»Was heißt: Singularität des Holocaust?« – Neue Ausgabe der »Zeithistorischen Forschungen«

Das aktuelle Heft der Fachzeitschrift »Zeithistorische Forschungen« bietet ein breites Spektrum unterschiedlicher Beiträge. Michael Wildt zeigt, wie die Rede von der »Singularität des Holocaust« in der Bundesrepublik entstanden ist und warum sie inzwischen wissenschaftlich nicht mehr weiterführt. Vor dem Hintergrund geschichtspolitisch aufgeladener Debatten formuliert er »ein Plädoyer für mehr Offenheit und Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven auf Vergangenheit zu akzeptieren, ohne sie zu nivellieren oder zu hierarchisieren«. 

Weitere Beiträge präsentieren verschiedene Quellen aus der Geschichte, Vor- und Nachgeschichte des Nationalsozialismus. Private Familienfilme von Verfolgten der NS-Zeit sind äußerst seltene Dokumente. Für Ellen Illich, die in Wien als Jüdin verfolgt wurde, war das Filmen eine Form der Selbstbehauptung. Als die Villa der Familie 1941 enteignet wurde, rückte Illich den Repräsentanten des Regimes mit der Kamera geradezu auf den Leib. Michaela Scharfs Analyse belegt plastisch, wie das Medium Film dazu dienen konnte, Privatsphäre möglichst lange zu gestalten und zu verteidigen. Andere Perspektiven auf den Alltag vor, während und nach dem Nationalsozialismus bieten Postkarten: Anhand der Selbstdarstellung der Stadt Mauthausen, dem Ort des größten NS-Konzentrationslagers in Österreich, zeigt Anton Holzer mit vielen Bildbeispielen das prekäre Nebeneinander von »Sommerfrische und Verbrechen«. Die Urlaubsidylle an der Donau stand im Vordergrund, aber bei näherem Hinsehen zeigen sich auch auf Postkarten Spuren der Gewaltgeschichte und der Erinnerung daran. Eine der Ansichtskarten aus diesem Beitrag ist auf dem Cover des Hefts abgebildet.

Ein zweiter Schwerpunkt der neuen Ausgabe ist die Frage nach dem Umgang mit gesellschaftlicher Differenz und Heterogenität. Frank Biess schildert eindringlich, dass die enorme Resonanz auf Günter Wallraffs Buch »Ganz unten« (1985) in der Bundesrepublik zu wenig genutzt wurde, um grundsätzlicher über Rassismus und Anti-Rassismus zu diskutieren – gerade auch mit der deutsch-türkischen Community. Rüdiger Graf greift demgegenüber aktuelle Diversitätsdebatten auf: Inwieweit könnte die Geschichtswissenschaft davon profitieren, mehr »Neurodiversität« zuzulassen? Eine nähere Beschäftigung mit neurobiologischen Unterschieden sei nützlich, um Vielfalt anzuerkennen und das Menschenbild zu erweitern, aber den Anspruch auf gemeinsam geteiltes Wissen nicht preiszugeben. Wer sich schließlich für die Entwicklung ländlicher Armut in China seit den 1950er-Jahren oder aber für die »New Wave of British Heavy Metal« der 1970er- und 1980er-Jahre interessiert, wird im aktuellen Heft ebenfalls fündig.

Die »Zeithistorischen Forschungen« werden am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam herausgegeben von Frank Bösch und Martin Sabrow. Die Zeitschrift erscheint dreimal jährlich gedruckt und zugleich im Open Access.

 

Presseinformation des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) – Marion Schlöttke, Öffentlichkeitsarbeit.

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Zeithistorische Forschungen 2022 Jg. 19, Heft 1
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