Über das »Phänomen Jakobsweg«, die Distanz zum Alltag und Selbsterkenntnis – Traugott Roser im Gespräch

800 Kilometer hat Traugott Roser – viele Jahre Pfarrer und Seelsorger in München auf einer Palliativstation, ist seit 2013 Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster – auf dem Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port bis nach Santiago de Compostela im Herbst 2019 zurückgelegt. In seinem Buch »¡Hola! bei Kilometer 410. Mit allen Sinnen auf dem Jakobsweg« liefert Traugott Roser einen sehr persönlichen Einblick auf diesen Weg und seine Erlebnisse. Im folgenden Interview soll es jedoch nicht nur um die konkreten Erlebnisse, sondern auch den allgemeinen Blick auf den Jakobsweg von Traugott Roser und dessen Bedeutung gehen.

Sie schildern zu Beginn Ihres Buches, dass Sie als Professor für Praktische Theologie durchaus mit einer akademischen Distanz auf das Phänomen »Jakobsweg« blicken. Was meinen Sie, wenn Sie von dem »Phänomen Jakobsweg« sprechen?

Traugott Roser (TR): Die Popularität des Jakobswegs in den vergangenen Jahren, ja, Jahrzehnten – beinahe weltweit – ist erstaunlich. Es ist ja nicht so, dass nur aus dem deutschsprachigen Bereich nach Hape Kerkelings »Ich bin dann mal weg« Menschen aller Altersgruppen in großer Zahl zu Pilgerstab gegriffen und Wanderstiefel geschnürt hätten. Menschen aus der ganzen Welt und von allen Kontinenten sind unterwegs, aus völlig unterschiedlichen Kulturen und mit ganz unterschiedlicher Motivation. Das wäre allein schon aus soziologischer Sicht (oder aus tourismuswissenschaftlicher…) spannend, es ist auch theologisch von hohem Interesse. Warum wird eine uralte religiöse Praxis wieder mit Leben erfüllt, und zwar nicht ausgehend von den Kirchen, sondern eher unabhängig davon? Viele der Pilger*innen haben mit verfasster Religion, welcher Konfession auch immer, gar nichts am Hut. Und doch machen viele tiefgehende spirituelle Erfahrungen.


Daraus abgeleitet stellt sich umso mehr die Frage: Inwiefern haben Sie persönlich das Pilgern auf dem Jakobsweg bis dato wahrgenommen und wie haben Sie sich dem Ganzen angenähert?

TR: Als evangelischer, lutherisch geprägter Theologe mit einiger Skepsis, muss ich gestehen. Den ›Hype‹ nach Kerkeling hielt ich für eine Modeerscheinung. Ich habe Hape Kerkelings Bücher mit Vergnügen und auch innerer Bewegung gelesen, weil ich seinen Witz immer mochte, aber dazu bewegt, es ihm gleichzutun hat es mich nicht. Andere Bücher mit mystisch-esoterischem Getue fand ich abschreckend und Filme wie »The Way« wirkten überdramatisiert. Innerhalb meiner Disziplin wirkt noch immer die Skepsis Martin Luthers nach. Er fand, es sei besser sich zuhause um Frau und Kinder zu kümmern, statt wochenlang weg zu sein und seinem Bedürfnis nach frommen Werken nachzugehen, während man zuhause viel besser seinen Glauben leben könne.
Aber dann hat mich doch interessiert, was das Geheimnis dieses Wegs ist, seine Faszination, seine Kraft. Wenn Tausende, Zehn- und Hunderttausende Menschen denselben Weg gehen und dabei voller Emotionen und Gebeten sind, dann muss das doch Spuren hinterlassen. Als ich zudem noch eine Dokumentation gesehen habe, wie sich ein taubblinder Mann – von Sozialarbeiterinnen unterstützt – auf den Jakobsweg machte und es alles andere als eine fromme Erfahrung wurde, stand mein Beschluss fest: das will ich genauer wissen – aus eigener Erfahrung, ein bisschen wie der Apostel Thomas, der ja der Zweifler genannt wird.


Sie unterteilen Ihren Jakobsweg in drei Abschnitte: Den physischen, den psychischen und den spirituellen Camino. Bei dieser Unterteilung schwingt eine gewisse Folgerichtigkeit mit, in der der physische Camino den psychischen Camino bedingt, der wiederum die Voraussetzungen für den spirituellen Camino schafft. Dieser Prozess erweckt den Eindruck einer gewissen Distanz vom Alltag, die erst die Freiräume für psychische Reflexion und Spiritualität aber auch eine umfassende Beschäftigung mit dem eigenen Glauben ermöglicht. Könnte man dies – besonders mit Blick auf das gegenwärtige Zeitalter der Digitalisierung und ständigen Erreichbarkeit – so festhalten? Und hat ebendiese ständige, digitale Erreichbarkeit Auswirkungen auf das Pilgern und die Pilgergemeinschaft auf dem Jakobsweg?

TR: Distanz zum Alltag – das ist wahrscheinlich die Grunderfahrung und Voraussetzung. Man muss seinem Alltag, nicht nur dem beruflichen, sondern auch dem familiären Alltag Ade sagen. Das Packen eines Rucksacks mit Verzicht auf die Alltagskleidung, die Reise zum Ausgangsort (ich nahm den Zug, die Reise dauert einen Tag) helfen sehr.
Den Alltag kann man natürlich auch mitnehmen und dabei sind die digitalen Medien verführerisch. Die WLAN-Abdeckung in Nordspanien ist fantastisch, ich wusste gar nicht, wie sehr wir da in Deutschland hinterherhinken. Da könnte man alle Mails und Anrufe entgegennehmen. Aber dann ›beamt‹ man sich jeweils wieder vom Weg zurück in den Alltag. Eine klare Regel hilft:
»Ich bin nicht erreichbar bis (ungefähres Datum)« oder feste Telefon-Zeitpunkte (einmal die Woche zum Beispiel) einplanen. Meine Umwelt hat es akzeptiert und mich die fünf Wochen über nicht zu erreichen versucht. Es geht also doch! Und es hat mir gutgetan und ermöglicht, mich erst physisch auf den Weg einzulassen, um meine inneren psychischen und spirituellen Erfahrungen machen zu können.


Wenn Sie in Ihrem Buch über Ihren Jakobsweg schreiben, geschieht dies stets auch mit der Brille des Pfarrers, Seelsorgers und Theologen. Entsteht dabei Ihrer Auffassung nach ein Unterschied in der Betrachtung und im Erleben des Jakobsweges? Haben Sie die Pilgergemeinschaft und die Menschen, die Ihnen begegnet sind, anders wahrgenommen?

TR: Ich habe – anfangs – niemandem gesagt, was ich beruflich mache. Ich konnte als Professor ja immer sagen »I’m into teaching«. Aber ich ging natürlich immer mit meinem beruflichen und wissenschaftlichen Hintergrund. Das fand ich aber nicht störend. Ich denke, dass jeder seine Brille aufsetzt und Dinge wahrnimmt, die ihm sonst auch ins Auge fallen. Ein Südkoreaner, der zuhause Akupunktur betreibt, hatte sein Set mit Nadeln dabei und bot jedem, der es wollte, sein Können an. Aufgefallen ist mir aber, dass ganz viele Menschen die Distanz zum Berufsalltag nutzen, um sich zu überlegen, ob sie sich verändern wollen. Ich selbst habe gemerkt, dass ich nichts anderes als Pfarrer und Theologe sein will. Die tiefgehenden Begegnungen mit Menschen und die vielen kulturgeschichtlichen Dinge am Weg – da war ich dankbar für das Werkzeug, das ich berufsbedingt mitbringen konnte. Am schönsten war es allerdings, als mir Mitpilger bestätigten, dass es mein »Ding« ist, Pfarrer zu sein – »You do your Traugott thing!« sagte einer.


Zu guter Letzt: Was würden Sie den Pilger*innen für ihren Weg auf dem Jakobsweg empfehlen und mitgeben?

TR: Offenheit, Neugierde und Aufgeschlossenheit. Freude am Genuss der kulinarischen Köstlichkeiten: der Weg führt durch alte Weinlandschaften, da sollte man sich nicht zu sehr in Askese üben. Auf jeden Fall gutes Schuhwerk und ein Rucksack, der einem nicht zu viel nachgibt, wenn man aus Angst alles Mögliche mitschleppen will. Und zuletzt Taschentücher, weil der Satz schon stimmt: Irgendwann heult jeder auf dem Jakobsweg. Das können auch Freudentränen sein. Oder andere.


Über den Autor:
Dr. Traugott Roser war viele Jahre Pfarrer in München und Seelsorger auf einer Palliativstation. Heute lebt er mit seinem Mann in der Nähe von Münster (Westf.) und ist seit 2013 Professor für Praktische Theologie an der dortigen Universität.



© Vandenhoeck & Ruprecht, ein Imprint der BRILL Deutschland GmbH. Das Interview wurde von Stefan Lemke schriftlich geführt und ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung. Bitte senden Sie nach Veröffentlichung einen Beleg an presse@v-r.de. Danke!

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