Gewaltabkehr als gesellschaftliches Projekt – Heft 02/2018 der Zeithistorischen Forschungen ist da!

In Deutschland ging seit der Gründung der Bundesrepublik die Gewalt im staatlichen Handeln und in der gesellschaftlichen Praxis zurück. Dennoch gab und gibt es stets auch gegenläufige Tendenzen. Dieser Ambivalenz von Gewalt und Gewaltabkehr geht das neue Themenheft der »Zeithistorischen Forschungen« nach. Die Beiträge untersuchen, welche Methoden der Gewaltkontrolle in den Sozialbereichen Familie, Heimerziehung, Schule, Strafvollzug, Massenmedien, Sport und Arbeitswelt eingesetzt wurden.

Mit der Abkehr von der Gewalt wird ein Thema aufgegriffen, das bislang weitgehend im Schatten der Gewaltforschung stand. Die Autorinnen und Autoren des Heftes untersuchen folgende Fragen: Wie verbanden sich ältere und neuere Praktiken der Gewalt? Welche Herausforderungen ergaben sich daraus für die Gewaltprävention? Im Sinne der Leitvorstellungen zivilisierter Gesellschaften ist entscheidend, dass Gewalt NICHT passiert. Aber wie und in welchem Maße setzten sich diese Leitbilder in der sozialen Praxis tatsächlich durch? Ein wichtiges Ergebnis lautet, dass sich der Gewaltbegriff selbst wandelte: Die öffentliche Aufmerksamkeit für Alltags-Gewalt und der Legitimationsdruck für ihre Anwendung stiegen. Die „#MeToo“-Kampagne lässt sich in diesen längeren zeithistorischen Trend einordnen.

Gewalt an Schulen erscheint oftmals als Symptom einer Verrohung der ganzen Gesellschaft. Demgegenüber haben viele Historiker/innen gerade die Schule in das Zentrum einer Zivilisierungsgeschichte der westdeutschen Gesellschaft seit 1945 gestellt. Till Kössler nimmt diesen Deutungswiderspruch zum Ausgangspunkt einer Analyse schulischer Gewalt zwischen den frühen 1970er-Jahren und der Jahrtausendwende. Er schlägt eine neue Lesart vor: Untersucht werden die sich wandelnden Vorstellungen, was „Gewalt“ eigentlich sei und wie sie überwunden werden könne. Eine Sensibilisierung gegenüber Gewaltphänomenen war verbunden mit neuen Ansprüchen an schulische Kommunikation – Erwartungen, die von Lehrer/innen und Eltern als Fortschritt erfahren werden konnten, aber auch als Zumutung und Überforderung.

Die Geschichte des modernen Fußballs ist begleitet von regelmäßigen Gewaltausbrüchen unter Zuschauern und Fans. Diese Tendenz verstärkte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren, wobei nicht nur die Bundesrepublik, sondern ebenso die DDR zum Schauplatz drastischer Gewaltereignisse wurde. Jutta Braun zeichnet nach, wie sich die Methoden und Standards der Gewaltprävention im Fußball verändert haben. Untersucht wird vor allem das spannungsreiche Handlungsdreieck aus Sozialpädagogik, Sicherheitsstrategien der Polizei und gesellschaftlichem Engagement des Deutschen Fußballbundes (DFB). Erst im Angesicht der radikalisierten Fan-Gewalt nach dem Mauerfall fanden diese unterschiedlichen Akteure zu einer stabilen und konstruktiven Zusammenarbeit. Zugleich gewann die gesellschaftliche Rolle des Fußballsports an Gewicht. Das Fan-Milieu gilt mittlerweile als sensibler Indikator politisch-sozialer Spannungen. Zudem erweiterte der DFB seine rein sportpolitische Funktion und beansprucht heute die Rolle eines wichtigen gesellschaftspolitischen Akteurs.

Das Themenheft bietet u.a. auch Aufsätze zur Gewalt in der Heimerziehung und in Gefängnissen, ein Interview mit dem Soziologen Wolfgang Knöbl zur Gewaltforschung sowie in der Rubrik „Neu gesehen“ einen Beitrag über die „Schimanski“-Tatorte der 1980er-Jahre.

(Marion Schlöttke (Öffentlichkeitsarbeit) – Zentrum für Zeithistorische Forschung)

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Die Online-Ausgabe des Heftes der »Zeithistorischen Forschungen« geht es hier.

 

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