»Ich packe meinen Koffer und nehme mit ...?«

Herausgeberin Carolin Schaper erklärt im Interview, wie der »Werkzeugkoffer pädagogisches Handeln« hilft, eine professionelle Haltung als LehrerIn zu entwickeln.

 

Liebe Frau Schaper, Sie schreiben, dieser »Werkzeugkoffer« enthielte »alles, was wichtig ist«. Was genau ist denn drin in diesem »Koffer«?
 
Wenn jemand neu im Berufsfeld Schule startet, stürzen oft viele Eindrücke und Anforderungen gleichzeitig auf sie oder ihn ein. Dazu kommen eigene Befürchtungen, die Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit und meistens noch jede Menge wohlmeinende Tipps aus dem näheren privaten und beruflichen Umfeld… Aber nicht alles davon ist gleich wichtig!
Der »Koffer« wurde »gepackt« von LehrerInnen, die sich als AusbilderInnen mit dieser Anfangssituation auskennen und in ihren Beiträgen das komplexe Berufsfeld Schule portionsweise servieren. Das kann man im Aufbau des Buches erkennen: Im Block »Überlebensnotwendiges« findet man die Basics, an denen man als unterrichtende/r LehrerIn einfach nicht vorbeikommt, wie Unterricht planen, Noten geben und sich auf eine häufig bisher nie gekannte Weise organisieren zu müssen. Gerade der letzte Punkt ist übrigens auch schon im Vorbereitungsdienst eine Herausforderung.
Diesem Block vorangestellt sind aber die vielleicht noch wichtigeren Grundsatzfragen, wie die nach der eigenen Rolle: Wer bin ich eigentlich als LehrerIn? Das ist eine Frage, mit der sich alle, die LehrerIn werden wollen, schon vom ersten Praktikum an auseinandersetzen sollten.
 
Welcher Antrieb steckt hinter dem Buch? Warum bedarf es jetzt eines neuen »Werkzeugkoffers« für das pädagogische Arbeitsfeld?
 
Als langjährige und ambitionierte AusbilderInnen haben wir immer wieder versucht, Materialien und Hilfestellungen für Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst so nah wie möglich an deren Bedarf und Praxis zu entwickeln. Zugleich war uns aber immer eine theoretisch fundierte und selbständig reflektierende Herangehensweise wichtig. Deswegen sind die Hinweise und Anregungen zu den einzelnen Anforderungen des Berufsfelds LehrerIn zwar portioniert, werden aber bewusst nicht als Rezept serviert. Die fundierten Handbücher, die es in diesem Bereich gab, waren einfach nicht mehr aktuell genug.
Der »Werkzeugkoffer Pädagogisches Handeln« profitiert sehr von dem pädagogischen Ansatz des »Reflektierenden Praktikers« des Pädagogen Gert Lohmann. Dieser Ansatz soll durch Evaluation, Perspektivwechsel und bewusste Erkundung der Rahmenbedingungen zu einer professionellen LehrerInnenhaltung anleiten.
 
Zu den aktuell relevanten Herausforderungen von Schule gehört neben der Frage nach dem Umgang mit transkulturellen Herausforderungen die des inklusiven Unterrichts. Hierzu lässt sich aber kein eigenes Kapitel ausmachen – fehlt da etwas?
 
Ja-nein-vielleicht – ein eigenes Kapitel zu Inklusivem Lernen fehlt, gerade, weil wir diesem Arbeiten einen hohen und ganz eigenen Stellenwert beimessen.
Das Thema Inklusion sollte jeweils im Sinne eines schuleigenen Konzeptes spezifisch ausdifferenziert werden. Es findet seinen Niederschlag aber im Kapitel »Diversität berücksichtigen«. Hier wird ein aus langjähriger Ausbildungserfahrung funktionaler Ansatz vertreten: Das handwerklich solide Erlernen von Differenzierungsmaßnahmen ist die beste Vorbereitung auf inklusiven Unterricht. Dieser Ansatz kann junge KollegInnen neben dem handwerklichen Kompetenzgewinn auch aus der häufig mit dem Begriff »Inklusion« verbundenen Überforderungsfalle befreien.
 
Das Handbuch wurde von einem ganzen AutorInnenteam verfasst, es kommen sogar SchülerInnen selbst zu Wort. Das Handbuch zeichnet sich also durch eine enorme Vielstimmigkeit aus. Warum wurde diese besondere Herangehensweise gewählt?
 
Es gab für mich als Herausgeberin mindestens drei gute Gründe, einen »Werkzeugkoffer Pädagogisches Handeln« gemeinsam packen zu wollen:
Erstens ist es genau diese Vielstimmigkeit, die auch der/dem AnfängerIn in diesem Berufsfeld begegnet. Sie oder er wird sich, so erhoffen wir es uns, mit diesen Positionen schon vorher oder begleitend auseinandersetzen und eine eigene Haltung zu ihnen entwickeln können. Auch die Kommentare der SchülerInnen sind dabei wichtig: Ihre Perspektive ist unmittelbar und direkt, setzt die Lesenden aber nicht unter Stress, weil es ja (noch) nicht die eigenen SchülerInnen sind.
Ein zweiter Grund liegt in der besonderen Verbundenheit jeder/s einzelnen Autorin/Autors mit ihren bzw. seinen Themen: Jeder/Jedem AutorIn ist ihr/sein Thema eine Herzensangelegenheit, etwas, für das sie oder er Experte ist. Und auch wenn alle ganz sachlich schreiben, meine ich, dass man das zwischen den Zeilen merkt.
Drittens liegt eine besondere Qualität darin, wenn sich Menschen mit einem gleichen Ideal oder Bild von Schule und LehrerInsein, aber durchaus unterschiedlichen Perspektiven auf die einzelnen Fragestellungen zu diesen äußern. Mir fällt als Vergleich nur der demokratische Prozess und die Qualität der durch Mehrperspektivität und Kontroversen ausgehandelten Lösungen ein. Im »Werkzeugkoffer« schafft das zum einen inhaltliche Widerspiegelungen, zum anderen Facetten.
 
Liebe Frau Schaper, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.
 
Avec plaisir.


© Vandenhoeck & Ruprecht. Das Interview führte Lina-Sophie Jacobs. Es ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung. Bitte senden Sie nur nach Veröffentlichung einen Beleg an m.doepke@v-r.de. Danke!
 
Die Herausgeberin
Carolin Schaper ist Lehrerin für die Fächer Deutsch, ev. Religion und Psychologie und bildet seit vielen Jahren Lehrerinnen und Lehrer aus. Seit Februar 2016 arbeitet sie als Prozessbegleiterin für pädagogisches Qualitätsmanagement und regionale Fortbildungen für deutsche Auslandsschulen.

Veranstaltungshinweis: Carolin Schaper auf der didacta 2017 in Stuttgart | Forum Bildung

18. Februar 2017, 11:30-12:45
Gesprächsrunde zum Thema »Wie verbessern wir die Qualität unserer Schulen?«
Neben der Herausgeberin Carolin Schaper sind beteiligt: Doro Moritz (Vorsitzende GEW Baden-Württemberg) sowie Gerda Windey (Ministerialdirektorin im Ministerium für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg). Die Veranstaltung moderiert Lothar Guckeisen.
 
Stand: 1H71 (Veranstaltung am Messestand)
(Den Flyer zum Download finden Sie hier.)

Tags: Im Gespräch
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