vorstellungen von Nostalgie vernachlässigen, mit welchen Eigenheiten die japanische Sprache kulturelle Normen und Gefühlscodes ausdrückt. Eine Globalgeschichte der Gefühle müsste Mehrsprachigkeit und Interkulturalität angemessen einbeziehen.

Im deutschen Fall ist Nostalgie wiederum mit anderen Besonderheiten und Vorbehalten verbunden. Bereits während der 1970er-Jahre wurde Nostalgie in der Bundesrepublik zum Politikum, das (als Vorwurf) bis in Debatten des Deutschen Bundestages reichte – vor allem im Umfeld der sogenannten Hitler-Welle. Erklärungsversuche wie »Nazi-Nostalgie« wurden offenbar als Platzhalter für ein neuartiges Phänomen verwendet, für das es damals noch keine geeigneteren Begriffe gab: die Ubiquität der NS-Zeit sowie speziell Hitlers postume Präsenz in Massenmedien und Populärkultur.

Weitere Beiträge des Hefts widmen sich unter anderem der postsozialistischen Nostalgie in Polen, nostalgischen Formen des Erinnerns im Kontext von Deindustrialisierungsprozessen, dem politischen Gehalt von Heimatgefühlen, dem Umgang mit lokaler Geschichte im Vergleich von Ost- und Westdeutschland sowie – in einer fächerübergreifenden Debatte – dem Verhältnis von Vergangenheitssehnsucht und Rechtspopulismus. Das Ziel des Hefts ist es, zu einer verstärkten Diskussion von Nostalgie als kulturellem wie politischem Phänomen, als Label und Kampfbegriff anzuregen, Nostalgie also zu historisieren statt zu pathologisieren.

Die »Zeithistorischen Forschungen« werden am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam herausgegeben von Frank Bösch, Konrad H. Jarausch und Martin Sabrow. Die Zeitschrift erscheint dreimal jährlich gedruckt und zugleich im Open Access.

Gastherausgeber und Gastherausgeberin des aktuellen Themenhefts sind Dr. Tobias Becker (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) und Dr. Sabine Stach (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, Leipzig).

 

Presseinformation des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) – Marion Schlöttke, Öffentlichkeitsarbeit.

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