Aus alt mach neu: Ein bisher unbekanntes Manuskript Lessings jetzt als kommentierte Edition

Der Herausgeber PD Dr. Mark-Georg Dehrmann im Interview über ein kleines, bisher unbekanntes Notizheft Gotthold Ephraim Lessings. Es gibt Einblicke in dessen philologische Arbeit. In den etymologischen Notizen »Von der Aehnlichkeit der Griechischen und Deutschen Sprache« nimmt er die Beziehung griechischer und deutscher Wörter in den Blick.

 
Ein Interview mit PD Dr. Mark-Georg Dehrmann, Literaturwissenschaftler


Guten Tag, Herr Dr. Dehrmann! In diesen Tagen erscheint die Edition eines bislang unbekannten Manuskripts von Gotthold Ephraim Lessing mit dem Titel »Von der Aehnlichkeit der Griechischen und Deutschen Sprache«. Lessing ist ein breit erforschter, vielfach edierter Dichter der Aufklärung. Wie ist es Ihnen gelungen, das Manuskript zu entdecken?

Dieser Glücksfall wurde eigentlich durch ein Unglück ermöglicht: Große Teile von Lessings Nachlass sind nämlich schon bald nach seinem Tod verloren gegangen. Das Manuskript hat ›überlebt‹, weil es in dem Nachlass eines anderen lag, nämlich von Friedrich August Wolf, einem der Begründer der modernen klassischen Philologie um 1800. Dessen Papiere bin ich in der Berliner Staatsbibliothek für ein anderes Vorhaben durchgegangen. Offenbar hatte das noch niemand gründlich gemacht. In dem Verzeichnis des Nachlasses stieß ich auf eine alte Notiz aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dort stand in etwa: »Lessing: Von der Ähnlichkeit der deutschen und griechischen Sprache«. Die Notiz war rätselhaft, denn die Forschung wusste seit dem 19. Jahrhundert, dass Lessing irgendetwas mit diesem Titel geschrieben hatte; es galt jedoch ebenfalls als verloren. Also habe ich die Signatur bestellt – und wurde enttäuscht: Aus dem Magazin kam die Rückmeldung, dass sich an ihrem Platz nichts befinde! Inzwischen hatte ich mit der Leiterin der Abteilung Nachlässe Kontakt aufgenommen, meiner späteren Mitherausgeberin Jutta Weber. Sie und der engagierte Magaziner haben noch einmal gründlich in den Regalen gesucht – und konnten dann tatsächlich den kleinen Band zutage fördern. Er war ganz hinten in das Regal gerutscht.

Wie arbeitet man mit einem solchen Fund? Was haben Sie mit dem Manuskript gemacht, um es an das Licht der Öffentlichkeit zu bringen?

Als das kleine Buch endlich aufgetaucht war, wurde gleich klar, dass es sich tatsächlich um eine bisher unbekannte Handschrift Lessings handelte. Allerdings war es, anders als die Forschung vermutet hatte, kein Aufsatz Lessings, sondern ein Notizbuch, also gewissermaßen ein Arbeitsinstrument. Um zu verstehen, worum es sich genau handelte, musste zunächst eine Transkription angefertigt werden – was nicht ganz einfach war, da Lessing teilweise fahrig, in sehr kleiner Schrift geschrieben hatte. Wie es sich für die Notizen eines Gelehrten gehört, bezogen sich viele der Einträge auf andere Texte, sei es der Antike, sei es auf Wörterbücher oder Schriften anderer Gelehrter. Um Lessings Notizen besser nachvollziehen zu können, mussten all diese Referenzen verfolgt werden. Unsere Edition dokumentiert einerseits diese Arbeit, indem sie in Kommentaren auf die jeweiligen Quellen verweist. Andererseits will sie der Forschung aber auch ein Fundament für eigene, weitergehende Fragen geben. Sie druckt daher die beschriebenen Seiten des Notizbuches im Faksimile ab; und die Kommentare sind als Einstieg in die weitere Beschäftigung gedacht, nicht als erschöpfende Erläuterungen.

Was können heutige Leser aus Lessings Manuskript über die »Aehnlichkeit der Griechischen und Deutschen Sprache« lernen?

Lessing rückt durch das Notizbuch einerseits näher, andererseits aber auch in größere Ferne. Die Nähe entsteht, weil wir an dem Notizbuch genau nachvollziehen können, welche Stellen seiner Lektüren sein Interesse geweckt haben und wie er dann in Lexika und anderen Werken nachgeschlagen hat, um seine Auffassungen zu bilden. Wir können dem Gelehrten Lessing – mit etwas Phantasie – fast bei der Arbeit zusehen.
Ferner rückt uns Lessing aufgrund des Gegenstandes seines Interesses. Denn er sucht nach etymologischen Beziehungen zwischen deutschen und griechischen Wörtern. Und aus heutiger Perspektive sind viele seiner Ableitungen schlicht falsch. Aber im Kontext seiner Zeit ist das, was Lessing tut, alles andere als abwegig. Nachzuweisen, dass die eigene Sprache in einer engen Beziehung zu der kulturell hoch aufgeladenen griechischen Sprache stand, hatte in der Frühen Neuzeit bis ins 18. Jahrhundert eine immense Bedeutung. Nicht wenige Gelehrte haben auf diese Weise sozusagen Politik betrieben und versucht, ihre eigene Sprache und Nation gegenüber den europäischen Nachbarnationen aufzuwerten. Das Notizbuch zeigt damit, wie sehr diese Tradition in der Mitte des 18. Jahrhunderts noch wirksam war – und gerade einen ›modernen‹ Aufklärer wie Lessing brennend interessieren konnte.

Lessing ist heute besonders als Dramatiker und Theaterkritiker in Erinnerung; Stücke wie »Nathan der Weise« und »Emilia Galotti« erfreuen sich auf deutschen Bühnen noch immer großer Beliebtheit. Welche Rolle spielen sprachgeschichtliche Fragestellungen wie die vorliegende in seinem Gesamtwerk?

Lessing geht es in dem Notizbuch um Sprachgeschichte, aber auch um mehr: Er operiert als Philologe, der die Wörter, mit denen er umgeht, adäquat verstehen will. Dahinter steht die Überzeugung, dass die alten Traditionen, etwa der Antike, immer noch Wissen bergen, das auch für die Gegenwart wichtig, ja revolutionär sein kann. Insofern kann man im Notizbuch einen Impuls verfolgen, der vielen der berühmten Werke Lessings zugrunde liegt. Nehmen wir etwa den Nathan und sein Zentrum, die Ringparabel. Das ganze Stück ist in gewisser Weise eine fortschreitende Ausdeutung der Ringparabel, in der sich der Sinn der monotheistischen Religionen – die ja allesamt auf Heiligen Schriften basieren – verbirgt. Die Toleranz, für die Lessing im Nathan eintritt, ist für ihn Folge einer genauen Lektüre der Traditionen und ihrer Schriften. Ein anderes Beispiel ist die Hamburgische Dramaturgie mit ihrer neuen Theorie des tragischen Mitleids. Auch hier postuliert Lessing seine Position nicht einfach aus dem Nichts heraus, sondern er entwickelt sie in einer genauen Exegese der Aristotelischen Poetik. Der Literaturwissenschaftler Max Kommerell hat für Lessings Verbindung von Traditionsbewusstsein und Neuerung eine glückliche Wendung gefunden: »revolutionäre Philologie«. Und ich glaube, dass diese Haltung der genauen, kritischen Lektüre auch heute eminent wichtig ist.

Wie schätzen Sie den Wert des Manuskripts für die Lessing-Forschung ein?

Nun, sicher wird unser Lessing-Bild nicht revolutioniert. Das Thema des Notizbuchs erscheint dazu auf den ersten Blick auch als zu sperrig. Aber man sollte sich dadurch nicht abhalten lassen. Wenn man sich auf Lessings Tun, wie es hier dokumentiert ist, einlässt, dann kann das Notizbuch wichtige Impulse geben: Es ist eine Einladung, bei Lessing viel mehr auf jene Dialektik von Tradition und Neuerung zu achten, die für sein Werk insgesamt konstitutiv ist. Oft wird in der Forschung nur der Revolutionär Lessing ins Zentrum gestellt, nicht aber die philologischen Grundimpulse, aus denen die neuen Positionen hervorgehen: sein Wille, die Traditionen zu kennen und sie durch genaue Lektüre neu zu verstehen.

Die Edition:
Die Edition präsentiert ein bisher unbekanntes Manuskript Gotthold Ephraim Lessings: ein Notizbuch mit dem Arbeitstitel »Von der Aehnlichkeit der Griechischen und Deutschen Sprache«. Vom 1. Dezember 1759 an verzeichnete Lessing darin etymologische Beobachtungen. Die Sammlung unterstreicht, welche Bedeutung philologische und sprachgeschichtliche Fragen für ihn spielten. Sie beleuchtet das gelehrte Fundament von Lessings Schreiben und Denken und rückt die Verfahren in den Blick, durch die er zu seinen oft revolutionären Positionen gelangt. Die Edition bietet einen Kommentar und ein umfangreiches Nachwort, das unter anderem in die zeitgenössischen gelehrten Kontexte einführt.

Die Herausgeber:
PD Dr. Mark-Georg Dehrmann unterrichtet Neuere deutsche Literatur an der Leibniz Universität Hannover. Dr. Jutta Weber ist stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin und Leiterin des Referats Nachlässe und Autographen.

Hier erfahren Sie näheres zum Buch!


© V&R unipress. Das Gespräch führte Julian Ingelmann. Das Interview ist freigegeben für Ihre Presseberichterstattung! Bitte senden Sie nur nach Veröffentlichung einen Beleg an stefan.lemke@v-r.de. Danke!

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